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Diplomarbeit über Hellabrunn:Kein Herz für Zootiere

Soziologie-Student Martin Tillich hat seine Diplomarbeit über Zoos geschrieben. Dabei kam heraus, dass die Besucher kein Mitleid mit den eingesperrten Tieren haben.

Soziologie-Student Martin Tillich, 27 Jahre, hat an der LMU seine Diplomarbeit über das Thema "Die Sozialitäten des Zoos und der Käfig des Sozialen. Eine Topographie" geschrieben. Ein Gespräch über das Besondere am Tierpark Hellabrunn und Mitleid mit eingesperrten Tieren.

Hat während seiner Diplomarbeit Gefallen am Tierpark Hellabrunn gefunden: Soziologie-Student Martin Tillich.

(Foto: Foto: oh)

sueddeutsche.de: Gehen Sie selber oft in den Zoo?

Martin Tillich: Als Kind bin ich immer gerne in den Zoo gegangen, später war ich aber nur noch zwei oder drei Mal dort. Als ich mit der Diplomarbeit begonnen habe, besorgte ich mir eine Jahreskarte und nutzte diese auch ordentlich aus. Manchmal war ich fast täglich im Zoo. Seitdem war ich leider kein einziges Mal mehr dort, da ich am Tag der Diplomarbeitsabgabe meinen Geldbeutel samt Jahreskarte verloren habe. Das hat mich geärgert, denn ich wäre gerne wieder öfter hingegangen, es ist schön, dort spazieren zu gehen.

sueddeutsche.de: Warum sind Zoos für einen Soziologen von Interesse?

Tillich: Als Soziologe ist es interessant, sich über das Besondere eines Ortes Gedanken zu machen, zu fragen, was diesen von anderen Orten einer Gesellschaft unterscheidet. Es ist doch bemerkenswert, dass Gesellschaften Orte hervorbringen, an denen fremde Tiere mit viel Mühe und Aufwand versammelt, gehalten und versorgt werden. Noch befremdlicher ist, wie stark sich diese Orte ausgebreitet haben. Heute stellt doch ein Zoo für jede Großstadt fast eine Notwendigkeit dar.

sueddeutsche.de: In welchem Verhältnis stehen Menschen und Tiere im Zoo?

Tillich: Im Zoo findet die Unterscheidung von Menschen und Tieren besondere Bedeutung und zwar nicht nur diskursiv, sondern - und das ist der Clou an meiner Arbeit - auch materiell. Da die Zootiere stets eingesperrt werden müssen, werden sie auch immer mit einem materiellen Gehege umzäunt. Diesem werden in der Geschichte des Zoos immer wieder verschiedene Formen gegeben. Die historische Genese der Gehege-Arten macht einen großen Teil meiner Arbeit aus.

sueddeutsche.de: Wie hat sich der Tierpark Hellabrunn entwickelt?

Tillich: Ein paar Jahre vor Hellabrunn wurde 1863 in Hamburg der Tierpark Hagenbeck eröffnet, der durch seine gitterlose Freilandhaltung die Zoowelt revolutionierte. Daran hatte sich nun München zu messen. Anders aber als bei Hagenbeck wollte man auf künstliche Landschaften verzichten und stattdessen dem Ideal eines englischen Landschaftsgartens folgen, nach dem man paradoxerweise die Natur so hervorbringen möchte, wie sie sich von selbst zeigt.

Man ließ also die Isarauen, wie sie sind, und fokussierte sich fast ausschließlich auf die Haltung einheimischer Tiere, die sich in die heimische Natur-Landschaft einpassen konnten. Das war zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich für Zoos. Ein Grund war sicherlich die allmähliche Verstädterung, die dazu führte, dass selbst die einheimischen Arten zum seltenen Anblick für die Bevölkerung wurden.

sueddeutsche.de: Aber inzwischen gibt es doch auch exotische Tiere in Hellabrunn.

Tillich: Ende der zwanziger Jahre wurde Hellabrunn nach einer zeitweiligen Schließung reorganisiert und nach dem auch noch heute praktizierten Geo-Prinzip aufgegliedert, das die Tiere nach geographischer Herkunft, nicht nach biologisch-systematischer Zugehörigkeit, anordnet. Seitdem gibt es in München zahlreiche fremde Tierarten zu sehen.

sueddeutsche.de: Für einen Teil Ihrer Arbeit haben Sie sich den Tierpark Hellabrunn vor Ort genauer angeschaut...

Tillich: Genau, ich habe die Bücher und historischen Berichte über Zoos beiseite gelegt und bin nach Hellabrunn gegangen, um gesellschaftliches Geschehen als das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Material zu beobachten.

sueddeutsche.de: Was haben Sie herausgefunden?

Tillich: Beim Giraffenbaby Isabel zum Beispiel war es auffällig, dass die Besucher kaum ein Wort über die aufwendig gestalteten Gehege verlieren, deren architektonische Inszenierung sehr umstritten war. Außerdem beobachtete ich, dass ein neugeborenes Giraffenbaby in seinem recht engem Gehege im Tierhaus genauso als "süß" empfunden wird wie im weitläufigen Freigehege. Für die Besucher scheint ausschließlich das Tier von Interesse zu sein: egal, ob es ziemlich träge und von Gittern umzäunt ist oder ob es den Raum des grünen Freigeheges mit Vergnügen nutzt.

sueddeutsche.de: Ein anderes Beispiel in Ihrer Arbeit ist der Gorilla, der Salat über das Gehege zu den Besuchern wirft. Warum empfinden Zoobesucher dies als unangenehm?

Tillich: Üblicherweise bietet sich ein friedliches Bild in den Zoogehegen. Man könnte fast meinen, die Tiere würden dort auch ohne Gräben und Zäune verweilen. Normalerweise sind also die Menschen auf der einen Seite klar getrennt von den Tieren auf der anderen Seite der Gehege. Natürlich ist den Zoobesuchern bewusst, dass die Tiere eingesperrt sind, aber während des Zoobesuchs wird das meist ausgeblendet.

Wenn aber nun der Gorilla die Grenze mit dem Salatwurf überschreitet, wird sozusagen das gesamte Kräfte-Diagramm, das Spannungsverhältnis, das den Zoo ständig durchzieht und erst ermöglicht, schlagartig sichtbar. Ein Schlag eines Affen an die Scheibe zeigt dem Zoobesucher auf, was den Zoo im Innersten zusammenhält. Und damit auch welcher Zusammensetzung der Welt er durch seine Teilhabe zustimmt.

Diplomarbeit: Martin Tillich, "Die Sozialitäten des Zoos und der Käfig des Sozialen. Eine Topographie", Referent: Prof. Dr. Ulrich Beck, abgegeben am 3. November 2008, 98 Seiten ohne Anhang und Literaturverzeichnis.

© sueddeutsche.de/jja
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