Symposium für Zeitgeschichte Tatort Hebertshausen

Historiker erinnern an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und an die mehr als 4000 Rotarmisten, die auf dem "SS-Schießplatz" ermordet worden sind

Von Walter Gierlich, Dachau

Auf den ersten Blick mag es nicht erkennbar sein, was Dachau mit dem deutsch-sowjetischen Krieg von 1941 bis 1945 zu tun hat und warum er Thema des 18. Symposiums für Zeitgeschichte war. Zumal es wohl bei vielen Deutschen auch nach Jahrzehnten noch immer so ist, wie es Günter Heinritz, der Zeitgeschichtsreferent des Stadtrats in seinem Eröffnungsgrußwort geschildert hat: "Am schlimmsten ist es bei den Russen", habe er als Sechsjähriger bei Kriegsende aus Gesprächen der Erwachsenen erlauscht. Dass die deutsche Wehrmacht "einen Vernichtungs- und Versklavungskrieg" gegen die Sowjetunion geführt hat und dieser "bis heute keinen angemessenen Platz in unserem historischen Bewusstsein gefunden hat", wie Jürgen Zarusky, der wissenschaftliche Leiter der Konferenz, betonte, das wurde an den beiden Tagen deutlich. Klar wurde aber auch, dass Dachau sogar sehr viel mit der gewaltigsten und opferreichsten Konfrontation des Zweiten Weltkriegs zu tun hatte, der etwa 27 Millionen Sowjetbürger, darunter mehr als die Hälfte Zivilisten, zum Opfer fielen.

Wer sich mit der Geschichte des Dachauer Konzentrationslagers beschäftigt, der weiß um den SS-Schießplatz Hebertshausen, an dem gegen geltendes Völkerrecht mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden, die zuvor nach ideologischen und rassistischen Kriterien aussortiert worden waren. Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte, referierte darüber unter anderem anhand des Schicksals des jüdischen Sowjetoffiziers Benjamin Temkin. Er hat unerklärlicherweise die Mordaktion - und später weitere KZs - überlebt, obwohl er bereits nackt auf dem Hinrichtungsgelände gestanden hatte. Er habe den einzigen Erlebnisbericht über die Erschießungen hinterlassen, die sich vor der umliegenden Bevölkerung nicht geheim halten ließen, wie Hammermann sagte. Sie berichtete auch, dass die Teilnehmer der Erschießungskommandos hinterher Prämien erhielten, etwa in Form von Schnaps, und sogar Urlaubsaufhalten in Italien. Lange sei der abgelegene Tatort am Rand von Hebertshausen wenig beachtet geblieben. Erst am 2. Mai 2014 sei ein würdiger Gedenkort eingeweiht worden. Etwa 800 Namen von Ermordeten sind bisher bekannt und auf der Installation zu lesen. Hammermann hofft, dass langfristig bis zu 2000 recherchiert werden können.

Namenstafeln erinnern an die sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf dem Gelände der Schießstätte in den Jahren 1941 und 42 von der Lager-SS kaltblütig erschossen wurden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Doch nicht nur die ermordeten Kriegsgefangenen verbinden Dachau mit dem Vernichtungskrieg im Osten. Wie die frühere KZ-Gedenkstättenleiterin Barbara Distel erläuterte, stellten die Sowjetbürger mit etwa 25 000 Häftlingen die zweitgrößte nationale Gruppe der Lagerinsassen. Viele von ihnen waren sehr jung, teilweise fast noch Kinder, als sie als Zwangsarbeiter verschleppt wurden. "Sie verschwanden nach 1945 im Kalten Krieg", sagte Distel. Ihr Schicksal wurde erst nach der Perestroika bekannt. Und so wandten sich von 1990 an ehemalige sowjetische Dachau-Häftlinge um Hilfe und Unterstützung an das Land, "in dem sie ihre Jugend verloren hatten", wie Distel aus einem Brief zitierte. Ein Einladungsprojekt wurde gestartet, das es 1992 elf Überlebenden aus Russland, der Ukraine, Lettland und Weißrussland ermöglichte, an der Befreiungsfeier teilzunehmen. Der Jüngste war 1945 bei seiner Befreiung aus dem KZ gerade 15 Jahre alt. Das Projekt gibt es immer noch, wenn sich auch nur noch wenige Überlebende aus Altersgründen in der Lage sehen die lange Reise auf sich zu nehmen. In den Neunzigerjahren habe es viel Unterstützung und ein großes Medieninteresse für das Projekt gegeben, das mittlerweile wieder geschwunden sei. Distel fasste am Ende ihres Referats zusammen: "Die Tragödie der sowjetischen Häftlinge endete meist nicht mit ihrer Befreiung." Denn sie wurden bei ihrer Rückkehr oft der Kollaboration bezichtigt und erneut in - diesmal sowjetische - Lager gesperrt.

