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Sinti und Roma in Dachau:Ein Hungerstreik als Wendepunkt

Romani Rose, Präsident des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, bei einem seiner Besuche in Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Vor 40 Jahren erzwangen zwölf Bürgerrechtler in Dachau die offizielle Anerkennung des NS-Völkermords an Sinti und Roma

Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in Deutschland hat am Samstag einen wichtigen Jahrestag begangen. Am Karfreitag vor 40 Jahren, dem 4. April 1980, traten zwölf Sinti auf dem Gelände der evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik. Zentrale Forderungen waren die offizielle Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma und die sofortige Beendigung ihrer polizeilichen Sondererfassung. Der Protest löste eine breite internationale Solidaritätswelle aus und markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Minderheit, so die Auskunft des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.

Ein besonderes moralisches Gewicht bekam der Hungerstreik durch die Teilnahme der KZ-Überlebenden Jakob Bamberger, Hans Braun, Ranco Brandtner und Franz Wirbel, heißt es im Katalog zur Bürgerrechtsbewegung. Ermöglicht wurde der Streik durch die Unterstützung der bayerischen Landeskirche, die den Streikenden die Räume der Versöhnungskirche zur Verfügung stellte. Die bis 1970 in Bayern geltende "Landfahrerordnung" hatte jahrzehntelang die Grundrechte von Sinti und Roma eingeschränkt. Bayerische Kriminalpolizisten erfassten in der "Landfahrerzentrale" bis in die 1970er-Jahre hinein Namen, Fingerabdrücke und persönliche Daten von Sinti und Roma aus dem gesamten Bundesgebiet in Akten, die teilweise in der NS-Zeit angelegt worden waren. In zahlreichen Entschädigungsprozessen seien diese Akten dazu verwendet worden, Klagen von Sinti und Roma abzuweisen, die den Völkermord überlebt hatten, heißt es. Mit dem einwöchigen Hungerstreik wollten die Sinti Aufklärung darüber erzwingen, wo die Akten der ehemaligen "Landfahrerzentrale" verblieben waren.

Romani Rose verhandelte als Sprecher der Streikenden mit dem Innenministerium. Etwa 100 in- und ausländische Medien berichteten von den Ereignissen in Dachau. Das Schriftsteller-Ehepaar Annemarie und Heinrich Böll bekundete seine Solidarität. Schließlich räumte die Landesregierung öffentlich ein, dass Diskriminierungen von Sinti und Roma abgebaut werden müssten. Zudem versicherte das Innenministerium, dass die Akten zu Beginn der 1970er-Jahre vernichtet worden seien. Zum Abschluss des Hungerstreiks empfingen die Bürgerrechtler am 12. April 1980 den damaligen Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel (SPD) in der Versöhnungskirche. Er sagte ihnen Hilfe zu und nannt die Protestaktion einen "ganz wichtigen Anstoß" zum Abbau von Vorurteilen.

Am 17. März 1982 wurde der NS-Völkermord an den Sinti und Roma durch Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) anerkannt. Diese völkerrechtliche Anerkennung habe einen "Neubeginn im Verhältnis der Bundesregierung zu den deutschen Sinti und Roma" bedeutet, sagt Romani Rose, Präsident des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

© SZ vom 06.04.2020 / epd

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