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Verkehrslärm in Karlsfeld:Völlig zugedröhnt

Die Lärmschutzwand an der vierspurigen Bundesstraße 304 bei Karlsfeld endet auf offenem Feld.

(Foto: Toni Heigl)

Der wachsende Verkehr auf der B 304 raubt den Anwohnern der Rothschwaige inzwischen den letzten Nerv. Nun kämpfen sie gemeinsam für einen Aktionsplan gegen den Lärm. Die Erfolgsaussichten: eher zweifelhaft

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Leidensdruck der Anwohner in der Rothschwaige ist hoch. Nachts schrecken sie immer wieder aus dem Schlaf, wenn ein Auto- oder Motorradfahrer auf der nahen B 304 ordentlich durchstartet und seinen Motor auf die höchste Drehzahl hochjagt. Aber auch Nachmittags fahren Autos mit getunter Auspuffanlage und sattem Sound die Bundesstraße entlang. "Auf der Rennbahn ist das vielleicht schön, aber wenn man das immer hat nicht", klagt ein 20-jähriger Anwohner. Es seien keine Einzelfälle, erzählt er sichtlich genervt. Jede zweite oder dritte Ampelphase sei ein besonders lauter Fahrer dabei, der das Grundrauschen des Verkehrs deutlich übertöne. Das Thema sei schon mehr als 30 Jahre alt, sagt sein Vater etwas resigniert. Man habe schon öfter versucht, etwas gegen den Lärm zu unternehmen, doch bislang ohne Erfolg. Der 20-jährige Sohn will das aber nicht einfach akzeptieren und so hat er einen neuen Versuch gestartet. Derzeit sammelt er Unterschriften bei den Nachbarn. Er will eine Lärmaktionsplanung anstoßen.

"Rechtliche Ansprüche auf eine Lärmschutzwand oder so etwas haben wir nicht", erklärt der junge Mann. Die Bundesstraße war zuerst da. Die Siedlung entstand später. "Als wir vor 20 Jahren hergezogen sind, war der Verkehrslärm bei Weitem nicht so extrem", sagt der Vater. Erst in den vergangenen zehn Jahren habe sich das so entwickelt. "Und jetzt nimmt der Verkehr von Jahr zu Jahr zu", sagt der 58-Jährige. Die B 304 sei inzwischen die meistbefahrene Straße im Landkreis und als Hauptverkehrsader nach München gebe es auf der Strecke inzwischen auch nachts keine Ruhe mehr. "Der Krach ist eine ziemliche Belastung", findet auch der SPD-Fraktionschef Franz Trinkl, der ebenfalls in dem Ortsteil wohnt.

Neidvoll blicken die Anwohner auf das Seniorenzentrum, das vor einigen Jahren neu gebaut wurde und um das man eine Lärmschutzwand errichtet hat. Eine solche Wand hätten die Anwohner der Reschenbach- und Auwaldstraße auch gerne. Doch die Wand endet kurz vor ihren Häusern. "Das macht doch keinen Sinn", sagt der 20-Jährige aufgebracht. Bereits Ende 2020 haben sich die genervten Anwohner zu einer Bürgerinitiative zusammengetan und eine Online-Petition gestartet. Darin fordern sie vor allem eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem etwa zwei Kilometer langen Teilstück der B 304 zwischen den Märkten in Karlsfeld und dem Autohaus Rapp in Dachau. Außerdem wünschen sie sich, dass Blitzgeräte aufgestellt werden, die die Raser zur Räson bringen. Diese könnten Beschleunigungsduellen vorbeugen, so die Bürgerinitiative. 237 Leute haben die Petition inzwischen schon unterstützt. Ein beachtlicher Erfolg, doch das Ziel sind 500. Auch Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) und Landrat Stefan Löwl (CSU) haben die Initiatoren angeschrieben. Das Ergebnis sei jedoch enttäuschend gewesen - ja sogar "demotivierend", sagen Vater und Sohn. Vor allem die Reaktion aus dem Landratsamt.

