bedeckt München 15°
vgwortpixel

Weil im Förderschulbus alle Plätze besetzt sind:Schwieriger Start ins neue Leben

Der achtjährige Noel aus Ungarn lebt bei seiner Großmutter in Unterweikertshofen. Seinen Schulweg nach Dachau muss er alleine bewältigen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Noel ist acht und kann kaum Deutsch. Sein Weg in die Schule ist beschwerlich, jeden Morgen braucht er fast zwei Stunden. Dabei gäbe es eine gute Alternative.

Noel Juhasz hat in seinen acht Lebensjahren schon eine Menge mitgemacht. Aufgewachsen in Ungarn, der Vater ist Alkoholiker, arbeitslos und lebt von Sozialhilfe. Die überforderte Mutter verließ die Familie vor drei Jahren. Ohne seine in Erdweg lebende Großmutter Margit Peter wäre er mit hoher Wahrscheinlichkeit im Kinderheim oder bei Pflegeeltern gelandet. Man könne den Jungen nicht länger in der Obhut seines Vaters lassen, teilte das Jugendamt der Großmutter mit. Noel verwahrlose zusehends, habe keinen Lernantrieb in der Schule, sei dauernd müde. Margit Peter gelang es schließlich, mit Hilfe eines Anwalts das Sorgerecht für ihren Enkel zu erhalten und ihn zu sich nach Unterweikertshofen zu holen.

Seit dem 12. September 2014 ist Noel in Deutschland, seit Oktober geht er in eine deutsche Schule. Wegen seiner ungenügenden Deutschkenntnisse muss er in die Übergangsklasse der Grundschule Dachau-Ost gehen. Hier wird er behutsam an das deutsche Schulsystem und die neue Sprache herangeführt. Für den Zweitklässler bedeutet das allerdings morgens und nachmittags 90 Minuten Schulweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Erschwerend kommt hinzu, dass der Anschlussbus am Josef-Effner-Gymnasium morgens um 7.45 Uhr meistens schon weg ist, so dass der Achtjährige die letzten 1,3 Kilometer zu Fuß zurücklegen muss - im Laufschritt, sonst schafft er es nicht, bis zum Unterrichtsbeginn um 8 Uhr anzukommen. Die Anwesenheitspflicht beginnt laut Schulregel aber schon um 7.45 Uhr. "Noel kam die ersten Wochen oft erst nach 8 Uhr abgehetzt bei uns an", erinnert sich seine Lehrerin Jutta Lautenbacher. Nicht gerade ein perfekter Start in ein neues Leben.

Die Beförderungssituation von Noel sei unbefriedigend, findet auch die Leiterin der Grundschule Dachau-Ost, Gabriele Dörfler. Die Gemeinde Erdweg erstatte zwar die Fahrtkosten für den Bus, aber für einen Achtjährigen in einer psychischen Ausnahmesituation sei so eine Busfahrt mit Umsteigen oder 20minütigem Fußweg nicht wirklich zumutbar. Das meint auch seine Großmutter, die ihn mittlerweile mit dem Auto zur Schule bringt. Für die 48-Jährige heißt das aber, dass sie in Dachau eine Stunde Zeit überbrücken muss, denn ihre Arbeit beginnt erst um 9 Uhr. Wenn sie Spätschicht habe, fahre sie zurück nach Unterweikertshofen, sagt Margit Peter, um dann mittags noch mal nach Dachau zur Arbeit zu fahren. Den Heimweg von der Schule meistert Noel inzwischen alleine, nachdem ihn anfangs sein Großvater mit dem Auto abgeholt hat. Doch auch der ist voll berufstätig und arbeitet nur Nachtschicht, so dass das keine Dauerlösung sein konnte. Nun hat der Junge keine andere Wahl als mit dem Bus zu fahren. Da er täglich nach der Schule den Hort besucht, ist er frühestens um 16.30 Uhr zu Hause. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Abschalten, bevor er ins Bett geht.

Monatelang verhandelten Margit Peter und später auch Schulleiterin Margit Dörfler sowohl mit dem Landratsamt Dachau als auch mit der für die Beförderung zuständigen Gemeinde Erdweg, um eine kinderfreundlichere Lösung zu finden. Das Landratsamt hätte gerne mit einem Platz im Förderschulbus nach Dachau geholfen, sagt Albert Herbst, Sachgebietsleiter für Schülerbeförderung. Doch da in den Bussen für Förderschüler Sitzplatzpflicht bestehe und alle Plätze besetzt seien, könne er nichts machen. Auch er sei persönlich nicht glücklich mit der Situation, bei der viele ungünstige Umstände zusammenkämen. Aber letztlich sei nun einmal die Gemeinde als Aufgabenträger zuständig.

Und hier pocht man auf die "gesetzlichen Rahmenbedingungen", wonach die Mittel zur Schülerbeförderung "wirtschaftlich und sparsam" eingesetzt werden müssen, da es sich um Steuergelder handele. Vom Gesetz her sei auch der Schulweg zumutbar. Immerhin habe man der Großmutter des Jungen alternativ angeboten, die Fahrtkosten für den Transport mit dem Pkw zu übernehmen, versichert der Geschäftsleiter der Gemeinde Erdweg, Robert Wagner. Das habe die Großmutter bis jetzt aber nicht in Anspruch genommen. Die aber weiß gar nichts von dem Angebot: "Das höre ich zum ersten Mal", beteuert Margit Peter. Sie habe sich selbst schon nach einem Taxi erkundigt, das Noel wenigstens vom Effner-Gymnasium zur Schule bringt, so dass er nicht rennen muss. "Die Taxi-Unternehmen wollen für die Strecke mindestens 15 Euro", berichtet sie, "das ist mir zu teuer." Ihr gehe es eigentlich nur um eine faire Lösung, bei der nicht nur die gesetzliche Pflicht erfüllt werde, sondern das Wohl des Kindes im Vordergrund stehe. "Noel hat schon zu viel in seinem Leben mitmachen müssen", meint seine Großmutter. Sie würde auch gerne nach Dachau ziehen, habe aber bislang keine Wohnung gefunden.

Ob Noel noch ein weiteres Jahr auf die Übergangsklasse gehen muss, steht noch nicht fest, sagt seine Lehrerin Jutta Lautenbacher. Er habe zwar gute Fortschritte in Deutsch gemacht, sei aber auch verhaltensauffällig. Noel selbst freue sich jetzt erst mal auf Ostern, versichert seine Oma. In den Ferien werde er nämlich seinen Vater wieder sehen, den er sehr vermisst. Weiter denkt er momentan noch nicht.

© SZ vom 16.03.2015
Zur SZ-Startseite