100 Jahre SPD:Eine Partei, drei Geschichten

Die Entwicklung der Ortsvereine ist von Höhen und Tiefen geprägt, die auch mit der Bevölkerungs- und Industriestruktur in den Gemeinden zusammenhängen. Während die SPD in Markt Schwaben auf eine starke Arbeiterschaft zählen konnte, hatten die Genossen in Grafing und Ebersberg seit jeher zu kämpfen

Von Andreas Junkmann

Sie sind Ortsvereine der gleichen Partei - und könnten doch unterschiedlicher kaum sein. Die SPD in Markt Schwaben, Grafing und Ebersberg feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Drei Geschichten der Sozialdemokratie im Landkreis Ebersberg.

Markt Schwaben

Albert Jell

Ein prägendes Gesicht der Markt Schwabener Genossen: Albert Jell war zwölf Jahre lang Bürgermeister.

(Foto: Privat)

Die Entwicklung der SPD in der nördlichen Landkreisgemeinde hängt eng mit den industriellen Strukturen zusammen, die es dort bereits sehr früh gegeben hat. So wurde 1871 die Bahnstrecke von München nach Neuötting mit einem Halt in Schwaben eröffnet, 1872 folgte die Verbindung von Schwaben nach Erding. Durch die gute Infrastruktur siedelten sich viele Betriebe in Markt Schwaben an, etwa die Maschinenfabrik Weindl, die Dampfziegelei Schwaben oder die Baufirma Haydn. "Die Eisenbahn und die starke Industrie sind charakteristisch für die Entwicklung von Markt Schwaben", sagt der heutige SPD-Ortsvorsitzende Manfred Kabisch. Von der großen Arbeiterschaft haben auch die Sozialdemokraten schon früh profitiert, abzulesen ist das an den Wahlergebnissen von Reichstags- und Landtagswahlen im Jahr 1924. "Markt Schwaben hat in beiden Wahlen den höchsten SPD-Stimmenanteil, sowohl absolut wie prozentual, im ganzen Bezirk Ebersberg", heißt es in der Chronik des Ortsverbandes.

Auch durch den Zweiten Weltkrieg und das vorübergehende Verbot der SPD wurde der Erfolg des Ortvereins nicht gebremst, im Gegenteil. Nachdem die Partei bereits bei den ersten Wahlen nach dem Krieg wieder einige Gemeinderäte stellen konnte, gelang es den Genossen 1948 mit Albert Jell zum ersten Mal einen SPD-Bürgermeister zu installieren. Erneut spielte der Partei dabei die Ortsstruktur in die Hände. "Die Nazis haben hier während des Krieges viele Baracken aufgebaut, die anschließend dafür benutzt worden sind, um Flüchtlinge aufzunehmen", erklärt Ortsvorsitzender Kabisch. Durch die rasant wachende Bevölkerungszahl, wurden eine Reihe von Sozialbauprojekten notwendig. Gleichzeitig hielt die Entwicklung in Gewerbe und Handwerk weiter an.

Auf politischer Ebene ist das Markt Schwabener Rathaus in dieser Zeit fest in roter Hand. Albert Jell setzte sich auch bei den Wahlen 1952 und 1956 als Bürgermeister durch. Erst als dieser 1960 aus Altersgründen nicht mehr für das Amt kandidierte, konnte die CSU ihre Chance nutzen und erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder einen Bürgermeister stellen. Bei Landtags- und Bundestagswahlen erzielte die Partei in Markt Schwaben aber für den Landkreis nach wie vor überdurchschnittliche Ergebnisse. Nachdem man den Christsozialen in den Folgejahren jedoch die absolute Mehrheit im Gemeinderat überlassen musste, stellte sich der Ortsverein von 1991 an neu auf - und konnte wieder an die frühen Erfolge anknüpfen. Die "neugewonnene Stärke und Popularität", wie es in der Chronik heißt, nutzte die SPD schließlich bei den Wahlen 1996, als Bernhard Winter zunächst noch knapp in der Stichwahl scheiterte, dann aber 2002 zum Bürgermeister gewählt wurde. Seither haben die Sozialdemokraten in Markt Schwaben wieder das Sagen, denn auf Winter folgte 2011 Georg Hohmann, der bis heute das Bürgermeisteramt inne hat.