Zur gewünschten Geschwindigkeitsbegrenzung antwortete Löwl: "Dass eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf der B 304 von 100 Stundenkilometer auf 80 Stundenkilometer lediglich eine Minderung der Immissionspegel um etwa ein Dezibel und eine Reduzierung auf 60 Stundenkilometer eine Minderung um etwa drei Dezibel zur Folge hätte." Vor Jahren habe man schon einmal das Tempolimit auf 80 Stundenkilometer festgelegt, erklärte er der SZ auf Anfrage. Doch die Regierung habe es wieder kassiert. Bei zwei Fahrspuren und einem autobahnähnlichen Ausbau müsse man schon einen guten Grund für eine Einschränkung haben. Ein bis drei Dezibel reichten da nicht aus. Zumal das Problem auch nicht die Leute seien, die sich an die 100 Stundenkilometer hielten, so Löwl. Es seien vielmehr die Raser und diejenigen aus der Tuner-Szene, die mit lauten Auspuffsystemen unterwegs seien.

Lärmbelastung Rothschwaige

Die Rothschwaige im Verkehrslärmkataster.

(Foto: Toni Heigl)

Bei einer Verkehrskontrolle Ende November hatte die Polizei die Szene mal ins Visier genommen. Am Dachauer Schloss, wo sich die hochmotorisierten Fahrer treffen, erhielten damals etwa 25 einen Platzverweis. Beobachtet wurde aber auch die B 304, wo die Szene sich gerne Rennen liefert. Der Schnellste fuhr laut Polizei damals 170 Stundenkilometer. Kontrollen, davon ist Landrat Löwl überzeugt, würden schon helfen, das Lärmproblem zu vermindern. Deshalb will er sich nun zusammen mit Bürgermeister Stefan Kolbe für stationäre Blitzer auf der Strecke einsetzen. Vor eineinhalb Jahren habe er das Verkehrsministerium angeschrieben, nun soll das Thema bei einem Präsenztermin mit Ministerin Kerstin Schreyer noch einmal besprochen werden. Doch wegen der Corona-Krise seien die Treffen eben seltener geworden.

Bürgermeister Kolbe sagt, er könne nachvollziehen, dass die Anwohner in der Rothschwaige über die Lärmbelästigung klagten. Das Problem sei nur, dass die Gemeinde keinen Einfluss darauf habe, da es sich um eine Bundesstraße handele. Eine Geschwindigkeitsreduzierung auf 60 oder 80 Stundenkilometer würde er befürworten. Adrian Heim, Fraktionssprecher des Bündnisses für Karlsfeld, hat bereits beantragt, dass der Gemeinderat eine gemeinsame Resolution beschließen soll, damit das Tempolimit verschärft wird. "Jeder Druck hilft, jede politische Kraft ist gut", sagt Trinkl, der den Kampf der Anwohner seit Jahren kennt. 2008 hatte der damalige Gemeinderat Wolfgang Offenbeck sich sehr für die Geschwindigkeitsreduzierung eingesetzt - doch ohne Erfolg.

Die Bürgerinitiative gibt jedoch nicht auf. "In München werden Autobahnen auf 60 Stundenkilometer gedrosselt, obwohl keine Wohnbebauung da ist. Da ist es mir unbegreiflich, warum das hier nicht geht", sagt der 20-Jährige aus der Rothschwaige. An der Reschenbachstraße seien etwa 70 Häuser nur 100 bis 120 Meter von der B 304 entfernt, an der Auwaldstraße weitere zwölf. Mit Hilfe der Unterschriften hofft die Bürgerinitiative nun, gehört zu werden. "Die Bundesregierung hat Mittel für freiwillige Lärmschutzmaßnahmen an Bundesstraßen bereitgestellt", begründet der 20-Jährige.

© SZ vom 20.03.2021
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