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Puppenspiel:Klassisch

Das Hohenloher Figurentheater mit einer 150-jährigen Tradition entfaltet Carlo Goldonis Verwirrspiel "Diener zweier Herren" so, als ob die Komödie eigens für Marionetten geschrieben worden wäre

Von Petra Neumaier, Dachau

Kurz taucht die Bühne in tiefe Dunkelheit. Wie schemenhafte Schatten, routiniert leise und fast schwebend, huschen Harald und Johanna Sperlich hinter die schmale Kulisse des venezianischen Hauses. Dann kommt das Licht zurück, in dessen Schein der kleine Vorhang zurückgeschoben wird, auf dass das Spiel um den "Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni beginnt. Es wird eine faszinierende Inszenierung mit Marionetten des preisgekrönten Hohenloher Figurentheaters.

Es dauert nur Sekunden, bis der Zuschauer ins Venedig des 18. Jahrhunderts hinein findet. Und bis aus den eben noch wie tot wirkenden Marionetten lebendige Menschen werden. Die Fäden verschwinden, fließend und temperamentvoll sind ihre Bewegungen, frech ihr Mundwerk. Selbst die Mimik, obwohl fest ins Holz geschnitzt, verändert sich ständig. Hier den Kopf ein wenig schief, dort gereckt nach oben - Scham und Stolz sind perfekt. Augen rollen, Knie knien, Füße stampfen. Kein Schauspieler könnte glaubhafter mimen.

Und ohne Punkt und Komma plappern die Figuren los: Florindo, Truffaldino, Beatrice, Silvio, Smeralda, Pantalone - und wie sie alle heißen. Leidenschaftlich italienisch, oft gleichzeitig und so unterschiedlich und vielstimmig, dass man sich immer wieder daran erinnern muss, dass auf der Bühne lediglich zwei Spieler stehen, die in insgesamt neun Rollen schlüpfen. "Wenn wir es schaffen, Erwachsene so zu verzaubern, dass sie vergessen, dass hier nur eine Puppe steht, dann haben wir das Ziel erreicht", wird der Puppenspieler später sagen. In ihren einfachen Gewändern des 18. Jahrhunderts sind Johanna und Harald Sperlich Teil des Verwirrspiels um Liebende, die sich verloren haben und wiederfinden, und um ihren Diener, der durch seine Unwissenheit und Ungeschicklichkeit für ordentlichen Wirbel sorgt.

Das Puppenspiel ist ihre Leidenschaft, ihre Berufung, in die sie hineingeboren wurden. Beide stammen aus Puppenspielerdynastien, die um die 150 Jahre alt sind. In fünfter Generation steht das Ehepaar seit 41 Jahren auf der Bühne, ihre Kinder machen es ihnen gleich. "Das traditionelle Figurentheater", fasst Harald Sperlich zusammen, "wird heute ja mit den künstlerischen Möglichkeiten des heutigen Figurentheaters verbunden, das ist einfach faszinierend."

Nils Holgersson

Die Theatertage beeindrucken durch das Können der Puppenspieler und durch vielfältige Erzählweisen, wie die Gruppe "Die Exen" mit Schattenspielereien.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Anfangs spielten die beiden nur Stücke für Kinder, dann, 1984, inszenierten sie das erste für Erwachsene: den Faust. Inzwischen sind insgesamt sechs ihrer 16 Programme für Erwachsene, Beliebtheitstendenz steigend: "Selbst Skeptiker sind überrascht, wie lebendig und glaubhaft die Figuren sind", erzählt Johanna Sperlich, und dass zum Teil ihre Marionette sogar besser sind, als richtige Schauspieler. "Da gibt es ja auch mal eine Fehlbesetzung. Unsere Figuren sind maßgeschnitzt und -geschneidert nur für diese eine Rolle."

Der "Diener zweier Herren", das im Jahr 2009 Premiere hatte, ist für sie aber immer noch einer ihrer anspruchsvollsten Stücke. Lange mussten sie die vielen verschiedenen Namen und Rollen proben, bis sich keiner mehr verhaspelte. Alles wird ja auswendig gelernt - dazu müssen die Bewegungen passen. Nebenbei werden mit den Füßen noch Schalter gedrückt, für Licht und Ton. Multitasking auf der Bühne, das das seit 41 Jahren verheiratete Ehepaar fordert, aber auch jung hält: Dass sie Anfang der 60 sind, sieht man ihnen beileibe nicht an. Und natürlich haben sie zu ihren 170 Figuren eine besondere Beziehung, "Sie sind ihre Kinder. Wir lieben sie abgöttisch", sagen sie strahlend.

Genauso liebevoll ist ihre Inszenierung. Da fahren die Liebenden mit der Gondel über die Bühne, radelt Truffaldino mit dem Einrad Speisen von rechts nach links, hebt ein Straßenköter sein Bein an der Hausecke. Jedes kleinste Detail ist perfekt inszeniert. Kein Wunder, dass der Applaus am Schluss so lang ist, wie die Reihe derjenigen Zuschauer, die sich die Figuren noch aus der Nähe anschauen wollen. Staunend, wie Kinder, stehen sie vor den wunderschön in handgenähten Gewändern gekleideten Puppen, und sind überrascht von ihrer geringen Gestalt: Vom Platz aus betrachtet, wähnte man sie weit größer und kräftiger. "Das ist die Kunst des Schnitzers und der Beleuchtung", lacht Johanna Sperlich zufrieden und freut sich schon auf ein weiteres Mal in Dachau. Sie sagt fasziniert: "Denn hier ist eine wunderbare Stimmung für Puppenspieler."

© SZ vom 14.11.2016

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