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"Geschichten aus dem Dachauer Land":Das Dorf der Untertanen

Unterweikertshofen hat zwölf Vereine und nur noch einen Bauernhof, dafür ein Schloss und eine Grafenfamilie.

In Unterweikertshofen kann man frisches Brot kaufen. Täglich sogar. Werktags hat das Backhäusl an der Kellerbergstraße von halb sieben bis halb neun geöffnet, am Wochenende etwas länger. Wenn es etwas gibt, das Unterweikertshofen von anderen Dörfchen im Landkreis unterscheidet, dann auch, dass man morgens frische Semmeln kaufen kann. Soviel Infrastruktur haben die wenigsten Orte.

Unterweikertshofen versammelt gemessen an seiner Größe ziemlich viele Attraktionen: Es ist der Geburtsort des Räubers Mathias Kneißl, es hat das älteste Bauernhaus im Landkreis, ein Schloss, ein Heckenlabyrinth, ein altes Schulhaus, das die Einwohner wieder hergerichtet haben. Aber das Dorf hat sich verändert in den vergangenen Jahren. Es gibt nur noch ein Wirtshaus, keinen Bäcker mehr, keinen Lebensmittelladen, nur noch einen einzigen Bauernhof und der wird nur im Nebenerwerb geführt.

Von 400 auf 600 Einwohner

Kleiner geworden ist das Dorf nicht: 600 Einwohner hat Unterweikertshofen, etwa 200 mehr als vor 20 Jahren. Es gibt zwölf Vereine, in ihnen engagieren sich auch Neubürger. Der Deandlverein ist erst zwei Jahre alt. Der Radfahrerverein Concordia wurde in diesem Jahr wieder zum Leben erweckt. Seit fünf Jahren gibt es den Schnupfclub. Der ist aber nicht eingetragen.

Soll er auch nicht werden, sagt Michael Graf, der den reinen Männerverein gegründet hat. "Wir möchten die Tradition stärken und erhalten", sagt der 28-Jährige, der gerne seine Tracht ausführt. Turniergeist haben die Herren weniger. Um die Wette geschnupft wird nicht, mit den Sulzemoosern habe man nichts zu tun. Es ist eher ein Ausflugsverein. Geplant ist zum Beispiel noch ein Besuch im Schnupfmuseum. Ist Tabakschnupfen nicht gesundheitsschädlich? "Mit Sicherheit", sagt Graf und lacht. Auch sonst ist der Verein nicht ganz so harmlos. Eigentlich müsste der Schnupfclub nämlich Schnupf- und Goaßlschnalzclub heißen. Ein Jahr lang hat jedes Mitglied ein bisschen für sich selbst das Peitschenschlagen gelernt, ein harter Kern von acht jungen Männern versucht nun gemeinsam, die Goaßl im Takt zu schlagen. "Einer von uns spielt die Quetschn", erklärt der gelernte Gartenbaumeister Graf. Damit versucht der Club eine Fertigkeit der Pferdekutscher am Leben zu erhalten.

Das Peitschenknallen ist weithin zu hören, nicht jeder Nachbar ist begeistert von soviel Traditionspflege. Das kennt auch Hubert Burgstaller. Gemeinsam mit seinen Eltern erhält der 35-Jährige den letzten Bauernhof im Dorf in Betrieb. Auch eine Art Heimatpflege. Im Stall stehen zwar heute noch höchstens 20 Muttersauen mit ihren Ferkeln, aber die riechen auch. Mancher Zuzügler ist solche Landluft nicht mehr gewöhnt. Dazu schnattern im Garten die Gänse, ein paar Truthähne bekommen vor Ärger über neugierige Besucher blaue Köpfe. Das Geflügel ist für den Eigengebrauch. "Wir wissen, woher es kommt", sagt Burgstaller. Er arbeitet Vollzeit in München, auch seine Eltern arbeiten auswärts. So ein kleiner Hof ernährt niemanden mehr. Die viele Bürokratie, immer neue Vorschriften überfordern besonders Familienbetriebe. "Das macht keinen Spaß mehr", sagt Mutter Theresia Burgstaller. Früher hat hier fast jeder "sei Sach" gehabt, ein paar Hühner, eine Kuh.