Auch wenn Markt Schwaben schon immer ein gutes Pflaster für die SPD war, geht der Abschwung der Gesamtpartei auch am Ortsverein nicht spurlos vorüber. "Im Moment tun wir uns schwer", sagt Manfred Kabisch. Die schwinden Mitgliederzahlen seien nicht alleine darauf zurückzuführen, dass sich im Lauf der Jahre andere Ortsverbände wie Poing abgespalten haben. Derzeit zählt der Ortsverband laut Kabisch zwischen 30 und 40 Mitglieder. "Von der erfolgreichen Geschichte können wir uns heute nichts mehr kaufen." Deshalb müsse man auch in Markt Schwaben weiterhin hart arbeiten.

Grafing

"Die SPD begann auch in Grafing als Partei der Arbeiter, die dafür antraten, eine Verbesserung der wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse der Arbeiterschaft und deren gesellschaftliche Anerkennung zu erkämpfen", heißt es in der Chronik, die der Grafinger Ortsverband erstellt hat. Der Start in der mittleren Landkreisgemeinde war für die Sozialdemokraten aber alles andere als einfach. An Ostern 1919 versuchte Martin Pletzer senior, mit Hilfe der Münchener SPD eine sozialdemokratische Gruppe im Ort zu gründen. Kurz zuvor wurde jedoch in München die Räterepublik ausgerufen, was, wie in der Chronik zu lesen ist, auch in Grafing zu chaotischen Verhältnissen führte. Und so wurde die Gründungsveranstaltung im Heckerkeller jäh von Soldaten unterbrochen, die Petzer mitnahmen und damit vorerst einen Ortsverein verhinderten. Dennoch konnten sich die Grafinger Sozialdemokraten wenig später doch noch organisieren.

Nach der zwischenzeitlichen erneuten Auflösung von 1925 bis 1928, schaffte es die SPD in Person des Bahngehilfen Andreas Baumann 1929 erstmals in den Gemeinderat. Wie alle anderen Ortsvereine musste auch der in Grafing nach dem reichsweiten Verbot der Partei im Jahr 1933 aufgelöst werden. In den Jahren nach dem Krieg schaffte es die Partei immer wieder, Sitze im Gemeinderat zu ergattern, an der Dominanz der CSU gab es aber zunächst nichts zu rütteln. Bemerkenswert ist allerdings, dass für die Sozialdemokraten in Paula Rohner 1948 erstmals eine Frau für das Gremium kandidierte, gewählt wurde sie jedoch nicht.

Ihren politischen Höhepunkt erlebten die Grafinger Genossen in den Jahren 1966 bis 1972, als sie in Josef Obermeier den ersten und bislang einzigen Bürgermeister stellen konnten. Zugleich fuhr die Partei bei der Stadtratswahl 1972 mit 40,65 Prozent ihr bestes Ergebnis aller Zeiten in Grafing ein. In den Folgejahren habe sich - zum Nachteil der SPD - die ländlich-konservative Bevölkerungsstruktur in der Stadt deutlich verstärkt, wie es in Chronik heißt. Für die Partei gab es deshalb nurmehr wenig zu ernten. Der Tiefpunkt war 1996 erreicht. "Das Ergebnis der Kommunalwahl stellte für die SPD in Grafing einen massiven Einschnitt dar. Die Partei verlor zugunsten der Grünen erheblich an kommunalpolitischem Gewicht", schreibt der Ortsverband. Seither konnte die SPD bei keiner Grafinger Stadtratswahl mehr die 15-Prozent-Marke knacken.

