Durch das jüdische Jahr:Ein neues Jahr beginnt

Lesezeit: 3 min

Durch das jüdische Jahr: Shmuel Aharon Brodman probt vor der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde das Schofarblasen - bei der Zeremonie selbst trägt der Rabbiner ein weißes Gewand.

Shmuel Aharon Brodman probt vor der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde das Schofarblasen - bei der Zeremonie selbst trägt der Rabbiner ein weißes Gewand.

(Foto: Robert Haas)

Zur Tradition an Rosch ha-Schana gehört auch das Blasen des Schofarhorns

Von Linus Freymark

Der Kopf des Jahres - was im christlichen Kalender der 1. Januar ist, sind im jüdischen Kalender die ersten beiden Tage des Monats Tischri. Denn zu Beginn des siebten Monats feiern Juden auf der ganzen Welt das Neujahrsfest Rosch ha-Schana, was so viel bedeutet wie Haupt oder eben Kopf des Jahres. Der erste Tag des Monats Tischri, der in diesem Jahr auf den 7. September fällt, ist nach jüdischem Glauben der sechste Schöpfungstag - und damit jener Tag, an dem Gott die Menschen erschaffen hat.

Um im neuen Jahr alte Fehler abstellen zu können, ist Rosch ha-Schana ein Fest der Selbstreflexion, bei dem man - ähnlich wie an Silvester - das vergangene Jahr Revue passieren lässt und gute Vorsätze für das kommende Jahr fasst. Für die Gläubigen spielt dabei natürlich auch Gott eine wichtige Rolle. "Der liebe Gott zieht ein Jahresresümee", erklärt Steven Langnas, Rabbiner in der Israelitischen Kultusgemeinde München. "Und dann entscheidet er, wie das kommende Jahr wird."

Selbstverständlich würden viele Gläubige versuchen, Gott dabei durch Gebete positiv zu beeinflussen. "An Rosch ha-Schana beten wir alle von Herzen für ein gutes neues Jahr." Und das kann Zeit in Anspruch nehmen: Manchmal würden die Gottesdienste zu diesem Anlass bis zu sechs Stunden dauern, erzählt Langnas. Die Synagoge sei dann ganz in weiß geschmückt. "Weiß gilt als die Farbe der Reinheit." Auch der Rabbiner, der den Gottesdienst abhält, trägt Weiß. Nur bei den Proben für die Zeremonie darf der Rabbiner auch andere Farben tragen. Und noch etwas Besonderes geschieht zu Rosch ha-Schana in der Synagoge: das Schofarblasen. Hierbei bläst der Rabbiner in ein Widderhorn, "um die Gläubigen aus dem Schlummer der Gleichgültigkeit wachzurütteln", erklärt Langnas. Denn nur, wer zum Neujahrstag aus dem Alltagstrott ausbricht und dadurch einen klaren Blick auf das eigene Handeln erhält, könne auch wirklich eine Rückschau auf das eigene Leben vornehmen. Doch das Schofarblasen hat noch weitere Gründe: So wird dadurch unter anderem der Beginn der zehn Bußtage ins Gedächtnis gerufen. Zudem sollen die Gläubigen beim Erklingen des Schofartons in Ehrfurcht vor dem Schöpfer verfallen.

Ähnlich wie etwa beim Pessach-Fest gibt es auch zu Rosch ha-Schana Speisen mit Symbolkraft, die nach dem Gang in die Synagoge bei einem gemeinsamen Abendmahl mit der Familie verzehrt werden. So gibt es etwa Honig, "das steht für ein süßes Jahr", sagt Langnas. Oder einen Granatapfel, dessen Botschaft in den Kernen steckt: Durch den Verzehr hoffen die Gläubigen, im kommenden Jahr so viele Verdienste zu erlangen wie der Granatapfel Kerne hat. Und dann gibt es auch noch einen Fischkopf, bei dem Langnas aber direkt Entwarnung gibt: "Den muss man nicht essen." Doch auch das Haupt des Fisches hat selbstverständlich eine Aussage: Es soll dazu beitragen, dass die Gläubigen im bevorstehenden Jahr vorneweg gehen und nicht abgehängt werden. Und irgendein Kopf muss bei Rosch ha-Schana ja auf den Tisch - denn Rosch bedeutet übersetzt Kopf.

Das Neujahrsfest Rosch ha-Schana stellt zudem den Beginn der "ehrfurchtsvollen Tage" dar. In diesen zehn Tagen, die mit dem Versöhnungstag Jom Kippur enden, können jene, die an Rosch ha-Schana von Gott ein schlechtes Urteil über das vergangene Jahr bekommen haben, dieses durch Reue und eine Abkehr von ihrem bisherigen Lebensstil in ein gutes umwandeln. Auch Fasten sowie eine ausgiebige Reflexion des eigenen Lebens können in dieser Zeit dazu beitragen, sich gewissermaßen zu rehabilitieren. Auch Rabbiner Steven Langnas nutzt Rosch ha-Schana sowie die Tage danach, um über sein eigenes Handeln nachzudenken. "Man nimmt sein eigenes Leben unter die Lupe", erklärt er. "Danach kann man ändern, was schlecht war." Dies gelte sowohl für die Beziehung zu Gott als auch zu seinen Mitmenschen.

Wenn in diesem Jahr das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana begangen wird, ändert sich auch die aktuelle Jahreszahl im jüdischen Kalender. Das Jahr 5781 weicht dann dem Jahr 5782.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB