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Verzauberte Zuhörer:Hinreißende Interpretation

Victor Bolarinwa und die Sinfonietta Dachau stellten die Schönheit der Musik über alles.

(Foto: Toni Heigl)

Die Sinfonietta Dachau führt Beethovens Violinkonzert auf

Im Mittelpunkt des Herbstkonzerts der "Sinfonietta Dachau" stand das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 von Beethoven. Das Beethoven-Violinkonzert wird man im Beethoven-Jahr 2020 (Anlass ist der 250. Geburtstag des Komponisten) ziemlich oft zu hören bekommen. Allein der Konzertkalender von "München Musik" verzeichnet für das erste Halbjahr 2020 drei Aufführungen. Ob es aber immer so unglaublich schön gelingt wie jetzt in Dachau ist sehr fraglich. Dirigent Victor Bolarinwa hatte die junge Geigerin Mathilde Milwidsky aus London, die zur Zeit noch in München studiert, engagiert. Die "Sinfonietta Dachau" erlebte mit dieser begabten Solistin und dem Beethoven-Violinkonzert eine Sternstunde.

Hat man dieses Orchester jemals so fein musizieren gehört wie jetzt im Renaissance-Festsaal des Dachauer Schlosses? Hat man das Violinkonzert von Beethoven jemals so überaus kultiviert, dynamisch differenziert und zugleich der Musik Beethovens überaus angemessen und auch virtuos vorgetragen gehört? "Das göttliche Violinkonzert ist erfüllt mit der Seligkeit der reinen Dur-Harmonie", schrieb der Münchner Musikgelehrte Walter Riezler in seinem wegweisenden Beethoven-Buch. Das Adjektiv "göttlich" verwendet er sonst nur sehr selten. Viele Interpretationen rechtfertigen dieses "göttlich" nicht, weil bei ihnen die Größe des Werks im Vordergrund steht, der sie durch "bedeutende" Interpretation gerecht werden wollen. Mathilde Milwidsky und die Sinfonietta Dachau unter der Leitung von Victor Bolarinwa aber kamen dem Göttlichen dieses Konzerts überaus nahe, indem sie jede nur vordergründig virtuose Geste vermieden und die Schönheit der Musik über alles stellten. So viel schönes, klingendes Piano hat man von dem vorzüglich begleitenden Orchester wohl noch nie, vor allem bei Beethoven noch nie gehört. Es ging ganz auf den beseelten Ton der Solistin ein, und die Zuhörer waren bezaubert.

Nach dem ersten Satz, den die Solistin mit einer glänzend gespielten Kadenz aus der Feder des legendären Geigers Fritz Kreisler krönte, war das Publikum so hingerissen, dass es spontan applaudierte, ja geradezu applaudieren musste. Musikalisch hervorragend war, wie das Orchester den in einem pochenden Motiv auftretenden, der D-Dur-Harmonik fremden Ton dis, der den Satz eröffnet und dann etwa siebzig mal wieder ertönt, dezent als musikalische Klammer gestaltete, die den großen Satz zusammenhält.

Noch einmal sei Walter Riezler zitiert, wenn er fragt: "Wo gäbe es in der klassischen Welt ein zweites Gebilde wie das Larghetto aus dem Violinkonzert, wo zu einer sich in göttlicher Ruhe ausbreitenden, fünfmal ohne Änderung wiederholten Melodie die Geige wie träumend beseelte Figurationen ertönen lässt?" Man möchte hinzufügen: "Und wo hört man das so traumhaft schön gespielt wie jetzt von Mathilde Milwidsky?" Ihre Zugabe, das Adagio aus der 1. Sonate für Violine solo von Bach, erklang zutiefst verinnerlicht.

Diesen unvergleichlich schönen Beethoven rahmte Bolarinwa mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy ein. Als Ouvertüre erklang dessen selten gespielte Ouvertüre zum "Märchen von der schönen Melusine" - ein sehr ansprechendes Werk -, und die Sinfonietta Dachau traf den märchenhaften Ton dieses Werks ausgezeichnet. Der Klarinettist des Orchesters, der an diesem Abend beinahe wie ein zweiter Solist wirkte, stach hier mit schönen Kantilenen hervor. Die Symphonie des Abends war die Symphonie Nr. 4 A-Dur, die "Italienische", von Mendelssohn Bartholdy. Zur Aufführung dieser sehr bekannten, von Profis wie von Laienmusikern oft und gern gespielten Symphonie sei nur eines gesagt: Eine klanglich abgerundete, musikalisch in jeder Phase überzeugende, schöne Aufführung. "Nur der Schönheit weiht' ich mein Leben", singt Tosca in Puccinis Oper. Im Anschluss daran möchte man sagen: "Nur der Schönheit war die- ser wunderbare musikalische Abend geweiht."