Ebersberg

Die Gründung des SPD-Ortsvereins in Ebersberg ist sowohl zeitlich als auch geografisch genau belegt. Am 14. April 1919 hat Sebastian Schurer ins damalige Gasthaus Hamberger in die Ignaz-Perner-Straße geladen, um auf einer Versammlung über die politische Lage zu informieren. Wie aus frühen Aufzeichnungen hervorgeht, habe der damalige Pasinger Stadtrat und bayerische Landtagsabgeordnete, Hans Nimmerfall, die Besucher derart mitgerissen, dass sich spontan 50 Personen der Partei angeschlossen hätten und dadurch der Ortsverein entstanden sei. Diese Euphorie wurde aber jäh gebremst, als sich bürgerliche Ebersberger gegen die neue Partei wehrten und sogar dem Hamberger-Wirt mit Boykott drohten, sollte die SPD dort weiterhin verkehren. Dennoch schafften es die Sozialdemokraten, bei ihrer ersten Gemeindewahl 1919 vier Vertreter in das Gremium zu bekommen. Bei den Wahlen 1924 und 1929 konnten sie diese Sitze aber nicht halten.

Hans Mühlfenzl hat sich intensiv mit der Geschichte des Ebersberger Ortsverbandes auseinandergesetzt und unter anderem die Ausstellung zum 100. Jubiläum mitgestaltet. "In Ebersberg hat es schon immer vergleichsweise wenig Industrie gegeben", sagt er. Das mache sich auch an den Mitgliederzahlen im Ortsverein bemerkbar. Zwar sei man mit knapp 80 Mitgliedern immer noch einer der größten SPD-Verbände im Kreis, in den 1960er Jahren seien es aber sogar bis zu 130 gewesen - "und das, obwohl zu der Zeit noch deutlich weniger Menschen hier gewohnt haben". Den Wegfall von großen Betrieben wie dem Holz-Sägewerk oder Rodenstock habe die Partei aber zu spüren bekommen.

Das ist womöglich mit ein Grund, warum die SPD in Ebersberg nie einen Bürgermeister stellen konnte. Am dichtesten dran waren die Sozialdemokraten 1972, als Sebastian Schurer junior gegen den späteren Landrat Hans Vollhardt (CSU) mit nur 40 Stimmen Unterschied unterlag. Schurer war damals zugleich der erste eigene Kandidat der Ebersberger SPD bei einer Bürgermeisterwahl. Bemerkenswert waren auch noch die 38 Prozent, die Hans Mühlfenzl bei der Wahl im Jahr 1990 erreichte, doch auch er unterlag gegen Vollhardt. Große Hoffnungen setzten die Genossen auf das Jahr 1994, als mit Walter Brilmayer (CSU), Robert Schurer (SPD) und Toni Ried (Freie Wähler) drei frische Kandidaten ihren Hut in den Ring warfen. Für die SPD setzte es aber eine krachende Niederlage, als Brilmayer bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erlangen konnte. "Da waren wir schon schwer enttäuscht", erinnert sich Mühlfenzl heute.

Der langjährige Stadtrat betont dennoch, dass auch die SPD in Ebersberg einiges mit auf den Weg gebracht habe, wie etwa die Tempo-30-Zonen im Stadtgebiet. Auch sei man als Ortsverein mit vielen Aktionen stets in der Gemeinde präsent. "Man muss aber auch klar sagen, dass sich das in den Wahlergebnissen nie so niedergeschlagen hat", so Mühlfenzl. Denn auch bei den drei jüngsten Wahlen war für die Sozialdemokraten kein Vorbeikommen an Walter Brilmayer. 2000 und 2006 versuchte es die Vorsitzende der Ebersberger SPD-Stadtratsfraktion, Elisabeth Platzer, und im Jahr 2012 die heutige Landtagsabgeordnete Doris Rauscher.

© SZ vom 30.03.2019
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