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SZ-Serie: Wandel durch Wachstum, Folge 6:Festsaal statt Rinderstall

Von Viehhaltung und Getreideanbau können viele Landwirte nicht mehr leben, deshalb beantragen sie Nutzungsänderungen für Gebäude. Walburga Loock füttert keine Kühe mehr, sondern kümmert sich um Hochzeitspaare. Von ihren Veranstaltungen profitiert der ganze Ort

Aus Kuhställen werden Eventlocations, aus Fahrzeug- und Gerätehallen Garagen für Wohnmobile und aus Scheunen Wohnungen oder auch Ateliers für Künstler beziehungsweise Kunsthandwerker: Landwirtschaftliche Betriebe sind im Wandel. Allein in diesem Jahr gingen im Landratsamt Dachau neun Anträge auf Nutzungsänderung im Innen- oder Außenbereich ein. Seit 2010 summiert sich die Zahl damit auf insgesamt 67 Betriebe.

Auch Marianne Heidner vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) stellt einen Rückgang der Ställe fest. Derzeit gibt es im Landkreis Dachau noch 118 kleinere Betriebe (mit bis zu 50 Kühen) und 80 Betriebe (darüber hinaus). Die Tendenz ist jedoch weiter sinkend. "Das Vieh geht, der Mensch kommt", bestätigt der Oberbayerische Bezirkspräsident und Kreisobmann vom Bayerischen Bauernverband, Anton Kreitmair. Er sieht dennoch nur verhalten Anlass zur Sorge. Er selbst ist noch immer Landwirt und betreibt mit seiner Frau einen Hofladen in Kleinberghofe. Umnutzung, sagt Kreitmair, sei immer noch besser, als wenn landwirtschaftliche Gebäude leer stehen würden und verfallen. "Es bietet sich an, Wohnungen daraus zu machen oder an handwerkliche Betriebe zu vermieten", meint er.

Es ist ein Fest der Farben: der Kunst & Kürbis Markt auf dem Hofgut Sickergtshofen.

(Foto: Privat)

Als Grund für den "Strukturwandel" sieht er zum einen die sinkenden Preise, die Landwirte für ihre Produkte erhalten. Im Landkreis Dachau sei zudem der Pachtanteil höher als das Eigentum: Die monatlichen Abgaben zu erwirtschaften werde zunehmend schwieriger. Hinzu komme die hohe Arbeitsbelastung und eingeschränkte Freizeit, die vor allem die jüngere Generation abschrecke. Und noch ein Punkt stehe dem Erhalt landwirtschaftlicher Betriebe im Wege: "In den Orten ist Viehhaltung unerwünscht - im Außenbereich gibt es aber keine Genehmigungen für den Neubau von Ställen." Anton Kreitmair seufzt: "Und dann jammern die Verbraucher über Importwaren", kritisiert der Kreisobmann.

Hofgut Sickertshofen

Firmen und Brautpaare lieben das festliche Ambiente auf dem Hof.

(Foto: Walburga Loock)

Marianne Heidner vom Amt für Landwirtschaft spricht ebenfalls von "sehr unsicheren Zeiten" mit steigenden Auflagen, in denen sich die Landwirte nicht mehr trauen würden, zu investieren. Der oft einzige Ausweg, den Hof zu erhalten, sei die Umnutzung und Vermietung. Positiv steht sie dabei der Unterbringung kleinerer Gewerbebetriebe gegenüber. "Es ist gut, wenn vorhandene Strukturen genutzt werden und dadurch auch Arbeitsplätze auf dem Land geschaffen werden", sagt Marianne Heidner und freut sich über eine hohe Nachfrage im Landkreis Dachau. "In anderen Gebieten stehen viele Hallen leer", weiß sie.

Hof Rosenrot

Es gibt auch andere Höfe, in denen die Landwirtschaft keine Rolle mehr spielt. Auf Hof Rosenrot sind jetzt Künstler.

(Foto: Privat)

Nicht so im Hofgut Sickertshofen: Walburga Loock strahlt ihre Begeisterung sogar durch das Telefon aus. Denn der landwirtschaftliche Betrieb, den die Familie ihres Mannes seit 1926 auf dem uralten Hof führt, könnte kaum schöner sein und kaum besser florieren. Neben ihrer Tierhaltung (Bullen und Schweine), einer Biogasanlage, sowie dem Anbau von Mais, Getreide, Kürbissen und Zuckerrüben hat sich der Hof in den vergangenen Jahren vor allem als Eventlocation in ganz Deutschland einen Namen gemacht. Sogar Prominente und Adlige heiraten hier, namhafte Firmen feiern ihre Jubiläen.

Walburga Loock organisiert leidenschaftlich gern Veranstaltungen.

(Foto: Toni Heigl)

"Irgendwie ging eins ins andere über", erzählt Walburga Loock stolz und lacht. Angefangen habe alles 1988 mit einem Kürbis, den die Mutter von drei Kindern zu Halloween geschnitzt hatte. Die Gymnasiallehrerin fing damals für diese Feldfrucht Feuer, sammelte Saatgut von neuen Sorten, baute sie an, dekorierte ihren Hof und beschenkte Kinder und Erwachsene mit ihren Kürbissen. Schließlich verkaufte sie die Früchte auch.

Ab Mitte der 1990er Jahre wurde aus dem Hobby ein Zusatzeinkommen. Das Lager zur Ausstellung, die immer mehr Kürbisfans anzog. 2003 veranstaltete Walburga Loock auf ihrem schmucken Hof den ersten "Kunst & Kürbis Markt". 2009 folgte die erste Hofweihnacht.

Podiumsgespräch

Anton Kreitmair kennt die Probleme kleiner Betriebe.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Besucher strömten herbei. Und darum beschloss die fleißige Familie Look, den Toilettenwagen und das nur unzureichend beheizbare Eventzelt durch Räume zu ersetzen. 2012 baute sie den 200 Jahre alten Rinderstall, der arbeitswirtschaftlich nicht ganz optimal war, in Veranstaltungsräumlichkeiten um. Es entstand ein wunderschöner Saal mit 18 freistehenden Kalksteinsäulen im Gewölbe, der im Winter mit der Biogasanlage kuschlig warm und ökologisch beheizt werden kann.

Aus dem Kälberstall wurden außerdem eine Cateringküche und sanitäre Anlagen. Zusammen mit den hübschen Außenanlagen, dem romantischen Kirchlein und den herzlichen Gastgebern entdeckten von 2014 an Brautpaare und Firmen den Hof für ihre Feiern. Walburga Loock blättert in ihrem Terminkalender: Bis 2021 ist sie tatsächlich nahezu ausgebucht.

Davon profitiert die Familie nicht allein. Sie ist regelrecht ein Wirtschaftsfaktor, an dem die Region mitverdient. Angefangen von umliegenden Hotels und Pensionen, in denen die Gäste jetzt übernachten profitieren auch Kirchen, Brauereien, Caterer und sogar Apotheken. Denn nach fröhlichen Feiern auf dem Hofgut sind sie nicht selten gefragt.

Walburga Loock, Autorin von drei Kürbisbüchern, erklärt: "Auch wenn das Hofgut mit den Veranstaltungen so gut läuft: Auf die Landwirtschaft würde meine Familie niemals verzichten! Aber es ist wichtig, dass wir mit dem zusätzlichen Angebot das Kulturgut, unseren schönen Hof und unsere Landwirtschaft, erhalten können."

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