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Diskussion in Polling:Gemeinsam wären sie stark

"Heubisch vor Ort" im Gespräch über die aktuelle Not der Künstler

Von Eva-Elisabeth Fischer, Polling

Nein, es ist nicht übertrieben, es geht ums nackte Überleben. Deshalb preschte die ausgebildete Sängerin Anamica Lindig vor. Und das als ein kleines Rädchen im Kunstgetriebe. Sie singt auf Hochzeiten und gibt Gesangsstunden. Seit Corona und auch trotz der Lockerungen am 7. Juli nicht mehr. Deshalb lud sie nun Wolfgang Heubisch zu einer Gesprächsrunde ins eigene Haus in Polling ein, zusammen mit anderen Betroffenen - vereint in der Hoffnung auf Lösungen.

Das bezaubernde Polling, es liegt im Landkreis Weilheim/Schongau, den die Landrätin Andrea Jochner-Weiß (CSU) ein wenig verspätet auch an diesem Abend selbstbewusst vertritt. Auch Heubisch verspätet sich, aber er kommt. Er trifft auf Kulturarbeiter, die kleine Bühnen, aber auch große Hallen füllen: Tobias Melle, Fotograf und Musiker, der mit seiner "Symphonie in Bildern" immer wieder die Philharmonie im Gasteig vollkriegt; Béla Rieger, der mit seiner Backstage Promotion als Tourneeveranstalter unter anderen Werner Schmidbauer, Willy Astor und auch Hannes Ringlstetter ins Rampenlicht rückt; und, last but not least, Vadim Mirovsky, der Produktionsleiter der kleinen, heiß geliebten Kammeroper München.

Und dann sind da noch die beiden Organisatoren dieser Gesprächsrunde, annonciert als "Heubisch vor Ort": die herzlich impulsive Birgit Gibson und ihr analytisch denkender und argumentierender Mann Matthias Gibson, ausgebuffte Profis als Veranstalter in der Unterhaltungsbranche seit gut 40 Jahren - und nunmehr arbeitslos wie all die anderen. Sie liefern die Fakten und Zahlen, die den Entscheidungsträgern in der Politik offenbar nicht gewärtig sind: 14,2 Milliarden Euro schafft die Kultur- und Veranstaltungsbranche mit 1,2 Millionen Beschäftigten an jährlichem Umsatz und rangiert damit gleich hinter der Automobilindustrie. Die Gibsons schildern lebhaft, wie viele an dieser Unterhaltungsmaschinerie mitwirken, ohne dass sie gesehen würden: Mindestens 500 Leute sind's, die eine Show am Laufen halten. Soforthilfe bekommen sie ebenso wenig wie Anamica Lindig, da sie als selbständig agierende Ich-AGs keine Betriebskosten nachweisen könnten. (Weshalb die Gibsons die Stiftung www.backstageheroes.help ins Leben gerufen haben.) Bis Ende 2020 und darüber hinaus würde sich daran nicht viel ändern, so das einhellige Urteil der Runde.

Laut Wolfgang Heubisch (FDP), der ja selbst von 2008 bis 2013 Bayerischer Kultusminister war und aktuell Vizepräsident des Bayerischen Landtags ist, könne man auch seinen Nachfolger Bernd Sibler (CSU) nur bedingt für die grassierende Ignoranz gegenüber den aktuellen Nöten in die Pflicht nehmen. Denn heute würde alles ausschließlich in der Staatskanzlei entschieden. Der dortige Souverän Markus Söder (CSU), der sich gut und gern selbst inszeniert, habe mit kulturellen Inszenierungen leider ebenso wenig im Sinn wie sein Stellvertreter, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

Heubisch verspricht, sich einzusetzen für die Angehörigen einer Branche, die unter dem Begriff "Kreativwirtschaft" nur sehr undifferenziert firmiert. "Kultur ist Diversität", sagt Heubisch, und, "es gibt keine gemeinsame Stimme". Künstler agieren allenfalls als Eigenlobby. Um als Lobby für alle gehört zu werden, müsste so manche(r) am eigenen Selbstverständnis schrauben. Heubisch will Druck auf das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München ausüben, um die Öffnung der Spielstätten zu beschleunigen und die Auflagen zu lockern. Birgit Gibson bestätigt ihn darin, weil, so argumentiert sie, von 80 000 Befragten 98 Prozent Live-Veranstaltungen wünschten. Weshalb Béla Rieger als schnelle Hilfe die Subventionierung von verkauften Tickets vorschlägt. Heubisch bestärkt die Künstler darin, ihre eigene Stimme, verstärkt über die digitalen Medien, zu erheben, denn "Tun ist Lautstärke". So wie Anamica Lindig das tat.

© SZ vom 18.07.2020
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