Im einleitenden Referat stellte der Moskauer Historiker Sergej Slutsch dar, wie sich der sowjetische Diktator Stalin, der trotz aller ideologischen Gegensätze immer wieder die Annäherung an Nazi-Deutschland suchte, letztlich von Hitler über den Tisch ziehen ließ. Der Pakt zwischen beiden Mächten habe dem Aggressor Hitler im übrigen Europa Handlungsfreiheit gewährt, wobei sein Ziel, die Sowjetunion zu zerschlagen, während der ganzen Geltungsdauer bestehen blieb. Den Krieg Deutschlands und seiner Verbündeten gegen die UdSSR nannte Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt einen "zentralen Konflikt im 20. Jahrhundert und Teil von Hitlers Weltherrschaftskonzept".

Kränze wurden vor dem Gedenkstein niedergelegt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Münchner Historiker Johannes Hürter bezeichnete die Wehrmacht als zentralen Teil der militärischen NS-Gewaltorganisation. Die "saubere Wehrmacht" sei ein Mythos, weil man in den Nachkriegsjahren von Schuld und Verbrechen nicht reden wollte. Für Hürter sind die Begriffe "Wehrmacht und Holocaust nicht voneinander zu trennen", so dass die damalige Armee unmöglich Vorbild oder Traditionsstifter sein könne. Zudem gehe nicht nur die Tötung von Juden auf das Konto der Besatzungsarmee, sondern auch die Ermordung von 2,5 bis 2,8 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. Andreas Hilger, der am deutschen historischen Institut in Moskau arbeitet, sieht bei diesem Thema noch "große Lücken, die sich vor der Forschung auftun". Bis heute gebe es eine große Zahl von ungeklärten Schicksalen. So wisse man nur wenig über die "Verhältnisse hinter dem Stacheldraht", also über die Opfer, hingegen sehr viel "über die deutsche Täterschaft". In Russland macht er immerhin einen Fortschritt gegenüber der sowjetischen Erinnerungspolitik aus, da die Kriegsgefangenen inzwischen als Opfergruppe anerkannt werden.

Wie es der sowjetischen Bevölkerung, etwa im südrussischen Woronesch, unter der deutschen Besatzung ergangen ist, zeigte die Wissenschaftlerin Natalia Timofeeva. Erschütternd auch, was Yulia von Saal über Kriegskindheiten in Weißrussland berichtete. So stieg etwa allein die Zahl der in Kinderheimen registrierten Waisen von 3 370 im Jahr 1942 über 70 000 im November 1945, ein Jahr später lag sie bereits bei 138 137. Doch viele Buben und Mädchen mussten sich ohne Eltern allein durschlagen. Schon Acht- bis Zehnjährige wurden nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt, dabei Judenkinder aussortiert und ermordet. Bis zur Perestroika habe eine Auseinandersetzung mit diesen Schicksalen nicht stattgefunden, da sie nicht ins sowjetische Heldennarrativ gepasst habe.

Zeitgeschichtsstelen wurden errichtet.

(Foto: Toni Heigl)

Ganz allgemein habe die massenhafte Ermordung von Juden nicht ins antisemitisch geprägte sowjetische Geschichtsbild gepasst, so dass zu Zeiten der UdSSR stets nur von Massakern an "friedlichen Sowjetbürgern" die Rede war. Dies obwohl, anders als im übrigen Europa, die sowjetischen Juden von den Deutschen nicht in Lagern, sondern vor den Augen der Bevölkerung ermordet worden waren, wie der Berliner Historiker Bert Hoppe berichtete. Oft nach Denunziation durch Nachbarn und unter Mitwirkung einheimischer Hilfspolizisten.

