Vergangenheit Schmerzliche Suche nach der Wahrheit

Während der NS-Zeit starben zahlreiche Menschen in der Psychiatrie in Haar. Der Bezirk hat Aufklärung angekündigt. Dazu gehört auch die Frage, wie der ehemalige Direktor der Klinik, Anton Edler von Braunmühl, einzuordnen ist

Von Bernhard Lohr

Melitta Burger hat das Schicksal ihrer Mutter nie Ruhe gelassen. Oft, wenn sie rausfuhr nach Haar-Eglfing, um zum Grab auf dem einstigen alten Anstaltsfriedhof zu gehen, wurde sie mit der quälenden Frage konfrontiert, wie ihre Mutter am 7. Dezember 1944 zu Tode gekommen war. Als sie kurz nach Kriegsende im Sommer 1945 nach Haar radelte und bei dem behandelnden Arzt der Heil- und Pflegeanstalt nachforschte, tat der die Angelegenheit ab und sagte ihr kurz angebunden etwas von einem Leberleiden. Mittlerweile weiß sie, dass der Mann gelogen hat; der Mann, nach dem in ehrendem Gedenken auf dem Klinikgelände bis heute eine Straße benannt ist.

Anton Edler von Braunmühl war nach dem Krieg ein in Fachkreisen und darüber hinaus angesehener Neuropathologe und Psychiater. Er publizierte viel beachtete Aufsätze und widmete sich in der Schrift "War Hitler krank?" der Frage nach dem Geisteszustand des Diktators, unter dem Deutsche die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begingen und auch 240 000 psychisch Kranke ermordeten. Braunmühl war nach der Verhaftung des an den Euthanasie-Verbrechen direkt beteiligten Hermann Pfannmüller im Mai 1945 kommissarisch Direktor in der Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing. Dann folgte im Juni Gerhard Schmidt, und im August 1946 installierte das bayerische Innenministerium Braunmühl erneut, der bis zum Tod am 12. März 1957 Direktor blieb. In Nachrufen wurde er als Gelehrter, Menschenfreund und malender Arzt gewürdigt. Im Jahr 1976 beschloss der Gemeinderat auf Antrag des Klinikums, eine Straße nach ihm zu benennen.

Auf dem einstigen Anstaltsfriedhof in Haar liegen auch zahlreiche Euthanasie-Opfer aus der Zeit der NS-Diktatur begraben.

(Foto: Angelika Bardehle)

Dass der Anblick des Straßenschilds mit diesem Namen eine Frau wie Melitta Burger irritieren könnte, bedachte damals keiner. Ihre tote Mutter zählte anders als der 1947 von der Ludwig-Maximilians-Universität zum Honorarprofessor berufene Braunmühl lange zu den Vergessenen - den "vergessenen Opfern" der NS-Diktatur. Die Psychiatrie-Patientin wurde in Haar-Eglfing ermordet, so wie nach neuen Recherchen des NS-Dokumentationszentrums bis zu 2000 weitere. Mehr als 2100 Kinder und Erwachsene wurden von Haar-Eglfing in Tötungsanstalten transportiert. Was lange Zeit kaum jemand kritisch hinterfragte, war die Rolle, die der Arzt Braunmühl vor 1945 spielte. Das ändert sich gerade. Und auch das Bild, das er nach dem Krieg abgab, bekommt Risse.

Angehörige fordern Antworten, Historiker recherchieren und Politiker sowie Klinik-Verantwortliche suchen die Aufklärung. So ist mittlerweile belegt, dass Anton Edler von Braunmühl ausweislich der handschriftlich verfassten Patientenakte Melitta Burgers Mutter behandelt hat. Die heute 97-Jährige erinnert sich gut an die Begegnung mit dem Arzt. "Er kannte ganz genau meine Mutter." Über die wahren Todesumstände habe er kein Wort verloren, sagt sie. Anschließend gab man ihr die Kleidung der Mutter mit, sie fuhr nach Hause und lebte Jahrzehnte im Ungewissen. "Man wusste wohl", sagt Burger heute, "man hat die Leute dort umgebracht". Aber wen hätte sie fragen sollen? Niemand wollte darüber reden. Und dann die Frage, was eine Von-Braunmühl-Straße rechtfertigt? "Das habe ich mir oft gedacht."

