bedeckt München

Das ist schön:Locker machen

Kreative Ideen im Kultur-Lockdown

Von Rita Argauer

Der Platz vor dem Verkehrsmuseum auf der Theresienhöhe ist ein beliebter Lockdown-Treffpunkt. Vor allem für Kinder. Schon im April 2020, als die Spielplätze geschlossen waren, entwickelte der gepflasterte Platz einen besonderen Reiz. Um die große Schnecke (die "Sweet Brown Snail", 2002 gestaltet von den Künstlern Jason Rhoades und Paul McCarthy - ein bisschen Kunst für die begleitenden Erwachsenen) kann man prima herumrennen. Auf den Treppen vor dem Museum kann man balancieren, über den autofreien Platz kann man Radfahren. Verschiedene Orte erfahren durch die Krise eine spontane Neudefinition. Auch das Verkehrsmuseum an sich. Die Kinder können gerade nur durch die Fenster gucken, den Hubschrauber, die Trambahn und den Bus bestaunen. Rein aber dürfen nur diejenigen, die einen Corona-Test wollen. Im Museum wurde ein Testzentrum eingerichtet.

Auch die Münchner Kulturinstitutionen kontern mit neuer Raumbelegung. Die Galerie Belleparais widmete ihren Daseins-Zweck kurzfristig zum Friseursalon um. Denn Haareschneiden ist ja schon wieder erlaubt. Anders als Kunstgucken. Und Kunstgucken mit Haareschneiden zu verbinden, ist auch nicht schlecht. Ja, man muss um die Ecke denken, nicht mehr alles so streng sehen. Impfzentrum mit Ausstellung wie in Regensburg oder Klassenzimmer im Museum wie kürzlich in Rosenheim. Kreative Ortsnutzung, Umnutzung und Umdenken - lauter Dinge sind plötzlich möglich, die früher unmöglich oder bürokratisch unzugänglich erschienen. Die Bayerische Staatsoper etwa holt sich nun einen Zuschauer zurück. Über einen bürokratischen Trick: Fremde dürfen derzeit auf gar keinen Fall ins Haus. Mitarbeiter schon. Also wird der auserwählte Zuschauer als Statist engagiert, der in der Königsloge sitzt, der Musik während des Stream-Konzerts live lauscht und gleichzeitig quasi einen Zuschauer als Platzhalter für all die abwesenden Zuschauer spielt.

Mit den geplanten Lockerungen könnte sich nun bald wieder alles zum halbwegs Bekannten drehen. Die Lockerheit aber, mit der während der Krise mit manchen Orten und Regeln umgegangen wird, ist etwas, dessen Bestand man sich durchaus wünschen kann. Denn sich mit ein bisschen Anarchie abseits der Regeln zu bewegen, dort Neues zu suchen, ist sowohl künstlerisch als auch gesellschaftlich etwas sehr Schönes.

© SZ vom 06.03.2021
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