Aber Unterweikertshofen war nie ein Bauerndorf. Es ist ein Grafendorf. Die Schlossherren beschäftigten ihre Untertanen auf ihren Ländereien, in ihrem Forst, in Brauerei und Ziegelei. Statt Großbauern lebten Handwerker und Waldarbeiter im Ort. Von den allerersten Schlossbesitzern im 12. Jahrhundert hat Unterweikertshofen auch seinen Namen. Im Jahr 1126 wird der Ort erstmals als Wicharteshofen urkundlich erwähnt. Damals schenkt der Schlossherr Ulrich von Weickertzhouen dem Kloster Indersdorf sein Landgut in Oberroth. Von den Weikertshofern geht das Schloss an die Baiern, die Eisenhofener, die Preysinger, die Adelzhauser, die Mandl und schließlich, 1800, in den Besitz der von Hundts zu Lautterbach über. Ihnen gehört noch heute der Wald in der Umgebung. Aus München kommen im Advent Besucher, um darin ihren Christbaum zu schlagen. Die Dorfbewohner haben dazu einen Christkindlmarkt erfunden, den sie in diesem Jahr zum 19. Mal auf dem gräflichen Anwesen veranstalten dürfen.

Die Idee dazu hatte Werner Huhn. Schwer zu sagen, ob Huhn nun eigentlich ein Einheimischer oder ein Zugezogener ist. Er würde wohl Peitsche sagen, statt Goaßl. Aber der gebürtige Norddeutsche lebt seit mehr als 30 Jahren in Unterweikertshofen, im Försterhaus. Früher lebten darin die gräflichen Förster. Ludwig Thoma war öfter zu Gast beim Förster Rupert Schmid, erzählt Huhn. In seiner Dachauer Zeit hatte der Schriftsteller in Unterweikertshofen Jagden gepachtet. Huhn besitzt, wie fast jeder Haushalt im Dorf, eine Ausgabe der Ortschronik, die der Dorfbewohner Josef Reiner 1995 herausgegeben hat. Von Haus zu Haus war er dafür gegangen, hatte Familiengeschichten und Fotos eingesammelt.

Bauer, Imker, Ladenbesitzer, Familienvater, Feuerwehrkommandant

Auch Burgstallers stehen drinnen. Die Familie kam als Hauspersonal einer adligen Familie aus Österreich nach Taxa, einer der Nachkommen ließ sich in Unterweikertshofen nieder und gründete den Hof, 1878 war das. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum die Burgstallers von der Landwirtschaft bis heute nicht lassen können. Schon immer standen auch Bienenstöcke auf dem Hof. Seit kurzem betreibt Hubert Burgstaller mit seinem Dachauer Kompagnon Josef Dlesk einen Laden für Imkereibedarf: Honigschleudern, Bienenstöcke aus Holz oder in der isolierten Variante aus Styropor, jede Menge Arbeitsmaterial gibt es hier zu kaufen. Statt immer nur im Internet zu bestellen, kommen erste Kunden bereits aus 50 oder 100 Kilometer Entfernung. Angestellter, Nebenerwerbsbauer, Imker, Ladenbesitzer, Familienvater: Für Burgstaller ist es Ehrensache, dass er auch noch erster Feuerwehrkommandant ist. Das liegt in der Familie, Vater Josef ist auch aktiv.

Schnupfclub-Gründer Michael Graf ist sogar, wie er sagt, Mitglied "in allen Vereinen, außer im Fischerverein". Viele Zugezogene, sagt er, spielen zwar eher Fußball, trotzdem ist auch für sie das Vereinsleben nach wie vor der Zutritt zum Dorfleben. So war es auch bei Werner Huhn. Der frühere Bundeswehrsoldat war lange Vorstand des Krieger- und Soldatenvereins und in den vergangenen Jahren im Schulhausverein an der Wiederbelebung des Wirtshauses beteiligt. "Da haben auch viele jüngere und erst neuer Zugezogene mit gemacht", sagt Huhn. Wirtshäuser zu erhalten hat in Unterweikertshofen schon Tradition. Auch der Fischerwirt, der heute nicht mehr steht, wurde übergangsweise von Dorfbewohnern am Leben erhalten.

Die Unterweikertshofener nehmen sich der Dinge gern persönlich an: Auch der Christkindlmarkt ist eine Gemeinschaftsleistung. Huhn, der die Idee hatte, bietet dort selbst angefertigtes Holzspielzeug an. Andere Dorfbewohner bringen Töpferwaren, hausgemachten Käse oder Nistkästen. Die Familie Burgstaller verkauft Christbaumschmuck aus Bienenwachs und Max Modlinger Charivaris. Ein paar davon hat seine Frau Lisbeth im Backhäusl ausgestellt, in dem sie jeden Tag zwei Stunden Semmeln und Brezn verkauft.

