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Das ist schön:Unverhoffter Geldsegen

Warum der Münchner Verlag Liebeskind einige Sorgen los ist

Kolumne von Antje Weber

"Ich muss erstmal aus dem Geldspeicher herausklettern", sagt Jürgen Kill, gewohnt flapsig, als man ihn am Telefon erreicht. Der Verleger des Liebeskind Verlags kann sich in diesen Tagen tatsächlich ein bisschen wie Dagobert Duck fühlen: "Wir sind ja jetzt wahnsinnig reich", sagt er, und man braucht nicht viel Fantasie, um sich ein glückliches Grinsen am anderen Ende der Leitung vorzustellen.

Der Münchner Verlag hat einen begehrten Preis bekommen: Als einer von drei "Spitzenpreisträgern" erhält er in diesem Jahr einen mit 60 000 Euro dotierten Deutschen Verlagspreis, ausgelobt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Was das für einen kleinen Verlag konkret bedeutet? "Dass wir in den nächsten drei Jahren ein bisschen entspannter handeln können", sagt Kill, der auf immerhin 20 Jahre als Verleger zurückblickt, in denen jeweils acht bis zehn Bücher erschienen sind. Die Finanzdecke sei bei unabhängigen Verlagen ja "extrem dünn", sagt er; in Zeiten von Corona ist die Lage für die Branche noch schwieriger. Nun aber kann Kill "die Programmplanung weitläufiger gestalten" und mehr Bücher einkaufen, um im Falle von Verschiebungen besser gerüstet zu sein. Zum Beispiel entschied jüngst der britische Verlag von David Peace, dessen neuen Krimi virusbedingt erst ein Jahr später zu bringen, was auch Liebeskind zum Umplanen zwang.

Da jedes Buch anders kalkuliert werden muss, weil Vorschüsse oder Übersetzungen anfallen, lässt sich der Deutsche Verlagspreis nur schwer in eine bestimmte Anzahl von Titeln umrechnen. Eines jedoch steht fest: Jürgen Kill, der in diesem unwägbaren Herbst eigentlich ganz auf ein Programm verzichten wollte, wird zumindest ein Buch herausbringen. Yoko Ogawas "The Memory Police", unter anderem nominiert für den International Booker Prize, wird unter dem Titel "Insel der verlorenen Erinnerung" nun doch schon die deutschen Leser erreichen.

Wo es Gewinner gibt, sind aber natürlich auch Verlierer. Franz Schiermeier zum Beispiel, der sich mit seinem gleichnamigen kleinen Münchner Verlag zum zweiten Mal erfolglos beim Deutschen Verlagspreis beworben hatte, hat sich in Briefen an das Kulturstaatsministerium über die Vergabekriterien beschwert. Denn fast die Hälfte der insgesamt 66 ausgewählten Verlage seien bereits im Vorjahr ausgezeichnet worden - darunter übrigens auch Liebeskind. Die Begründung, die Preise seien kein "Wanderpokal", sondern würden als echte Preise von einer Jury entschieden, reicht Schiermeier nicht aus. "Die ausgewählten Verlage sind ganz sicher einer Auszeichnung würdig. Aber sind die anderen gar nicht preiswürdig?" fragt er.

Mit welchen Maßnahmen sich unabhängige Verlage am besten fördern lassen, ist tatsächlich schwierig zu beantworten. Vielleicht tut sich auf bayerischer Ebene bald etwas; immerhin hat im Kunstministerium in dieser Woche eine Runde zum Thema getagt. Einstweilen kann man sich nur mit allen Verlagen freuen, über die der Bund sein Füllhorn ausgeschüttet hat: sich kurz mal wie Dagobert Duck fühlen zu dürfen, ist einfach zu schön.

© SZ vom 30.05.2020

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