Delirium-Drama:Am schönsten Bierbauch der Welt

Lesezeit: 5 min

Zwei Wochen knallharte Recherche, viel Alkohol und etliche schwitzige Berührungen - daraus entstand das Theaterstück "Am Wiesnrand"

Von Stefanie Sargnagel

Dieses Stück hätte zum Dauerbrenner werden müssen: Stefanie Sargnagels süffiges "Am Wiesnrand", das im Januar Premiere am Volkstheater hatte. Nun aber gibt es keine Wiesn und kein "Am Wiesnrand", auf keiner Bühne, nirgends. Dafür erscheint hier der finale Akt des Delirium-Dramas der Gewinnerin des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2016.

Heute möchte auch ich mich richtig betrinken, ich habe mich doch sehr zusammengerissen die letzten Tage, und die Maß sehen köstlich aus. Zuerst werfe ich noch einen Blick ins Weinzelt. Es unterscheidet sich wesentlich von anderen Zelten. Die Menschen sind dünner, gar mager, ihre Bewegungen sind keine runden und behäbigen Wiesngesten, sondern spitz, verhärmt und spastisch. Die gute Laune wirkt aufgesetzt und verspannt. Niemand würde ein Glas Wein in die Höhe halten und "Ein Prosit der Gemütlichkeit" oder "Zicke Zacke Zicke Zacke Hoi Hoi Hoi!" schreien. Ein Glas Wein hält man in der schlaffen Hand, und man sagt mehr zu sich als zu den anderen: "Jo mei, jo mei."

Dieses deprimierende Schauspiel kann ich in Wien auch haben; ich suche mir lieber meinen Platz im gut gefüllten Hofbräuzelt. Eine Maß wird bestellt, und ich halte sie wie einen großen Schatz in beiden Händen. Nach ein paar Schlucken wird mir schon klar, warum die Menschen hier so besoffen sind. Ich bin erst bei der Hälfte und fühle mich bereits unendlich dumpf. Neben mir ext eine kleine Koreanerin schon ihre zweite Maß. Ein wankender Junge wird von einem Mädel gefragt, wie alt er sei: "Fast Fünfzehn!", antwortet er stolz. Kein Wunder, dass hier alle so besoffen sind, denke ich mir. Die Maß kostet zwölf Euro, und man kann sie ja nicht mit nach draußen nehmen. Es gibt auch keine kleinen Biere, falls man sich nur eine Kleinigkeit gönnen will. Kein Wunder, dass hier alle so besoffen sind. Es gibt nur die Maß, es gibt nur den gnadenlosen Liter, den man auf keinen Fall verschwenden will. Sobald man auch nur auf die Toilette will, säuft man den Krug sicherheitshalber in großen Schlucken leer. Das Bier hat sechs Prozent Alkohol. Kein Wunder, dass hier alle so besoffen sind, denke ich mir. Ein vorsichtiges Genusstrinken wird einem hier verunmöglicht, das Komasaufen wird provoziert. Könnte man es nicht vielleicht vorsichtiger angehen? Man könnte doch auch kleinere Portionen servieren: zum Beispiel eine Maß für die Erwachsenen und einen Schnitt für die Kinder!

Delirium-Drama: Zur Brust genommen: Für die Inszenierung "Am Wiesnrand" von Christina Tscharyiski entstand im Volkstheater ein gigantischer Herrenbauch. Auf dem hüpften und kletterten dann die Feierwütigen herum, sowie eine Horde Flöhe - denn der Flohzirkus, der gehört ja auch zum Oktoberfest.

Zur Brust genommen: Für die Inszenierung "Am Wiesnrand" von Christina Tscharyiski entstand im Volkstheater ein gigantischer Herrenbauch. Auf dem hüpften und kletterten dann die Feierwütigen herum, sowie eine Horde Flöhe - denn der Flohzirkus, der gehört ja auch zum Oktoberfest.

(Foto: Arno Declair)

Der Rausch ist so gut angeleitet, man wird sofort integriert, man weiß immer, was als nächstes zu tun ist und hat sofort jemanden am Arm. Kein Wunder, dass alle so besoffen sind. Ein Tisch wird eine Schicksalsgemeinschaft, und man lacht und man schunkelt, und alle 20 Minuten ruft man euphorisch gemeinsam: OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA! Kein Wunder, dass hier alle so besoffen sind. Es ist ähnlich wie in Österreich, das einzige, was fehlt, ist, dass vorne an der Bühne jemand von der FPÖ steht und schreit, dass wir alle Asylanten vertreiben müssen ins Lager. Horst Seehofer sagt, Bayern ist die Vorstufe zum Paradies. Er hat recht, denke ich mir nach der vierten Maß, und kein Wunder, dass hier alle so besoffen sind. Männer aus der ganzen Welt machen mir den Hof, indem sie mir ungefragt ins Gesicht rülpsen. Ich fühle mich wie der heißeste Feger des bayerischen Königreichs! Sie sind alle meine Traumprinzen! Es spielt den Hit "A Busserl reicht mir net" von "D'Laudl's", eine herzerwärmende Vergewaltigungshymne.

Da ich kaum noch gerade stehen kann, möchte ich an die frische Luft. Als ich mir den Weg nach draußen erkämpft habe, überrascht mich die "Luftwatschn". Der Rausch wird durch die Sauerstoffzufuhr sofort intensiviert. Ich laufe zum Kotzhügel und übergebe mich an den Füßen der Bavaria in großen Schwallen. Nun fühle ich mich endgültig angekommen.