Grüne Fenstervorhänge und buntes Kaffeegeschirr

Sie hat sich das winzige Lädchen, in das nicht viel mehr als zwei Kunden hineinpassen, wohnlich eingerichtet mit grünen Fenstervorhängen und buntem Kaffeegeschirr. Am Eingang klingelt ein Windspiel. Täglich bringt ihr die Bäckerei Mair aus Altomünster Zwetschndatschi, Laugenstangerl und Brote. Eier und Honig aus dem Umland gibt es auch. Früher, bis Anfang der Neunziger, hat es in ihrer Nachbarschaft einen Bäcker gegeben, der hatte sogar an Allerheiligen geöffnet um sein Festtagsgebäck zu verkaufen. "Das hat es nie wieder gegeben", sagt Modlinger. Der Bäcker starb und das Geschäft schloss. Den Lebensmittelladen, der dazu gehörte, führte die Witwe noch einige Jahre weiter, dann gab sie auch diesen auf. Auch Modlingers stehen in der Ortschronik. Seit 1893 gibt es sie im Dorf. "Ich bin zugezogen", sagt die 71-Jährige, die aus Oberfranken stammt. Fast 50 Jahre ist das her. "Man hört's", sagt Lisbeth Modlinger nur und lacht.

Steckbrief

Ort: Unterweikertshofen

Gemeinde: Erdweg

Einwohnerzahl: 600

Erste urkundliche Erwähnung: 1126 als Wicharteshofen

Wichtigste Einrichtungen: Backhäusl, Wirtshaus im alten Schulhaus, Feuerwehr

Sehenswürdigkeiten: Kirche St. Gabinus bekannteste

Persönlichkeiten: Räuber Mathias Kneißl, geboren 1875. Ludwig Thoma, der hier auf die Jagd ging

Wachsen wird Unterweikertshofen wohl erst einmal nicht mehr. Dazu müsste erst neues Bauland ausgewiesen werden. Auch ein Ausflugsdorf ist Unterweikertshofen eher nicht. Vom Geburtshaus Kneißls ist nichts mehr zu sehen. Das unter Denkmalschutz stehende älteste Bauernhaus des Landkreises, das Winter-Anwesen, wirkt baufällig und abweisend, von seiner Bedeutung lässt es nichts erahnen. Mit dem Auto ist man durch den Ort schnell durchgefahren, ohne von all dem etwas mitzubekommen. Die Hinweisschilder zum Schulhaus fallen eher Radfahrern und Fußgängern ins Auge. Meist bleiben die Unterweikertshofener in ihrem Wirtshaus wohl unter sich. Schulklassen und Sportgruppen, die sich in Konrad Hufmanns Heckenlabyrinth verirren wollen, müssen gar nicht ins Dorf hineinkommen. Auch das Labyrinth ist reine Liebhaberei, es passt zu den Unternehmungen der Unterweikertshofener, auch wenn der Erbauer ein Aichacher ist.

Gabinus ist ein beliebter Name im Ort

An diesem Wochenende werden zum Tag des offenen Denkmals vielleicht ein paar Ausflügler kommen, um das Kirchlein Sankt Gabinus anzusehen, das sonst nur sonntags und feiertags für zwei Stunden geöffnet ist. Seit 1315 soll an der Stelle ein Gotteshaus stehen. Dass der Bau, der auf das Jahr 1608 zurückgeht, heute so gut erhalten ist, ist mehreren Zuwendungen der Grafenfamilie zu verdanken. Gabinus war und ist in Unterweikertshofen ein beliebter Name, das zeigt ein Blick in die Ortschronik und ins Telefonbuch. Es ist ein Bekenntnis zu diesem Ort, dessen Miteinander am Leben erhalten wird, auch wenn sich Zeiten, Berufe, Tierhaltungsvorschriften und Mietpreise verändern.

Es gibt ein paar Gründe, nach Unterweikertshofen zu kommen. Vor allem aber gibt es offensichtlich für 600 Menschen genügend Gründe, um da zu bleiben. Mindestens so viele wie Ferkel auf dem Hof der Burgstallers.

© SZ vom 06.09.2016/gsl

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