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Vor allem in den Nachtstunden:Die Feuerwehr ist zu langsam

Brand auf MD-Gelände

Eine Arbeitsgruppe soll klären, wie die Feuerwehr Dachau schneller ausrücken kann. In fast der Hälfte aller Fälle können die Helfer nicht innerhalb der vorgeschriebenen zehn Minuten am Einsatzort sein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Innerhalb von zehn Minuten müssten laut Gesetz die ehrenamtlichen Retter in Dachau am Einsatzort sein. In fast der Hälfte aller Fälle treffen sie aber später ein. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Stadt

Von Petra Schafflik, Dachau

Bei fast der Hälfte aller Einsätze trifft die Freiwillige Feuerwehr Dachau zu spät ein. Dieses Ergebnis einer Expertenstudie beunruhigte die Dachauer Stadträte im Haupt- und Finanzausschuss und überraschte auch Feuerwehrkommandant Thomas Hüller. Er erklärte: "Ein Ergebnis, das wir so nie vermutet hätten." Die Helfer müssten einer gesetzlichen Vorgabe zufolge binnen zehn Minuten am Einsatzort sein. Das schaffen die Dachauer Feuerwehrleute aber nur in 53 Prozent der Fälle. Einer der Gründe: Es gibt für die weiten Entfernungen im Stadtgebiet zu wenig Wachen.

Wenn aus der Bratpfanne plötzlich Flammen schießen oder sich reißende Fluten in den Keller ergießen, hoffen Bürger auf schnelle Hilfe von der Feuerwehr. Weil jede Unterstützung effektiver ist, je schneller sie ansetzt, hat der Freistaat für Rettungseinsätze eine gesetzliche Hilfsfrist festgelegt. Binnen zehn Minuten nach Eingang des Notrufs sollen Helfer mit einem ersten Feuerwehrfahrzug vor Ort sein. Dass die Realität aber oft anders aussieht, hat Thomas Keller vom Heilsbronner Ingenieurbüro für Brandschutztechnik und Gefahrenabwehr (IBG) festgestellt. Im Auftrag der Stadt erarbeitete er einen Feuerwehrbedarfsplan - mit einem niederschmetternden Ergebnis. Aus Kellers Vortrag wurde klar: Nichts zu tun, das geht nicht. "Eine Quote von 80 Prozent ist rechtlich gerade noch vertretbar", so der Experte. Aber 53 Prozent sind nicht hinnehmbar. Eine Projektgruppe soll nun Lösungsvorschläge erarbeiten.

Stets gilt: Wer in Dachau die 112 wählt, kann zuverlässig mit Hilfe rechnen. Aber die Bürger müssen unterschiedlich lange auf Hilfe warten. Und das, obwohl "die personelle Ausstattung sehr gut ist", wie Keller sagte. Dass bei einem Brand in der Friedenstraße, in direkter Nähe der Feuerwache, schneller ein Einsatzwagen eintrifft, als in Webling oder Mitterndorf, das leuchtet auch dem Laien ein. Doch die statistische Auswertung erbrachte auch unerwartete Erkenntnisse: So erreicht tagsüber bei 71 Prozent der Einsätze das erste Fahrzeug innerhalb von zehn Minuten den Einsatzort. Nachts sieht es schlechter aus, die Quote beträgt nur 32 Prozent. Dabei wurde die Hilfsfrist von zehn Minuten vom Gesetzgeber nicht willkürlich gewählt, sondern basiert auf Untersuchungen, wie lange Menschen nach einem "kritischen Wohnungsbrand" noch sicher gerettet werden können.

In Dachau brauchen die Helfer vor allem nachts oft länger. Dann kommen die Feuerwehrleute zwar schneller zur Wache, auch die Einsatzfahrzeuge müssen sich ihren Weg nicht durch dichten Verkehr bahnen. Aber bis 18 Uhr sind vier hauptamtliche Feuerwehrleute der Wache sofort einsatzbereit, später werden Ehrenamtliche per Meldeempfänger gerufen. Sie eilen aus dem gesamten Stadtgebiet erst zum Feuerwehrhaus, um die Einsatzwagen zu besetzen. "Die Ausrückzeit steigt massiv nach 23 Uhr, weil die Leute erst aus dem Bett und in die Kleidung müssen, zwei bis drei Minuten sind da gar nichts", erklärte Kommandant Hüller den Stadträten. Ewig müssen die Bürger nicht auf Hilfe warten, meist liege die Überschreitung bei drei bis vier Minuten, betonte Keller. Bedenklich sei aber, dass Stadtteile wie Himmelreich oder das Gewerbegebiet Ost nie rechtzeitig erreicht würden.

Die integrierte Leitstelle hat eine Minute für die Alarmierung. Dazu kommt die Ausrückzeit, in der die Helfer von ihrer Wohnung zur Wache eilen, sich umziehen und mit dem ersten Fahrzeug losfahren. In Dachau brauchen sie dafür 6.45 Minuten, bleiben also nur noch 2.15 Minuten, um den Unglücksort innerhalb der Frist zu erreichen. Der Feuerwehrreferent des Stadtrats und aktive Feuerwehrmann Wolfgang Reichelt (CSU) weiß, woran es hapert: In der Stadt gebe es zu wenig Wachen. Vergleichbare Städte hätten daher mehrere Wachen. In Dachau gibt es nur in Pellheim eine eigenständige Feuerwehr, die ehemaligen Wachen in Mitterndorf, Etzenhausen und Augustenfeld wurden längst aufgegeben. Jetzt soll die Ausrückzeit auf 3.30 Minuten gedrückt werden. Wie, das ist noch völlig offen. Vielleicht durch Dienstwohnungen am Feuerwehrhaus oder bezahlte Nacht-Bereitschaften der Ehrenamtlichen.

Mitten im Vortrag sprangen drei junge Zuhörer auf und verließen eilig den Sitzungssaal. Sie waren Feuerwehrmänner. Aber das war keine Inszenierung, wie Reichelt betonte, "sondern der 223. Einsatz in diesem Jahr".

© SZ vom 01.07.2017

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