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Straßenbenennung in Karlsfeld:Die Kappellenmeisterin

Ludlhof

Nicht der erste Bürgermeister von Karlsfeld Alois Ludl, hier mit seiner Familie, wird geehrt, sondern seine Großmutter Anna Ludl. Sie ist nun die sechste Frau in der Gemeinde, der ein Straßenschild gewidmet wird. Repro: Niels P. Jørgensen

Die Verlängerung der Gartenstraße auf dem Karlsfelder Ludl-Areal wird künftig "Anna-Ludl-Straße" heißen. Der Gemeinderat benennt diese nach der Großmutter des umstrittenen ehemaligen Bürgermeisters Alois Ludl

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Noch ist Brache an der Münchner Straße in Karlsfeld. Doch schon bald soll dort, wo bis vor wenigen Monaten der verfallene Ludlhof und das Sommerhaus standen, gebaut werden. Die Pläne sind fertig, erste Bauanträge eingereicht. Zwei Straßen und ein Weg werden das knapp vier Hektar große Areal durchkreuzen. Außerdem ist ein kleiner Platz vorgesehen. Noch sind die Teermaschinen in weiter Ferne, die Platten für Platz und Wege nicht bestellt, aber die Namen für die neuen Routen stehen bereits fest. Ganz ohne Diskussionen verlief die Namensfindung in Bauausschuss und Gemeinderat nicht, aber man einigte sich schnell. Auch hinsichtlich der neuen Straße am Nordrand von Karlsfeld-West, dort wo der Maro-Genossenschaftsbau und sechs Reihenhäuser entstehen.

Die Verlängerung der Gartenstraße wird künftig "Anna-Ludl-Straße" heißen. Ein Vorschlag der Grünen, den die Gemeinderäte gerne aufnahmen. Die Alternativen hatten ihre Schwächen. Die CSU schlug zunächst Alois Ludl als Namensgeber vor. Ihm gehörte nicht nur der Grund, er war auch der erste Bürgermeister von Karlsfeld, 1939 bis 1945. Andere Bürgermeister der Gemeinde sind bereits geehrt worden, Bruno Danzer etwa in der Neuen Mitte. Doch Alois Ludl ist umstritten. Er war in der NSDAP, musste es auch sein, um überhaupt dieses Amt übernehmen zu können. Man erzählt sich zwar, dass er KZ-Häftlingen geholfen haben soll, sie sogar im Keller des Sommerhauses heimlich versteckt gehalten habe, wenn sie vom Eisenbahnbau geflohen waren. Aber wirklich nachweisen kann man es nicht - zumindest derzeit nicht. Eine aufwendige Recherche wäre nötig gewesen, um herauszufinden, wie rein die Weste von Alois Ludl aus heutiger Sicht wirklich war.

Die Grünen plädierten vehement für eine Frau, Anna Ludl, denn 43 Straßennamen in Karlsfeld sind bereits Männern gewidmet und nur fünf Frauen. Ein eindeutiges Ungleichgewicht, befand Cornelia Haberstumpf. Heimatforscherin Ilsa Oberbauer ist sehr glücklich über diese Wahl, denn es war Anna Ludl, die Großmutter von Bürgermeister Alois Ludl, die den Bau der Kapelle initiierte. Sie hatte wohl das Gelübde abgelegt, dass sie nach der Geburt ihres ersten Kindes zum Dank eine Kapelle bauen würde. Als ihr Mann Ignaz, ein Münchner Fuhrunternehmer und Postkutscher, 1897 den Hof in Karlsfeld ersteigerte, drang sie auf die Kapelle. Sie hatte inzwischen fünf Kinder bekommen, zwei starben frühzeitig. Die Fertigstellung des Baus erlebte sie aber nicht mehr, sie starb kurz zuvor 1899.

Heute ist die Kapelle das einzige denkmalgeschützte Gebäude im Ort und der Stolz aller Karlsfelder. Um dem Rechnung zu tragen, wird der Fußweg dahinter künftig "Kapellenweg" heißen.

Der kleine Platz, der an der Ecke Anna-Ludl-/Nibelungenstraße entstehen soll, wird der italienischen Partnergemeinde Muro Lucano gewidmet. Der Vorschlag kam von der CSU. SPD und Bündnis waren zunächst nicht so glücklich über diese Idee. Nicht weil sie die Partnerschaft nicht ehren wollten, sondern weil sie sich eine Bürgerbeteiligung bei der Namensfindung gewünscht hätten. "Dort sind keine Anwohner und damit ist der Platz keine Adresse, man hätte also leicht warten können, bis der Platz fertig ist", befand Adrian Heim (Bündnis). Venera Sansone (SPD) meinte, eine Bürgerbeteiligung wäre die logische Fortsetzung des Bürgerworkshops gewesen, den man bei der Überplanung des Ludl-Geländes einberufen hatte. Außerdem habe man auch bei der Neuen Mitte die Bürger befragt. Damals war übrigens auch Muro Lucano als Name im Gespräch, doch die Mehrheit entschied sich für Bruno Danzer. Die SPD hätte sich für die malerisch gelegene Partnerstadt einen naturnäheren Platz gewünscht, stimmte aber letztlich, wie auch das Bündnis, für den "Muro-Lucano-Platz" auf dem Ludl-Gelände. "Dort können wir jetzt italienische Feste feiern", meint der CSU-Fraktionsvorsitzende Bernd Wanka. "Hätte man eine Straße nach der Partnerstadt benannt, hätte man nichts damit machen können."

Am Nordrand vom Karlsfelder Westen musste ebenfalls eine Adresse gefunden werden für den Maro-Genossenschaftsbau. Dort entstehen derzeit 19 Wohnungen. Die CSU schlug "Erich-Riedl-Weg" vor, um einen verdienten Gemeinderat - 24 Jahre saß er für die Partei im Gremium - und Träger des Bundesverdienstkreuzes zu ehren. Riedl war langjähriger Vorsitzender des Siedlerbunds Karlsfeld Süd und eine "große Institution im Westen", so Bernd Wanka. Manche bezeichneten ihn als "heimlichen Bezirksbürgermeister". Doch in den anderen Fraktionen stieß die Idee nicht auf positives Echo. "Ich finde es nicht gut, Straßen nach Würdenträgern zu benennen. Da kommt schnell die Diskussion auf, warum einer würdiger ist als der andere und das ist nicht gut für die Verstorbenen", sagte Franz Trinkl (SPD). Eine Kampfabstimmung sollte es nicht geben, deshalb zog die CSU ihren Vorschlag zurück. "Es gibt 20 bis 25 andere, die sich ähnlich verdient gemacht haben", sagte Wanka verständnisvoll. So viele neue Straße werde es aber in Karlsfeld nicht mehr geben. Man einigte sich schließlich auf "Hauswiesen". So lautet bereits der amtliche Name der Flur.

© SZ vom 02.07.2020

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