Ein weiteres grausames Kapitel des Krieges ist die 827 Tage dauernde Blockade Leningrads, die 800 000 bis eine Million Tote forderte. Sie fielen den 102 000 Brand- und 4 600 Sprengbomben zum Opfer, die zwischen dem 8. September 1941 und dem 27. Januar 1944 über der Millionenstadt abgeworfen wurden, oder wurden durch Hunger und Krankheiten dahingerafft. Die Referentin Andrea Zemskov-Züge sieht in dem 1975 bis 1981 von Ales Adamowitsch und Daniil Granin verfassten Blockadebuch, das heuer erstmals in der Bundesrepublik erschienen ist, für Deutsche "eine Möglichkeit, die Ausmaße des Vernichtungskriegs kennenzulernen und zu verstehen."

Historiker Jürgen Zarusky blickt zurück.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Erinnerung an den deutsch-sowjetischen Krieg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in beiden Ländern geändert. Peter Jahn, langjähriger Leiter des deutsch-russischen Museums Berlin-Karlshorst skizziert die Entwicklung so: Man habe in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Deutschland vom Opfer tapferer Soldaten in einem Kampf gesprochen, dessen Hauptleidtragende deutsche Kriegsgefangene waren. "Immer: wir die Opfer, nicht: wir die Täter." Nach vereinzelten Studien und Ausstellungen sei das Thema Vernichtungskrieg durch die umstrittene Wehrmachtsausstellung in eine breite Öffentlichkeit gebracht worden. Jahn bezeichnet die Fotoschau als schlecht gemacht und angreifbar, aber gerade das habe Diskussionen ausgelöst und Aufmerksamkeit erzeugt. Eine Studie des Instituts für Zeitgeschichte, die sie eigentlich widerlegen sollte, habe die Ergebnisse der Studie bestätigt, erklärte Jahn.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kommunismus blickt man auch in der Ukraine und in Russland anders als früher auf den Zweiten Weltkrieg. Vor allem in der Westukraine würden seit 1990 nationalistische und faschistische Kriegsverbrecher, die an den Judenmorden beteiligt waren, als Helden verehrt, sagte Grzegorz Rossolinski-Liebe, der eine Biografie des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera verfasst hat. Dass Erinnerung auch gespalten sein kann, machte Alexander Korb von der Universität Leicester am Beispiel von Rostow am Don klar. Bei der dortigen Bevölkerung habe sich angesichts des Massakers in der Smijewskaja Balka, der Schlangenschlucht, bei dem etwa 20 000 Juden erschossen wurden, der Holocaust ins Gedächtnis eingebrannt. In der sowjetischen Geschichtsschreibung hat er hingegen keine Rolle gespielt, ist es immer um friedliche Sowjetbürger gegangen und so wurde ein Mantel des Schweigens über die eigentlichen Oper gebreitet. "Erst in den letzten 15 Jahren wurde der Holocaust ins russische Kriegsnarrativ eingespeist", so Korb. Die Vernichtung psychisch Kranker in Rostow bleibt hingegen immer noch ein Tabuthema.

Historikerin Sybille Steinbacher.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ganz persönlich wurde es am Ende des zweitägigen Symposiums, als Irina Scherbakowa über das Leben ihres Vaters erzählte. Sie ist Germanistin, hat unter anderem Bücher von Böll, Kafka, Tucholsky und Kisch ins Russische übersetzt und von 1992 bis 2007 Oral History an der Universität Moskau gelehrt. Seither ist sie für die Menschenrechtsorganisation Memorial tätig. Sie zieht ein deprimierendes Fazit über die heutige russische Erinnerungspolitik. Habe Chruschtschow einst gesagt, dass nicht Stalin, sondern das sowjetische Volk den Krieg gewonnen habe, so heiße es heute: "Nicht das sowjetische Volk hat den Krieg gewonnen, sondern der sowjetische

Staat."