Was nach dem Krieg und fast bis heute lange Zeit kaum jemand kritisch hinterfragte, war die Rolle, die der Arzt Braunmühl vor 1945 spielte.

(Foto: Claus Schunk)

Melitta Burger ist eine von etwa 40 Angehörigen, die sich einer Gruppe um Historikerin Sibylle von Tiedemann angeschlossen haben. Tiedemann arbeitet mit Michael von Cranach, dem früheren Direktor am Bezirksklinikum Kaufbeuren, an einem Gedenkbuch der Münchner Euthanasie-Opfer. Sie gelangte zu der Erkenntnis, dass nicht nur 440 Menschen in den beiden Hungerhäusern und 332 Kinder in der Kinderfachabteilung ermordet wurden. Viele Todesfälle auf anderen Stationen rechnet die Forschung mittlerweile dazu, weshalb man auf höhere Opferzahlen kommt. Mit der Person Braunmühl befasst sie sich seit längerem. Sie durchforstete Archive und Korrespondenzen und hält es für bewiesen, dass dieser, der wohl nie in einem Hungerhaus tätig war, 60 Patienten als behandelnder Arzt bis zum Schluss begleitete, die eines unnatürlichen Todes starben. Er kam 1927 nach Haar-Eglfing und war die gesamte NS-Zeit über dort tätig. Natürlich habe er wie viele an der Klinik von den Euthanasie-Morden, gewusst, sagt Tiedemann. Für die Historikerin war er deshalb "auf jeden Fall" ein "Mitwisser und Mittäter", der sich nach dem Krieg kümmerte, dass keiner schaute, was geschehen war: "Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass keine Aufarbeitung stattgefunden hat."

Ein Lehrstück darüber, wie die alten Seilschaften funktionierten, stellt die Geschichte hinter dem dreimaligen Wechsel der Klinikleitung in nur zwei Jahren 1945/46 dar. Der von den US-Amerikanern als unbelasteter Klinikdirektor von außen geholte Gerhard Schmidt wurde nach gut einem Jahr auf Intervention aus der weitgehend noch aus der Nazizeit stammenden Belegschaft aus dem Amt gedrängt. Ihm folgte sein Vorgänger Braunmühl nach, der offenkundig versuchte, nicht nur in Haar-Eglfing bestimmte Personen in Ämter zu bringen. So beklagt sich der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, Werner Leibbrand, am 22. Juli 1947 in einem Brief an das bayerische Innenministerium über Versuche Braunmühls, hinter seinem Rücken seinen jungen, politisch unbedenklichen stellvertretenden Direktor wegen seiner Unerfahrenheit als "nicht geeignet" schlecht zu machen. Statt diesem solle ein 54-jähriger früherer SA-Sturmführer den Posten übernehmen. Leibbrand spricht von einer bekannten "Tendenz" des "für seine reaktionäre Gesinnung bekannten" Braunmühls, "belastete alte Medizinalräte wieder in ihre Posten einzusetzen". Auch in Eglfing habe er "völlig unbelaste jüngere Leute" schikanös hinausgegrault.

Melitta Burger hat das Schicksal ihrer Mutter nie Ruhe gelassen.

