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Verkehr:Ampelschaltung per Funk

Viele elektronische Geräte verraten, wo wir uns gerade aufhalten. Die Stadt Dachau möchte sich das zunutze machen, um den Verkehr besser zu steuern. Nicht alle sind davon begeistert.

Smartphones, Navigationsgeräte und moderne Autos senden sie permanent aus: Bluetooth-Signale, mit denen Geräte auf kurze Distanz per Funk miteinander kommunizieren. Diese weit verbreitete Technik will die Stadt künftig nutzen, um Informationen über die Verkehrslage zu sammeln, den öffentlichen Nahverkehr zu beschleunigen und den Verkehrsfluss zu optimieren. Vor allem zur Rush-Hour lasse sich per "Blueroad-Concept" der dichte Verkehr "entspannen", sagte Heribert Lorenz vom Stadtbauhof, der das neuartige Steuerungssystem im Verkehrs- und Umweltausschuss präsentierte. Doch die Stadträte waren von der Effektivität des Konzepts, das immerhin 300 000 Euro kosten soll, nicht restlos überzeugt. Zudem wurden mehr Infos zum Datenschutz gefordert, bevor in der nächsten Sitzung eine Entscheidung fallen soll.

Das Blueroad-Concept funktioniert so: An allen 33 Ampelanlagen in der Stadt werden Empfänger installiert, die alle Bluetooth-Signale vorbeifahrender Verkehrsteilnehmer aufnehmen. So lässt sich permanent die Verkehrsbelastung der einzelnen Strecken in der Stadt erfassen, können Reisezeiten wie auch Verzögerung und Staus berechnet werden. Für Erfassungsgeräte, Auswertungssoftware und eine Anpassung der Ampelschalttechnik müsste die Stadt 300 000 Euro aufwenden. Das neue System wäre eine enorme Verbesserung zur aktuellen Ampelsteuerung, die nur jeweils auf die Verkehrssituation direkt an der jeweiligen Kreuzung reagiert, erläuterte Verkehrsfachmann Heribert Lorenz vom städtischen Bauhof.

Doch so begeistert und überzeugt Lorenz das in Freising bereits erprobte Blueroad-Concept auch präsentierte: Bei den Stadträten traf er auf Skepsis. Diagramme, die den Verkehrsfluss abbilden seien schön, sagte Bernhard Sturm (Bündnis für Dachau). "Aber gibt es genug Straßen, um den Verkehr zu lenken? Oder erzeugen wir nur Schleichverkehr?" Tatsächlich gehe es um sanfte Eingriffe. "Wir können den Verkehr nicht beschleunigen, nur entspannen", so Lorenz. Zeichne sich etwa in der Münchner Straße ein Stau ab, würden "nur für ein paar Sekunden, kaum merklich" Fahrzeuge an der Wallbergstraße zurückgehalten. Schon dieser kleine Eingriff erzeuge einen Entlastungseffekt.

"Bringt Blueroad auch etwas für die Radfahrer, oder ist es ein reines Autofahrersystem?", wollte Grünen-Stadtrat Thomas Kress wissen. Auch bei der CSU blieb Skepsis, "ob die Optimierungsquote die Investition wirklich wert ist", wie es Wolfgang Moll formulierte. Deutliche Verbesserungen ergäben sich für die Stadtbusse, die effektiv beschleunigt würden, betonte Lorenz. Dazu werden im Bus Signalgeber installiert, bei jeder Annäherung an eine Ampel, schaltet sie für den Bus auf Grün.

Auch Verkehrsreferent Volker C. Koch (SPD) ist überzeugt von Blueroad. Um die städtischen Busse schneller zu machen, aber auch, um die Feinstaubbelastung in der Stadt zu senken. Aber wie sieht es mit Praxiserfahrungen aus? In Freising, so Lorenz, werden bisher Verkehrsströme und Reisezeiten errechnet, die Verkehrssteuerung auf Basis der Daten sei aber noch nicht umgesetzt. Und der Datenschutz? Erfasst werde nur die Gerätenummer, die Daten bleiben in Dachau, der Server stehe bei RBS-Netcom. "Das beruhigt mich nicht", sagte CSU-Stadtrat Christian Stangl. Daten und Bewegungsprofile ließen sich verknüpfen, "das ist datenschutzrechtlich eine brisante Geschichte". Das System sei vom bayerischen Datenschutzbeauftragten geprüft, betonte Lorenz. Als Experte erläuterte Bernhard Rapp von RBS-Netcom Verschlüsselungstechnik und Sicherheitskonzept. Personenbezogene Daten würden nicht erfasst, die sogenannten MAC-Adressen von Bluetooth-Geräten sofort transformiert, so dass sie nicht zurückverfolgt werden können.

Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) warb für das neue System, weil es mehrere Probleme auf einmal löse, vor allem aber den öffentlichen Nahverkehr "schnell und einfach beschleunigen kann." Doch die CSU-Fraktion möchte erst noch den Bericht des Datenschutzbeauftragten sehen und auch ein paar konkretere Informationen zur Effizienz des Systems erhalten. Eine Mehrheit im Gremium entschied daher, das Thema für weitere Beratungen in den Fraktionen zu vertagen.

© SZ vom 20.03.2015
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