Umweltbedingungen Dicke Luft

Hohe Stickstoffbelastung: Der immer noch stark zunehmende Verkehr in Dachau, wie beispielsweise auch auf der viel befahrenen Schleißheimer Straße, stellt eine hohe Belastung für die Umwelt dar. Eine wirkliche Alternative bietet der öffentliche Nahverkehr jedoch bislang nicht.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Bund Naturschutz Dachau, Bürgerinitiativen und weitere Organisationen sorgen sich um die Umwelt - speziell im Stadtteil Dachau-Ost. Ein Thema das sie umtreibt, ist die Flächenversiegelung

Von Petra Schafflik, Dachau

Als kleines Dankeschön drückt Peter Heller den Referenten Saatkörner für ein Stück Bienenweide in die Hand. Wo diese Blütensamen aufgehen, "dort ist dann sicher noch keine Straße und kein Gewerbegebiet", sagte der Vorsitzende des Bunds Naturschutz Dachau (BN). Gemeinsam mit weiteren sechs Bürgerinitiativen und Organisationen hatte der BN unter dem Titel "Dicke Luft in Dachau-Ost" am Montagabend ins Pfarrheim Heilig Kreuz geladen. Das kleine Präsent traf dann ziemlich genau das Thema, das die mehr als 100 Bürger im Saal umtreibt: Wachsende Verkehrsbelastung, Verdichtung, Lärm und Abgase, Zerstörung der Natur und Verlust von Lebensqualität - speziell auch im Stadtteil Dachau-Ost. So kann es nicht weitergehen, meinte eine Zuhörerin. "Denn irgendwann ist alles versiegelt und dann?"

Die Debatte ist nicht neu, die Veranstaltung am vergangenen Montag war bereits die dritte im Laufe der vergangenen Jahre. Kernanliegen der Initiatoren war es dabei ursprünglich, den Grünzug zwischen Dachau und Karlsfeld zu erhalten. Das wollen die engagierten Bürger immer noch, aber ihr Engagement nimmt inzwischen ein breiteres Spektrum in den Blick. "Es geht um Verantwortung für die Lebensqualität im Kleinen und die Bewahrung der Schöpfung im Großen", sagte Sabine Geißler (Bündnis für Dachau), Umweltreferentin im Dachauer Stadtrat. Bedroht sehen die Menschen ihr direktes Wohnumfeld wie auch die Lebensräume für Tiere und Pflanzen durch verschiedene Entwicklungen, die sich in dem Stichwort Wachstum in der Boom-Region zusammenfassen lassen. So erzeugt der immer noch zunehmende Verkehr eine hohe Stickoxidbelastung, die der Verkehrsclub Dachau im vorigen Jahr hat messen lassen.

Die Ursache für die besorgniserregende Werte lägen auf der Hand, erklärte Bündnis-Stadtrat Bernhard Sturm, der die Messreihe mit initiiert hat. "Die Fahrzeugzulassungen wachsen im Landkreis überproportional zur Bevölkerung". Und die zahlreichen Autos werden oft für kurze Fahrten in der Stadt genutzt. "Dabei haben wir in Dachau perfekte Entfernungen zum Radlfahren." Auch der öffentliche Nahverkehr wäre eine Alternative, müsste aber "verbessert und verbilligt werden", so Bruno Schachtner von der Bürgerinitiative Grünzug. Die Verkehrsbelastung beschäftigt auch Gerhard Schlabschi, Sprecher der Bürgerinitiative "Anwohnerfreundliche Entwicklung Dachau-Ost", die kritisch begleitet, wie sich die Gewerbegebiete am ehemaligen Seeber-Gelände und an der Siemensstraße entwickeln. Beide Flächen würden viel zu dicht bebaut, ein Verkehrskollaps an der jetzt schon überlasteten Kreuzung Schleißheimer- / Bajuwarenstraße hält Schlabschi für vorprogrammiert. "Wie ein Dampfkessel mit einem viel zu kleinen Ventil", sagt er. Gerade die intensive Nutzung von Gewerbeflächen findet Grünen-Stadtrat Thomas Kress dagegen gut: "Wenn wir eine Fläche intensiv nutzen, sparen wir uns ein anderes Gewerbegebiet."

Tatsächlich stünden weitläufige Areale zur Verfügung, wäre nicht der als Gewerbegebiet geplante Bereich am Schwarzen Graben in den 1980er -Jahren sukzessive zu einer Shopping-Meile umgewandelt worden, erinnerte Geißler. "Wir müssen auch die Fehler der Vergangenheit ausbaden." Wenn schon Gewerbegebiet, dann "Flächen gebrauchen, nicht verbrauchen", mahnte Gerhard Haszprunar. Der Leiter der Zoologischen Staatssammlung München lebt im Stadtteil Ost und gehört auch dem Sachausschuss Ökologie und Globale Verantwortung der Erzdiözese München und Freising an. Er plädiert für begrünte Dächer und unversiegelte Parkplätze, die böten "die vierfache ökologische Wertigkeit eines Maisfelds." Aber wieso überhaupt neue Gewerbegebiete?

"Weil wir ohne weitere Einnahmen aus Gewerbesteuern diese Stadt nicht finanzieren können", erklärte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), der mit einigen Stadträten und der stellvertretenden Landrätin Marianne Klaffki (SPD) im Publikum saß. Eine Einschätzung, die nicht alle Bürger teilen. Angesichts sprudelnder Steuereinnahmen müsste die Stadt doch mit dem Geld auskommen, finden einige. "Ökologisches Tafelsilber verscherbeln für Kita-Plätze, das läuft mit uns nicht", schimpfte Ludwig Wilhelm vom Bund für Vogelschutz. Zudem biete ein Gewerbegebiet keine Garantie für solide, kontinuierliche Steuereinnahmen, zweifeln einige.

Ob ein Unternehmen überhaupt in Deutschland Steuern bezahlt und wie viel es an die Rathauskasse überweist - "wir wissen es vorher nicht", räumte der OB ein. Auch ganz grundsätzlich gibt es Skepsis zu finanziellen Vorteilen von Gewerbegebieten. Zumal in der Region fast Vollbeschäftigung herrscht. "5000 neue Arbeitsplätze sind 5000 Personen, die herziehen, hier mit ihren Familien wohnen möchten, die Plätze brauchen in Schulen und Kindergärten", so ein Bürger. Für die Finanzierung dieser Infrastruktur bräuchte es dann wieder ein Gewerbegebiet. "Das ist ein Fass ohne Boden." Bis alles versiegelt ist, so die Befürchtung. Dann, so reimten es Sigi Heigl und Gerd Helberg vom Zitherclub in einem Gstanzl, "dann streichen wird den Beton grün, mei is des schee."