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Umgang mit der Geschichte:Erinnerung ist eine Gemeinschaftsaufgabe

Workshop

Aleida Assmann spricht im voll besetzten Pfarrheim Sankt Jakob über den Wandel in der deutschen Erinnerungskultur, aber auch über neue Herausforderungen in Zeiten des Rechtspopulismus'.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Friedenspreisträgerin Aleida Assmann mahnt bei einer Veranstaltung des Dachauer Forums die Verantwortung aller Teile der Gesellschaft an, sich geschichtsrevisionistischen Bestrebungen zu widersetzen

Mit Aleida Assmann kam eine Koryphäe ersten Ranges zum Themen-Workshop "Zukunft Erinnerung - Welche Erinnerungskultur brauchen wir?" nach Dachau. Die Einladung des Dachauer Forums ging an Referenten im Erinnerungsnetzwerk Dachau sowie an Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung. Beides gehört bekanntlich zu den Kernkompetenzen des Dachauer Forums, dem Erwachsenenbildungswerk der Katholischen Kirche im Landkreis Dachau, das neulich seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. Die Erinnerungskultur ist seit 1985 fester Bestandteil des Bildungswerks und fest verankert in zentralen Projekte wie dem Gedächtnisbuch und der Geschichtswerkstatt.

Die emeritierte Professorin Aleida Assmann als Gastrednerin zu gewinnen, kann man durchaus als Coup bezeichnen. Die 72-Jährige hat Anglistik, Literaturwissenschaft und Ägyptologie studiert, lehrte an der Universität Konstanz und als Gast-Professorin an einer Vielzahl anderer renommierter Hochschulen, darunter in Princeton und Yale. Sie und ihr Mann, der Ägyptologe Jan Assmann, gelten als einflussreiches Intellektuellenpaar. Als engagierte Streiterin für eine zukunftsfähige Demokratie erhielt sie, zusammen mit ihrem Mann 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Was die Mutter von fünf Kindern aber für den Studientag so außerordentlich prädestinierte, ist die Tatsache, dass seit den 1990er-Jahren die Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen zu den Schwerpunkten ihrer kulturanthropologischen Forschung zählen. Dafür wurde ihr als erster Nicht-Theologin 2008 die Ehrendoktorwürde der Universität Oslo verliehen. Dementsprechend voll war das Pfarrheim Sankt Jakob in der Dachauer Altstadt, als die Geschäftsführerin des Dachauer Forums, Annerose Stanglmayr, und der Bischöfliche Beauftragte für die KZ-Gedenkstättenarbeit, Ludwig Schmidinger, die Gäste und ihre prominente Gastrednerin begrüßten.

In ihrem Vortrag ging Assmann zunächst auf die Zeit nach 1945 ein, als man im geteilten Deutschland das Heil und die Befreiung von der Last der Vergangenheit im Vergessen suchte. Für eine Weile funktionierte dieses bewusste Verdrängen zugunsten des Neuanfangs, der ja immerhin zwei große Errungenschaften hervorbrachte: das Friedens- und das Demokratisierungsprojekt. Ein Erinnern wurde ganz gezielt vermieden um, so die einhellige Lesart dieser Zeit, nicht wieder wie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg einer revisionistische Auslegung Vorschub zu leisten, die seinerzeit in der Machtübernahme der Nationalsozialisten gipfelte. Auch in der ehemaligen DDR habe man die allermeisten Nazi-Verbrecher wider besseren Wissens unbehelligt gelassen, um den Ruf des dem Westen moralisch überlegenen Staats nicht zu gefährden.

Erst nach dem Mauerfall im Jahr 1989 begann, so Assmann, die selbstkritische Erinnerungskultur in West und Ost und damit auch das Demokratisierungsprojekt des ehemaligen Ostblocks. Parallel begann sich die zunächst vorherrschende monologische Erinnerungskultur, die sich nur mit sich selbst beschäftigte und in der Opferrolle verharrte, langsam in eine dialogische zu wandeln und auch auf die eigenen Unzulänglichkeiten zu sehen. "Dialogisches Erinnern überschreitet das nationale Gedächtnis", erklärte Assmann.

Inzwischen sei die Erinnerungskultur aber durch gezielte Provokationen beispielsweise durch gezielte Provokationen zum Beispiel von Seiten der AfD wieder unter Druck geraten. Dem entgegenzuwirken seien alle gefordert, nicht nur die Historiker, sondern auch Künstler, Medien, Schulen, der Staat, die Gerichtsbarkeit, und auch die Opfer. Assmann wies auf zwei Sicherungsformen hin, mit denen die Erinnerung wachgehalten werden könne: Die Sicherungsform der Dauer, also Filme und Bücher, und diejenige der Wiederholung, mit Gedenktagen und Jubiläumsfeiern. Beides sei notwendig, um jede Generation über die Shoah aufzuklären. Sie zitierte dazu auch aus der Rede von Bundesaußenminister Heiko Maas zum Holocaust-Gedenktag im Januar dieses Jahres, der die Wissenslücken der Jugend zum Thema "schockierend und gefährlich" nannte. Das gelte für alle im Auftrag der Staatsgewalt begangenen Verbrechen, betonte Assmann. Gleichermaßen müsse man das Positive in der Geschichte betonen, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergangenen November bei seiner Rede über 100 Jahre Demokratie in Deutschland getan habe.

Als Herausforderung sieht sie das nahende Ende der Zeitzeugen-Befragung, weswegen es auch so wichtig sein, die Video- und Tonaufnahmen mit den Zeugnissen für die Zukunft zu erhalten. So sei die von US-Regisseur Steven Spielberg gegründete Shoah-Foundation damit beschäftig, die 50 000 VHS-Bänder, das weltweit größte Zeitzeugenarchiv, zu digitalisieren und mit Augmented Reality und anderen Zusatzeffekten zu versehen, um auch zukünftige Generationen damit zu erreichen. Darüber hinaus müssten künftig mehr und mehr Zweit- und Drittzeugen die Rolle der Aufklärer übernehmen, also die Kinder und Enkel der Zeitzeugen. Schließlich müsse der gesellschaftlichen Entwicklung zu einem kosmopolitischen Einwanderungsland Rechnung getragen werden. Zuwanderern müssen die Geschichte nähergebracht werden, ebenso wie deren Geschichte gehört und bewahrt werden müsse, um sie schließlich zu einer gemeinsamen Geschichte zu machen.

Bei der anschließenden Fragerunde mit den Zuhörern ging es dann erstaunlich oft um die Themen Schuld und Scham. "Ein Punkt, auf den wir künftig stärker unser Augenmerk legen müssen", versicherte Forums-Geschäftsführerin Annerose Stanglmayr als persönliches Fazit. In den Workshops wurde weiter über die von Aleida Assmann angestoßenen Themen diskutiert. Auch junge Menschen waren dabei, wie der 18-jährige Marius Oberberger, der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr "Kultur & Bildung" in der KZ-Gedenkstätte absolviert. Ihn bewegte besonders, dass man positive und negative Erinnerung in Einklang und nicht gegeneinander ausspielen dürfe, um zur Versöhnung zu kommen.

© SZ vom 10.04.2019
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