(Foto: Claus Schunk)

Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) hat soeben eine offensivere Aufklärung der Geschichte der Bezirkskliniken in Oberbayern angekündigt. Eine Arbeitsgruppe unter dem neuen Ärztlichen Direktor des Isar-Amper-Klinkums, Peter Brieger, wurde dazu installiert. Eine Erinnerungskultur ist das Ziel. In diesem Zusammenhang geht der Bezirk auch der Frage nach, wie ein Anton Edler von Braunmühl einzuordnen ist, nach dem eine Straße benannt ist. Der Sprecher des Isar-Amper-Klinikums, Henner Lüttecke, sagt, der Archivar des Bezirks sei beauftragt, ein Gutachten zur Person zu erstellen, das bis Ende April erwartet wird. Wie das ausfallen wird, dazu will man sich beim Bezirk ausdrücklich vorab nicht äußern. Es sei eine schwierige, aufwendige Recherche, heißt es. Archivalien aus Berlin würden angefordert, manche Akten hätten auch die Amerikaner nach dem Krieg mitgenommen. Immer wieder wird auch darauf hingewiesen, dass zwischen juristischer und moralischer Schuld zu unterscheiden sei. Tatsächlich war Braunmühl eine schillernde Figur, der noch 1980 in einer hymnischen Lebensbeschreibung in einer Jubiläumsschrift des Krankenhauses eine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus attestiert wurde.

Auch heißt es, er habe als Arzt mit seinen neuen Behandlungsmethoden Hunderte Menschen vor dem Tod in Gaskammern oder in Hungerhäusern bewahrt. Herausgehoben wird seine religiöse Überzeugung, auch soll er Kontakt zum Münchner Kardinal Michael von Faulhaber unterhalten und auf diese Weise dazu beigetragen haben, dass die Hungerkost, mit der viele zu Tode gebracht wurden, in Predigten und Hirtenbriefen bekannt gemacht wurde. Dennoch stammt von ihm auch die Gewichtstabelle, die sich in der Krankenakte von Irmgard Burger fand. Die Frau, 1,60 Meter groß, wog im Januar 1944 demnach 56 Kilo, im September 36 und im Dezember nur noch 30,5 Kilo. Der letzte Eintrag lautet: "Fortschreitender körperlicher Zerfall im Laufe des Jahres. Tod an körperlicher Schwäche am 07.12.1944 (3 Uhr 40)."

Melitta Burgers Mutter Irmgard zählt zu den Opfern in Haar während der NS-Zeit. Sie wog zuletzt 30,5 Kilogramm.

(Foto: Repro: Robert Haas)

Es gibt Zeugenaussagen Braunmühls aus dem Prozess gegen seinen Vorgänger Pfannmüller, der für den Tod Tausender verantwortlich gemacht wird, in denen er zur eigenen Entlastung anführte, er habe den Patienten in den Hungerhäusern Brot zukommen lassen. Eine unmittelbare Beteiligung an Euthanasie-Verbrechen wurde laut Tiedemann bisher nicht festgestellt. So soll Braunmühl regelmäßig nicht im Haus gewesen sein, wenn Transporte in die Tötungsanstalten losfuhren. Nach dem Krieg war er einer der Männer mit weißer Weste. Am Ende gehörte er zu vier Ärzten, die in der NS-Zeit in Haar-Eglfing tätig waren und die nach dem Krieg Direktoren in bayerischen Kliniken wurden.

Das Grab von Irmgard Burger gibt es nicht mehr, so wie auf dem früheren Anstaltsfriedhof kaum mehr etwas an die laut Tiedemann womöglich bis zu 1800 dort beigesetzten Euthanasie-Opfer erinnert. Andere dagegen, wie Günter Goller, der das Psychiatriemuseum in Haar-Eglfing aufgebaut hat, rechnet bis heute mit den Zahlen der Toten aus den Hungerhäusern und der Kinderfachabteilung und spricht von Hunderten Opfern in Haar.

Selbst in dieser Frage besteht keine Gewissheit. Aber klar ist: Bei der Aufklärung geht es auch um die Zukunft der Klinik und deren Selbstverständnis. Das Heckscher-Klinikum im Verbund der Bezirkskliniken errichtet gerade ein Spezialkrankenhaus für schwerstbehinderte Kinder. Geplante Eröffnung: im Herbst 2018, an der Von-Braunmühlstraße.