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Zweites Autokonzert in Dachau:Scheiben runter, Oberkörper raus

Für Jamaram und Gaststar Jahcoustix ist das Autokonzert auf der Thoma-Wiese in Dachau ein guter Tour-Auftakt. 130 Wagen stehen in Reih und Glied. Fans aus ganz Bayern feiern begeistert die neue Live-Atmosphäre - auch wenn der Sound im Wagen besser ist

Endlich wieder live. Endlich wieder vor Menschen Musik machen und gemeinsam abfeiern. Die Band Jamaram und ihr Gaststar Jahcoustix ließen ihrer Freude, nach der mehrmonatigen Zwangspause wieder auf der Bühne stehen zu dürfen, freien Lauf. Sie jammten, was das Zeug hielt. Das Konzert in Dachau war der Auftakt zu einer Tour, die schon im März hätte starten sollen und die sie nun, so hoffen die Musiker, von Herbst an durch Deutschland führen wird. Allerdings ohne ihren "etatmäßigen" Frontman und Sänger Tom Lugo, der nach 20 Jahren, zwölf Alben und geschätzt 2 000 Live-Auftritten ein Sabbatical einlegt. "Um Zeit für die Familie zu haben", wie er in einem Video auf der Facebookseite der Band mitteilt.

Die Band, gegründet am Ammersee und jetzt in München beheimatet, und ihr Gaststar, Jahcoustix aus Bonn, lockten Besucher und Fans aus ganz Bayern an. Sie verteilten sich auf 130 Autos, die Busse der Sicht wegen hinten, die PKWs vorne. Mehr Kapazität gibt es auf der Thoma-Wiese nicht. Immerhin sind zwei Personen pro Ticket erlaubt, plus Kinder, die tatsächlich zahlreich vorhanden waren, vom Baby bis zum Teenie. Jamaram sind bekannt für ihre coolen Live-Auftritte mit Chill-out-Flair und ganz viel Groove, wie es sich für eine vom Reggae geprägte Band gehört. Es dauerte auch nicht lange, da gingen viele Scheiben an den Autos runter und die Zuschauer zwängten sich durch die Fenster: Füße auf den Sitzen, Oberkörper im Freien, Bierflasche oder Prosecco auf dem Dach. Einige hatten sogar Kerzen mitgebracht, in den Gesichtern zeigte sich die pure Freude. Schon beim zweiten Song "Rise" waren die Hände oben und alle sangen mit: "Rise and shine, shine some more, for money can't buy you happiness." Die Taschenlampen an den Handys leuchteten und das Publikum schien augenblicklich den Alltag - und somit auch Corona - vergessen zu haben. 90 Minuten Glücksgefühle und gute Laune sollten folgen.

Mit ein paar klangtechnischen Einschränkungen: Der Sound von Posaune, Trompete und Saxophon, Drums und Percussion kam pur und unplugged in den Ohren der Zuhörer an. Aber ohne die PA, also die Verstärkertürme, fehlten E-Piano, E-Gitarre, E-Bass sowie insgesamt Lautstärke und Tiefe. Die Akustik bei einem Autokonzert ist schon ein riesen Unterschied zum herkömmlichen Live-Gig. Die Hardcorefans unter den Besuchern auf der Thoma-Wiese störte das offenbar kein bisschen, sie ließen sich nicht einsperren. Wer allerdings Wert auf ein volles Klangvolumen legte, der blieb im Wagen sitzen, hielt die Fenster geschlossen und drehte das Soundsystem im Radio voll auf. Perfekten Empfang garantierten die beiden UKW-Sender, die das Kulturamt Dachau, das das Konzert auch veranstaltete, herbeigeschafft hatte. Die Frequenz, auf der das Konzert standortnah übertragen wurde, bekam jeder Besucher am Einlass mitgeteilt.

Während die Musiker auf der Bühne steil abgingen, mussten sich die Zuschauer unterm Lenkrad oder auf den Sitzen mit den Füßen zappeln. Kein Vergleich mit der Live-Atmosphäre, die in den rappelvollen Clubs und Hallen herrscht, in denen Jamaram sonst auftreten. Dazu fehlte auch Sänger Tom Lugo. Gitarrist Samy Danger sprang als Lead-Vocalist ein, unterstützt von Lionel Wharton (Keyboard), beide machten ihre Sache gut. Jahcoustix, langjähriger Freund und Wegbegleiter der Münchner Band Jamaram, steuerte mehrere Songs bei und sang dazu.

Während der eineinhalb Stunden gab es eine Menge Highlights aus 20 Jahren Bandgeschichte zu hören. Der bisweilen abenteuerliche Jamaram-Worldmusic-Stilmix reichte von eingängigen Grassroots-Reggae-Hits wie "Rock Steady" und "Jameleon" über Funk-Rock-Klassiker wie "The Finest" oder "Easy Life" bis hin zur trashigen Balkan-Dub-Pop-Nummer "Get off my Lawn". Auch ruhigere Lieder gehören zu einem chilligen Jamaram-Konzert. Bei "Over the Ocean" stillten die Zuhörer gedanklich ihr Fernweh und träumten sich auf eine Insel. Jamaram-Gründervater Samy Danger, alias Samuel Hopf, gelang es, mit lockeren Ansagen und Sprüchen die Stimmung in den Songpausen anzuheizen. Ein Beispiel: "Hallo Dachau, ihr könntet auch einfach die Fenster zumachen und kiffen, das stört uns nicht." Konventionen und Gesetze sind wohl eher nichts für eine Indie-Band wie Jamaram. Der Spaß an der Musik steht an erster Stelle. Schmissig, entspannt, familiär, so kamen sie in Dachau rüber und sorgten für ein natürliches High beim Publikum.

© SZ vom 02.06.2020

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