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Das ist nicht schön:Verdächtig erfolgreich

Der Giesinger Kulturpreis sucht vergeblich nach neuen Schlagern

Von Dirk Wagner

"Wir suchen die intellektuelle Boyband, die glitzernde Textkönigin und den humorbegabten Barden, die die rote Sonne bei Capri im Meer versenken und den Schlager ins Jahr 2020 befördern!", hieß es in der Ausschreibung zum Giesinger Kulturpreis 2020. Ausgerechnet einen Rockfan mit Neigung zum Jazz und zur Klassik, fragten die Veranstalter mit mir, ob er in der Jury sein mag.

Nun habe ich als Konzert-Kritiker schon ertragen müssen, dass eine Helene Fischer im selben Olympiastadion das bessere Konzert als wenige Tage zuvor AC/DC lieferte. Auch kann man erdulden, dass Howard Carpendale wirklich ein großartiger Elvis-Imitator sein kann, und zugeben, dass Roland Kaiser von extrem guten Musikern begleitet wird. Trotzdem: "Warum ich?", schrie verzweifelt mein Punker-Herz. Doch gerade als Kritiker wird man auch schon mal in Konzerte geschickt, die man freiwillig nie besucht hätte. Arrogante Vorurteile können dabei gut abgebaut werden. Manchmal begann ich sogar, Schlagerstars zu bewundern, die ich als Jugendlicher im reaktionären Fernsehprogramm meiner Eltern zu verachten pflegte. Dass der Begriff "Schlager" vom englischen Ausdruck "Hit" abgeleitet ist, deutet schließlich darauf hin, dass dieses Genre nur auf seine bestmögliche Vermarktung abzielt. Zugegeben, die Beatles wurden besser vermarktet. Und auch den Hochzeitsmarsch aus Wagners Lohengrin können mehr Menschen summen als Eglis letzten Hit. Trotzdem werden dem Schlager einfachste musikalische Strukturen und triviale Texte als erfolgsfördernd unterstellt. Nun birgt solche Unterstellung ein ziemlich mieses Menschenbild. Vor allem aber unterschätzt es die Schlager einer Caterina Valente oder eines Udo Jürgens.

Neugierig machte die Aufgabe als Juror in jenem Schlagerwettbewerb also allemal. Etwa darauf, endlich zu erfahren, woher jene Sänger kommen, die im Radio rauf und runter laufen, ohne dass sie je wachsend in den kleinen Musikclubs zu sehen sind. Doch viele der eingereichten Songs persiflierten den Schlager dann nur. Oder Popsongs wurden des Preisgeldes wegen als Schlager deklariert. Gute Popsongs immerhin. Und wäre das Finale zum Giesinger Kulturpreis heuer nicht wegen Corona abgesagt worden, hätten die Finalisten bestimmt einen lustigen Konzertabend bereitet. Neue Schlager hätten sie allerdings nicht geschaffen, und das ist eigentlich nicht schön.

© SZ vom 21.11.2020

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