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Das ist nicht schön:Qualitätsfrage

Zukunft des Strauss-Festivals ungewiss

Kolumne von Egbert Tholl

Am 20. Juni 1936 notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Komponieren kann der Junge." Goebbels, reich an widerwärtigsten Eigenschaften, offenbart hier seine gnadenlose Überheblichkeit, denn der "Junge" war zu diesem Zeitpunkt 72 Jahre alt und Richard Strauss. Dem Eintrag vorangegangen war eine Probe der Hymne, die Strauss für die Olympischen Spiele 1936 komponiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Strauss erst von den Nazis umgarnt und zum Präsidenten der Reichsmusikkammer erhoben worden, hatte von Kollegen, die entweder den Nazis verhasst waren oder diese verachteten, bedeutende Dirigate übernommen. Strauss an Stefan Zweig, 17. Juni 1935: Dass er für den "Nichtarier" Toscanini in Bayreuth eingesprungen sei (1934 beim "Parsifal"), habe mit Politik nichts zu tun gehabt, sondern er habe es Bayreuth zuliebe getan.

Der Briefverkehr mit Zweig hatte noch weitere Folgen, die Nazis ließen Strauss (ein wenig) fallen, weil Zweig ein Jude war und sich Strauss für ihn einsetzte. Der Ästhetizist Strauss war nun sein Reichsmusikkammeramt los, kämpfte später für seine jüdische Schwiegertochter und komponierte fröhlich weiter: Seine "Daphne" etwa hatte ihre Uraufführung 1938 an der Dresdner Semperoper, und am Ende des Krieges beweinte er in den "Metamorphosen" die Zerstörung der Konzertsäle in Deutschland. Jahrzehnte davor war er Avantgarde, was man gerade bei den Salzburger Festspielen mit der musikalisch umwerfenden "Elektra" erleben kann.

Was soll das nun? Den Ambivalenzen von Strauss als Künstler und Mensch wird man kaum gerecht, wenn man, wie die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, Elisabeth Koch, vorschlägt, statt eines Festivals die "begnadeten Musiker", die es im Ort gebe, Strauss' Volksliedvariationen spielen ließe. Am besten wohl im ehemaligen Olympiaskistadion, dann rundete sich der Kreis: Strauss' Name wurde im August 1944 von Hitler auf eine Sonderliste die sogenannten Gottbegnadetenliste gesetzt.

Wenn nun am 20. August der Gemeinderat des Ortes darüber entscheiden sollte, ob und wie es mit dem Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen weitergeht, sollte den Entscheidern bewusst sein, dass man dieses entweder gescheit macht - oder gar nicht. Das wussten die bisherigen künstlerischen Leiter nur zu gut. Gerade Alexander Liebreich, bis vor kurzem noch in diesem "Amt", lag das Nachspüren der Strauss'schen Ambivalenz sehr am Herzen. Doch leider hatte er dafür weder einen Vertrag noch ein Betriebsbüro. Wer soll denn unter diesen Bedingungen diesen Job machen?

Strauss ist mehr als die "Alpensinfonie" oder "Zarathustra". Dass das in Garmisch jemanden interessiert, wirkt derzeit fraglich - offenbar glaubt man dort immer noch, auf ewig allein durch den Ski-Tourismus Bedeutung erlangen zu können wie damals, 1936. Noch wollen viele das Festival, aber die sitzen nicht unbedingt in Garmisch. Kunstminister Bernd Sibler etwa teilt mit: "Wir werden das Festival nach Kräften unterstützen und einen entsprechenden Antrag für das Jahr 2021 wohlwollend prüfen. Die Höhe der Förderung im kommenden Jahr hängt von verschiedenen Faktoren ab." Ein Faktor ist die Qualität. Und, da hat Sibler tatsächlich recht, sollte die nicht stimmen, ist das gar nicht schön.

© SZ vom 08.08.2020

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