Aus dem Oktoberfestgelände raus, wanke ich in Richtung Hackerbrücke und lasse mich erschöpft auf eine Parkbank fallen. Die Menschen, die einige Stunden zuvor noch in sanften Wellen auf das Gelände schwappten, sind nun wilde Wogen und schlagen an die Stadt. Viele sehen traurig aus. Was hat ihnen die Wiesn denn nicht gegeben, was sie haben wollten? Hat ihnen die Wiesn nicht alles gegeben, was die Wiesn geben kann? Es sind vor allem die Einheimischen, die traurig und müde wirken, die Touristen lachen und tragen einander Huckepack. Ist es die Übersättigung mit der eigenen Kultur, ist ihnen schlecht von der eigenen Deutschheit? Sie gehen gebückt, um den Hals haben sie Lebkuchenherzen baumeln. Auf einem steht: "Süßeste Maus der Welt." Ich rufe dem Mann zu: "Bist du wirklich die süßeste Maus der Welt?" Er reagiert mit einem Seufzen. Eine Frau trägt ein Lebkuchenherz, das so groß und schwer ist, dass es sie Richtung Boden zieht. Die Liebe belastet sie wie das Joch einen Ochsen. Die 18-jährigen Polizisten hüpfen ins Bild. Sie laufen eilig herbei und schließen einen illegalen Hasenohrenstand. Dem Verkäufer mit den Hasenohren legen sie Handschellen an, dabei kichern sie lausbübisch. Neben meiner Parkbank auf einem Stück Wiese liegt ein Bewusstloser. Er ist kopfüber nach hinten gefallen. Mit der Lederhose hängt er im Gebüsch fest. Die Leute lachen, weil er ihre Erwartungen vom Oktoberfest erfüllt, weil sie das nun auch gesehen haben, vielleicht sind sie einfach froh, dass sie es nicht selbst sind. Eine Dame in einem roséfarbenen Dirndl rotzt mir vor die Füße. Eine winzige, besoffene Frau wankt mit einer Tuba im Arm an mir vorbei.

Stefanie Sargnagel

Autorin Stefanie Sargnagel.

(Foto: Apollonia Bitzan)

Die Gesprächsfetzen hören sich an wie Gute-Nacht-Geschichten. "C'etait tellement un gentlemen." "Wenn du meine Seele wirklich kennen würdest, würdest du's verstehen." "Sie ist nicht mit ihm zusammen, Mann. Es gibt noch Hoffnung für dich." "Du machst mir schon den ganzen Tag Vorwürfe!" "Entschuldigung, wo is denn hier die nächste Nuttenbar?""Letztes Jahr war's nicht so!" "Waren wir letztes Jahr auch da?"

Die Menschenmengen sind unkontrolliert und doch geordnet. Man wühlt sich durch tausende, hunderttausende stockbesoffene Menschen. Es gibt zwar immer wieder Eskalationen, die gibt es durchaus, aber die Mehrheit, das muss man schon sagen, ist überraschend höflich im Umgang miteinander, und ich denke mir: Es sind doch ganz banale Dinge, die uns als Menschen verbinden und zusammenhalten lassen. Die uns davon abhalten, uns gegenseitig die Schädel einzuschlagen. Zum Beispiel die bayerische Logistik.

Ich sitze seit einer Stunde auf der Parkbank und schaue mir alles an. Wenn man den sehr Betrunkenen zu lange in die Augen schaut, hat das eine magnetische Wirkung auf sie. Sie wanken dann direkt auf einen zu und setzen sich einem auf den Schoß. Weil sie sich in ihrem Rausch zwar nicht mehr ausdrücken können, aber grundsätzlich nach Aufmerksamkeit und Verbindung sehnen. Ein besonders schöner Bayer um die 50 geht an mir vorbei. Er sieht aus wie ein Hirsch. Ich erkenne an der Tracht, dass es sich bei ihm um ein echtes Original handeln muss. Gezielt halte ich Blickkontakt, und es funktioniert. Er schielt zwar schon sehr stark, aber Stück für Stück torkelt er auf mich zu. Nur noch wenige Meter und ... er sackt schwerfällig auf die Bank und kippt seitlich um, mit dem Kopf direkt in meinen Schoß. Ich schaue ihn an wie ein Geschenk: die großen Poren, die tiefen Falten, die dicken Nasenhaare. Er schläft auf meinen Schenkeln ein. Ich fahre ihm durch sein struppiges Haar und vergrabe mein Gesicht darin. Es riecht angenehm nach Dung. Als die Menschen langsam weniger werden und wir fast alleine im kleinen Park an der Hackerbrücke sind, öffne ich seine speckige Lederhose: Ich schaue neugierig hinein und bin erstaunt. Das habe ich doch schon mal hier gesehen auf der Wiesn, das kenne ich doch: In seinem naturbelassenen Schamhaar tanzt ein Flohzirkus! Ich schaue mir das Treiben an, die kleinen Flöhe schunkeln und singen ganz leise hörbar mit ihren Stimmchen: "Ein Prosit. Ein Prosit. Der Gemüüütlichkeit." Irgendwann schlafe auch ich lächelnd auf dem Bauch des Bayern ein. Erst durch einen Ruck wache ich auf. Als ich blinzle, sehe ich, dass uns die Sanitäter in den blauen Karren gelegt haben. Er kippt und wir fallen in die Grube. Ich halte den Bayern ganz fest. Nichts wird uns jemals wieder trennen. Er ist mein Traumprinz. Der Kalk rieselt auf mein Gesicht und ist angenehm kühl.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB