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SZ-Serie: Geschichten aus dem Dacher Land, Folge 7:Zwei Welten in einem Dorf

In Biberbach gibt es nur noch wenige Bauern. Längst haben den kleinen Ort Münchner entdeckt, die neben den alten Höfen moderne Häuser bauen. Doch das Handwerk hat hier noch einen goldenen Boden

Die Kirche Sankt Martin hat für ihre bescheidene Größe ein ziemlich hohes Dach, die Zwiebel macht etwa ein Viertel des ganzen Turms aus. Schreinermeister Josef Gattinger senior, der seine Werkstatt nur zwei Straßen weiter hat, glaubt sich zu erinnern, dass bei der letzten Renovierung 34 000 Holzschindeln angebracht wurden; die Messingkugel auf der Spitze soll einen Durchmesser von 62 Zentimeter haben. Sankt Michael, dessen sakrale Werke in einem 130 Jahre alten Band über Kunst in Oberbayern samt und sonders als "unbedeutend" abgekanzelt wurde, verdient also durchaus Respekt. "Das Kirchlein daselbst ist uralt", schrieb der Historiker Lorenz Westenrieder schon um 1792. "An den Chorfenstern sieht man das in gefärbtes Glas gebrannte Wappen der Herren von Biber(b)ach, welche hier wohnten und in der Kirche ihre Ruhstätte nahmen. Ich sah einen Grabstein mit der Jahreszahl 1442 und ein paar hundert Schritte von der Kirche erblickt man die Anhöhe, worauf das Schloß der Biber(b)acher stund."

Vielleicht hätte man in den alten Dorfchroniken noch etwas über die Herren von Biberbach gefunden, aber das Ortsarchiv ging 1945 mit dem Schulhaus in Flammen auf. Die einrückenden Amerikaner schossen das Haus in Brand, nachdem einige Leute aus der Gegend zu den Waffen gegriffen hatten, um Widerstand zu leisten. Eine sinnlose Aktion, der ein Stück Geschichte zum Opfer fiel. Auf dem alten Wappen sieht man ein Tier, einem silbergrauen Hund von Gestalt nicht unähnlich. Der paddelartige Schwanz zeigt aber: Es ist ein Biber, was keine besonders große Überraschung ist in einem Ort, der Biberbach heißt, und durch den ein gleichnamiges Gewässer recht unscheinbar unter der Dorfstraße durchrinnt.

Josef Gattinger kann sich erinnern, dass man früher viele Fische aus dem Bach herausziehen konnte. Das geht jetzt nicht mehr. Dafür sind die Biber wieder da, die lange Zeit als fast ausgerottet galten, weil die Landwirte Jagd auf sie machten. Inzwischen steht der Biber unter Naturschutz und der Bestand hat sich prächtig erholt, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass es in dem Bauerndorf kaum mehr Bauern gibt. Drei gibt es noch, die Ackerbau betreiben. Kühe oder Schweine hält sich hier keiner mehr. Nur ein paar Katzen spazieren über die menschenleeren Straßen - keine mageren Stallmiezen, sondern edel gezeichnete Tiere mit dichtem, glänzendem Fell. Urbane Luxustiger.

Auf den ersten Blick sieht die "Dorfstraße" noch aus wie echte Dorfstraße aussehen: Lattenzaun statt Maschendraht und statt eines asphaltierten Gehwegs nur ein gemähter Randstreifen. Dahinter hat sich Biberbach schon merklich gewandelt. Zwischen alten Höfen stehen moderne Wohnhäuser. Ein großes Feld wurde als Bauland verkauft, eigentlich war es für Einheimische gedacht, aber hergezogen sind vor allem Leute aus München, denen die Stadt zu teuer ist: Akademiker, Ingenieure, Leute, die sprechen wie in der Tagesschau. "Wenn man sich sieht, grüßt man sich", sagt Josef Gattinger, da gibt es keine Probleme. Aber die Neuen und die Alten, das sind zwei Welten, die hier noch nicht recht zusammengefunden haben.

Wobei Gattingers Welt doch eine sehr besondere ist, eine traditionelle und sehr beständige. Josef Gattingers Vater war schon Schreiner und hieß Josef. Der Sohn heißt ebenfalls Josef, und einen Enkel gibt es auch schon, der - wer hätte das gedacht - ebenfalls Josef heißt. Den Schreinereibetrieb gibt es schon seit Generationen. In Josef Gattingers Büro, dem Schreinermeister Josef II., hängt eine uralte Fotografie seines Vaters. Mit der Mutter und den jüngeren Geschwistern thront er auf einem Ochsenfuhrwerk. Solche Fuhrwerke waren einst die Geschäftsbasis der Schreinerei. Einige Räder bekamen breite, eisenbeschlagene Laufflächen, damit die Fuhrwerke nicht im lehmigen Boden des Dachauer Mooses versinken. In Gattingers Werkstatt steht heute noch eine funktionstüchtige gusseiserne Maschine von 1910; das war das Jahr, als Biberbach seinen Stromanschluss bekam. Mit der Maschine kann man Wagenräder bauen. Aus Holz.

Das macht Gattinger nur noch selten. Landmaschinen und Hänger rollen heutzutage vom Fließband. Auf Gattingers Visitenkarte ist trotzdem immer noch "Wagnerei" vermerkt. Der unaufhaltsame Niedergang dieses Berufsstands zeichnete sich schon zu Zeiten seines Großvaters ab, der unerklärlicherweise nicht Josef, sondern Franz Xaver hieß. Nach einer lebhaften Diskussion über die Leistungsfähigkeit des Handwerks trat der 53-Jährige am 28. Mai 1928 eine geradezu tollkühne Wette an. Zwischen dem Morgen- und dem Abendläuten, also zwischen 5 und 20 Uhr, wollte er eine Eiche fällen und spalten, daraus ein Wagenrad herstellen und es von Biberbach nach Dachau rollen und wieder zurück und zwar, ohne dass das Rad einmal umfällt. Die Distanz betrug, einfach, 13 Kilometer, mit einem schweren Holzrad über ungeteerte Straßen. Franz Xaver Gattinger gewann die Wette souverän. Bereits um 14 Uhr kam er mit dem fertigen Rad in Dachau an, wo er sich nach den Strapazen erst mal ein Bier genehmigte. Seine Freunde, die ihn mit dem Fahrrad begleiteten, um zu kontrollieren, dass der wagemutige Wagner nicht schummelt, mussten ihm nach der pünktlichen Rückkehr in Biberbach den vereinbarten Wetteinsatz auszahlen: 50 Reichsmark, nach heutiger Kaufkraft umgerechnet 300 bis 400 Euro.

Steckbrief

Ort: Biberbach

Gemeinde: Röhrmoos

Einwohnerzahl: 560

Gründung: Biberbach ist um 740 erstmals urkundlich erwähnt und somit einer der ältesten Orte der ganzen Gegend

Sehenswürdigkeiten: Kirche Sankt Michael und das obere Wirtshaus Wichtigste Einrichtungen: Die Bäckerei Lechner, das "Bella Toscana" und natürlich die örtliche Feuerwehr

Bekannteste Persönlichkeiten: Kunstschmied Michael Poitner, Künstlerin Annekathrin Norrmann, Dieter Kugler, amtierender Bürgermeister der Gemeinde Röhrmoos, und der ehemalige Fußballschiedsrichter Franz-Xaver Wack.

Heute sind es nicht mehr die Bauern, sondern private Bauherren, Staat und Kirche, die Gattinger die Aufträge geben: Der Schreiner baut Möbel, Treppen, Fenster, Türen, Altare, Chorgestühle. Sie zieren die Kirche von Biberbach, aber auch Kirchen in Frankreich und Italien. Aus San Francisco bekam Gattinger den Auftrag, ein Tragegestell für eine Fronleichnamsprozession herzustellen. Für die Dachauer Bereitschaftspolizei baute er eine Küche, er setzte neue Fenster am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ein und gestaltete Sitzgelegenheiten am Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte. Es ist kein Zufall, dass auch ein Schmied aus Biberbach nach dem aufsehenerregenden Diebstahl des KZ-Tors mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" damit betraut wurde, eine Replik davon zu schmieden. Die Poitners sind ein ebenso traditioneller Familienbetrieb wie die Gattingers. Zu Zeiten der Wagnerei arbeiteten beide Betriebe Hand in Hand: Der eine machte die Räder, der andere die Beschläge. Die Firma Poitner hat heute noch einen guten Namen für exklusive Schlosser- und Schmiedearbeiten.

Die zwei Erfolgsgeschichten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Handwerk in Biberbach schon bessere Zeiten gesehen hat. Es gibt noch einen weiteren Schreinereibetrieb in Biberbach, die Firma Mayr, aber die zweite Schmiede ist heute ein Wohnhaus; von der früheren Funktion gibt nur noch ein Wandgemälde Zeugnis ab. Die beiden Krämer und der Metzger haben schon lange zugesperrt, das untere Wirtshaus ist im Jahr 1910 abgebrannt, das obere Wirtshaus mit seinen liebevoll bemalten Fensterläden dient der Künstlerin Annkathrin Norrmann heute als Wohnhaus und Atelier.

Etwas zu essen bekommt man hier nur noch in der Bäckerei von Johann Lechner oder dem Italiener im "Bella Toscana". Hier gibt es Pizzen und Pasta und weiße Trüffel, das Internet ist voll von begeisterten Kritiken. Auf dem Touristikportal Trip Advisor bekommt das Lokal 4,6 von fünf möglichen Sternen. Vor ein paar Jahren hat an der Schulstraße das Gästehaus "Lohauserhof" aufgemacht, das Zimmer kostet weniger als 100 Euro; für viele, die geschäftlich in der Region unterwegs sind, ist das eine attraktive Alternative zu den teuren Hotels in München. Stammgäste brauchen keinen extra Zugangscode, sie müssen nur das Datum ihres Geburtstags eintippen. Das Landleben im 21. Jahrhundert hat doch so einige Eigenheiten.

Nur bei den Vereinen ist alles wie früher. Es gibt den Schützenverein "Tannengrün" und den Kriegerverein, den Obst- und Gartenbauverein. Und es gibt die Feuerwehr, gegründet 1875. Es ist eine der ältesten Feuerwehren im Landkreis, und darauf ist Josef Gattinger besonders stolz. Er war selbst zwölf Jahre Feuerwehrkommandant, in den Neunzigerjahren gab es hier die erste Feuerwehrjugend. Eine Pionierleistung. Am Ortsrand steht jetzt ein schmuckes kleines Feuerwehrhaus, in das die Kameraden viel Arbeit gesteckt haben. Mit den hohen Fenstern und dem steilen Satteldach sieht es fast aus wie eine Kapelle. Vielleicht ist es auch Biberbachs zweite heimliche Kirche, geweiht dem Heiligen Sankt Florian.

© SZ vom 01.09.2017
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