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Das ist schön:Ok, ich mach mit

Nach dem Lockdown funktioniert das Kulturleben plötzlich anders

Von Rita Argauer

Aussteigen ist meistens schwierig. Auch, wenn die Situation aus der man aussteigt, eine ungute war. Beispiel: Lange Autofahrten. Zuerst kann man sich gar nicht vorstellen, acht bis zwölf Stunden in dieser Blechkiste zu sitzen. Irgendwann gewöhnt man sich an den Zustand, irgendwann steigt die Angst vor dem Ankommen. Ist doch eigentlich ganz gemütlich in dieser Transit-Schwebe. Man muss sich um nichts kümmern, man hat keinen Stress. Keiner will was von einem. Und dann stolpert man am Ziel in die frische Luft, ein bisschen schwindlig, und spürt Möglichkeiten, Freiheit, Euphorie. Ganz ähnlich fühlt sich das Kulturleben nun nach dem langen Lockdown an. Als Zuschauer und Journalist hatte man sich an den Schneckenhaus-Zustand gewöhnt. Erschreckend viele Termine prasseln nun plötzlich herein. Aber die Fähigkeit abzuschätzen, was einen interessieren könnte, was man mag, was einem wichtig erscheint, hat man verloren.

Hin und her geworfen wirkt auch die Künstlerseite. Gerade im Theater- und Klassikbetrieb wird normalerweise mit jahrelangen Vorlaufzeiten geplant. Und jetzt ein Fingerschnipsen, und schon wieder ist alles anders. Doch da entsteht etwas. Da gibt es plötzlich Konzerte mit den Musikern, die halt vor Ort sind und nicht mit denen, deren Agentur das vor zwei Jahren ausgedealt hat, dass sie jetzt mit jenem Orchester auftreten. Da choreografieren die Tänzer beispielsweise des Gärtnerplatztheaters einfach selbst, spontan andere Choreografen einzuladen, ist noch nicht möglich.

Ja, es ist anstrengend. Es ist anders. Man muss sich darauf einlassen als Zuschauer wie als Kulturschaffender. Am Tag der Veranstaltung ändert sich die Uhrzeit plötzlich? Ein Teil des Festivals wird doch gestreamt? Ok, ich mach mit! Auch bürokratischer Wahnsinn wie zuletzt beim Komponistenfestival Adevantgarde: Leider dürfen echte Zuschauer nur in offizielle Theater, nicht in Off-Locations. All das wäre vor einem guten Jahr noch tabu gewesen. Jetzt ist alles fluide. Aber darin liegen die tollsten Versuchungen: Einfach mal machen, einfach mal probieren. Es müssen nicht immer die größten Namen sein. Es muss nicht immer alles abgesichert sein. Dinge dürfen passieren. Wie schön!

© SZ vom 12.06.2021
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