Sinnliche Musik am Petersberg:Kokette Motetten

Konzert in der Basilika

Der kurzfristig eingesprungene Chordirektor Felix Meybier führt die 16 Sängerinnen und Sänger mit sicherer Hand.

(Foto: Niels P. Jøergensen)

Das Benefizkonzert von Canzone 11 in der Petersberger Basilika zugunsten der Ubuntu-Hilfe nimmt sich des biblischen Hohelieds an - und das durchaus leidenschaftlich und lustvoll

Von Dorothea Friedrich, Erdweg

Das "Lied der Lieder" ist weder ein Rapper-Song noch ein Beatles-Evergreen noch eine Opernarie. Es ist das Hohe Lied der Liebe aus dem Alten Testament. 2500 Jahre alt ist die Sammlung "Schir ha-Schirim" - so der hebräische Name. Unzählige Religionsgelehrte, Philosophen und Dramatiker haben sich die Köpfe heiß geredet, ob die Texte von König Salomon stammen, ob sie in ihrer bilderreichen Sprache religiös oder erotisch motiviert sind, warum die Frau - Achtung, aktuelle Gender-Diskussion! - die führende Rolle innehat und nicht zuletzt, warum das Hohelied der Liebe heute im Kanon biblischer Texte nur noch eine kleine Rolle spielt.

Das könnte sich ändern, zumindest bei den Zuhörern eines fantastischen Konzerts am vergangenen Sonntag in der Petersberg-Basilika Sankt Peter und Paul. "Du bist aller Dinge schön" hatte Canzone 11 seinen Abend mit Chormusik zum Hohen Lied der Liebe genannt. Das trifft auch auf den Chor selbst zu. 2011 von Tanja Wawra, Musiklehrerin am Gymnasium Markt Indersdorf, gegründet, hat er sich mittlerweile mit seinen anspruchsvollen Programmen und seinem sängerischen Können einen Namen weit über München und die Region hinaus gemacht.

Statt der erkrankten Tanja Wawra hatte am Sonntag Felix Meybier, Chordirektor und Kapellmeister am Staatstheater am Gärtnerplatz, kurzfristig die Leitung übernommen. Er führte die 16 Sängerinnen und Sänger mit sicherer Hand und präzisem Dirigat durch dieses Benefizkonzert für die Ubuntu-Hilfe. Der Verein kümmert sich im von Aids und bitterer Armut geplagten ländlichen Kenia um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Das Bantu-Wort Ubuntu beschreibt menschliche Güte, Großherzigkeit, Mitgefühl und Solidarität - alles Eigenschaften, die von Liebe und Zuneigung getragen sind. So lässt sich der biblische Text eben auch interpretieren.

Fünf Motetten von Melchior Franck (1579 bis 1639) bildeten gewissermaßen die Klammer für Werke zeitgenössischer skandinavischer Komponisten mit Hohe-Lied-Texten. Eine exzellente Wahl, wie sich zeigen sollte. Der deutsche Komponist Melchior Franck war lange Zeit fast vergessen, heute gilt er als einer der Erneuerer der Musik seiner Zeit. Seine fünf Motetten mit der bilderreichen Sprache der alten Luther-Bibel-Übersetzung sang Canzone 11 empathisch schön, lustvoll und leidenschaftlich - so wie es die unverhüllte Erotik im Lied der Lieder verlangt. Fast schien es so, als wollten Sängerinnen und Sänger unüberhörbar ins Gedächtnis rufen, wie verbales und nonverbales Umgarnen vor dem Whatsapp- und Facebook-Zeitalter ging, Gänsehaut-Gefühle inklusive.

Der Schwede Sven-David Sandström (geboren 1942) hat in seinen "Four Songs of Love" die vorsichtige Annäherung von Frau und Mann vertont. Die nun als Doppelchor firmierenden Sängerinnen und Sänger machten daraus ein sinnliches Abenteuer erwachender Leidenschaften. Zehn mehr oder weniger immer noch gültige Weisheiten aus dem alttestamentarischen Buch der Sprüche hat der schwedische Komponist Arne Mellnäs (1933 bis 2002) in eine avantgardistische musikalische Form gegossen.

Canzone 11 brillierte bei diesem Stück mit faszinierenden Lautmalereien, schauspielerischem Können und herzerfrischenden parodistischen Einlagen. Das war großes Kino in der ehrwürdigen Petersberg Basilika. Als filmreif erwies sich auch das finale Stück, "The Song of Solomon" des Finnen Juhani Komulainen (geboren 1953). Der gewaltige Schmachtfetzen verlangte dem Chor noch einmal alles ab - und zeigte klar, auf welch hohem Niveau sich Canzone 11 bewegt.

Mit nicht enden wollendem Beifall belohnten die Zuhörer diesen Konzertabend der Extraklasse. Der musikalische Dank des Chors war ein zu Herzen gehendes "Herr, es will Abend" werden.

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