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Digitaler Comic-Salon:Das Zeichnen der Zeit

Anke Feuchtenberger: Somnambule.
(Foto: Anke Feuchtenberger / Reproduktion)

Anke Feuchten­berger erhält Max und Moritz-Preis

Von Jürgen Moises, Erlangen

Sie zeichne, um sich in der Welt zurecht zu finden. Das hat Anke Feuchtenberger vor ein paar Monaten in einem Interview gesagt. Auch Übergänge fände sie sehr interessant, das heißt Fragen wie: "Ab wann ist etwas lebendig? Wie real sind Träume? Was trennt/vereint Tier und Mensch?" Das zeigt schon mal: Das Einfache und Überschaubare ist ihre Sache nicht. Auch stilistisch wiederholen will sich die 1963 in Ost-Berlin geborene Comic-Künstlerin nicht, die an diesem Freitag in Erlangen den Max und Moritz-Preis für ihr herausragendes Lebenswerk bekommt. Seit 30 Jahren zeichnet Feuchtenberger Comics, oder besser: Sie erforscht die Grenzen und vor allem Möglichkeiten dieses Mediums. Und als Professorin an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die sie seit 1997 ist, hat sie diesen Forschergeist an eine ganze Generation von jungen Comic-Künstlern weitergegeben.

Auch mit Techniken und Materialien hat Anke Feuchtenberger viel experimentiert, hat Gemälde, Plakate, Kostüme, Marionetten sowie einen Altar für das Landesmuseum in Münster geschaffen. In erster Linie ist sie aber Zeichnerin, arbeitet bevorzugt mit Kohle auf Leinwand sowie mit Tusche und Bleistift auf Papier. Zu ihren bekanntesten Werken gehört die mit Katrin de Vries geschaffene Trilogie um die "Hure H". Weitere Arbeiten sind "Somnambule" und "Das Haus", die Ende der Neunzigerjahre entstanden und in einer Neuauflage vor kurzem bei Reprodukt herauskamen. Darin setzt sie sich in surrealen Tableaus und assoziativen "Schlüsselbildern" intensiv mit Wachstum, Fortpflanzung, Geburt und mit ihrer früheren Heimat Berlin auseinander.

Eine wichtige Rolle spielen bei Feuchtenberger auch die von ihr so benannten "Graphic Essays", in denen sie die Möglichkeiten eines non-linearen Erzählens "in der Nachfolge Montaignes" erkundet. So beschreibt es jedenfalls Brigitte Helbling in ihrer Laudatio, die die Comic-Referentin normalerweise auf dem Erlanger Comic-Salon gehalten hätte. Der fällt aber wegen Corona aus, und deswegen findet die Max und Moritz-Preisverleihung nun an diesem Freitag um 19 Uhr im Internet statt. Das heißt im neuen "Digitalen Comic-Salon", der mit der Preisverleihung startet und als dauerhafte Social-Media-Plattform für die deutschsprachige Comic-Szene geplant ist. Dort wird es, auffindbar über www.comic-salon.de, zudem am Wochenende ein Auftaktprogramm mit Akteuren des ausgefallenen Comic-Salons geben, das heißt: Filme, Gespräche, Interviews. Danach steht der "Salon" als digitale Anlaufstelle für alle Comic-Macher und Interessierten offen.

© SZ vom 10.07.2020

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