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Wirtschaftliche Veränderungen:Vorsorge im Fokus

Hermann Krenn, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, sieht die wirtschaftliche Entwicklung mit Sorge.

(Foto: Toni Heigl)

Als öffentlich-rechtliches Geldinstitut sieht sich die Sparkasse Dachau verpflichtet, für Menschen in der Boomregion München ihr Beratungsangebot auszubauen

Teure Immobilien, hohe Mieten, steigende Kosten für die Lebenshaltung - das Wachstum im Ballungsraum München hat seinen Preis. Davon ist insbesondere der Landkreis Dachau betroffen, der nach einer Prognose des Statistischen Landesamts das größte Wachstum aller bayerischen Landkreise haben wird. Demnach wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2038 um 12,4 Prozent steigen. Die Null-Zins-Politik macht es Menschen in der Boom-Region zunehmend schwer, Geld für das Alter zurückzulegen, wenn ihre Rente eher bescheiden ist. Die Sparkasse Dachau möchte den Bürgern im Landkreis helfen, mit dem finanziellen Druck besser umzugehen. Das Geldinstitut bietet jetzt eine Beratung für die Vorsorge an, die ihre Kunden über die wirtschaftlichen Veränderungen und ihre finanziellen Folgen informiert.

Die Sparkasse sieht den wirtschaftlichen Druck vieler Menschen im Landkreis mit Sorge. "Wir sehen die Nöte im Einzelbestand, und diese Fälle nehmen zu", beschreibt Vorstandsvorsitzender Hermann Krenn die Entwicklung. Als öffentlich- rechtliches Geldinstitut sieht sich die Bank dazu verpflichtet, dieser Entwicklung entgegen zu steuern und die Bevölkerung zum

Handeln zu bewegen. Die "Vorsorgekultur" sei weder ein neues Produkt noch eine neue Abteilung, sondern eine Ergänzung des Beratungsangebots, betont Krenn. Sie sei notwendig, weil sich die wirtschaftlichen Bedingungen verändert haben. So ist der europäische Leitzins von 8,75 Prozent im Jahr 1992 auf nahezu null im Jahr 2019 gefallen. Die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe, eine ehemals beliebte Kapitalanlage, betrug im Jahr 1974 noch 10,97 Prozent. Heute liegt sie im negativen Bereich. Wer als 50-Jähriger 100 000 Euro angespart hatte, erhielt bei einem Zinssatz von vier Prozent mit 67 Jahren 151 000 Euro - die Inflation miteingerechnet. Bei einem Zinssatz von null Prozent bleiben von den 100 000 Euro real noch 77 000 Euro übrig.

Während die Zinsen im Keller liegen, sind die Preise für Immobilien und Mieten explodiert. 2011 war ein Einfamilienhaus in der Region im Schnitt noch für 400 000 Euro zu haben. Mittlerweile muss man dafür fast 800 000 Euro zahlen. Eigentumswohnungen sind im Vergleich zu 2011 doppelt so teuer, ebenso Reihenhäuser und Doppelhaushälften. Von 2007 bis 2018 stieg der Mietpreis für eine Wohnung in Dachau von acht auf zwölf Euro pro Quadratmeter - eine Steigerung von fast 50 Prozent.

Dazu kommt der Verdrängungsdruck: Die Wohnungsknappheit und die hohen Mieten veranlassen immer mehr Münchner dazu, an den Stadtrand oder aufs Land zu ziehen. Was den Einwohnerzuwachs betrifft, liegt Dachau sogar vor der Landeshauptstadt. Danach folgen Regensburg, Augsburg und Nürnberg. Dazu kommt, dass sowohl die Immobilienpreise als auch die Mieten schneller als die Löhne steigen.

Auch das Rentenniveau macht vielen Menschen im Alter Probleme. Die gesetzliche Rente deckt in Deutschland im Schnitt nur 50 Prozent des Einkommens ab, das ein Erwerbstätiger in seinem Berufsleben bezogen hat. In anderen EU-Ländern deckt die gesetzliche Rentenversicherung einen wesentlich größeren Teil des Einkommens ab. In Frankreich sind es 74 Prozent, in Italien 81 und in Spanien sogar 91 Prozent. Für die Deutschen bedeutet das, dass sie fürs Alter mehr Geld zurücklegen müssen. Bei einem Vergleich unterschiedlicher Generationen im Rentenalter wird klar, dass auf jüngere Menschen künftig höhere Belastungen zukommen werden. Während die Zinserträge weniger werden, steigen Mieten und die Kosten für die Lebenshaltung. Für jüngere Generationen wird es deshalb immer schwieriger, mit ihrer Rente auszukommen.

Von der Niedrigzins-Politik profitieren Kreditnehmer und auch Staaten, die eine schwache Wirtschaft und hohe Schulden haben. Zu den Verlierern gehört der Sparer. Weniger als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland hat 2019 Geld angelegt. Bei den 18- bis 29-Jährigen war der Anteil mit 38 Prozent am niedrigsten. Gerade bei junge Leuten sieht Hermann Krenn deshalb großen Bedarf für eine Beratung über die Vorsorgemöglichkeiten. Das gilt für das Zwecksparen und die Vermögensberatung, die Finanzierung einer Immobilie und Rücklagen für das Alter. "Das ist kein neues Geschäftsfeld, sondern unsere Pflicht", so der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse.

© SZ vom 22.01.2020
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