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Sinne, Herz und Verstand sind gefordert:Kuckucksuhr und Bombenkrater

In der höchst sehenswerten Multimedia-Ausstellung der Neuen Galerie "Wo mein Hut hängt" zeigen Künstler, was das Leben zwischen den Kulturen mit und aus der eigenen Identität macht

In der "Neuen Neuen Galerie", einem umgenutzten Paketzentrum auf der Documenta 2017, sprang Gordon Hockeys "Murryland" die Besucher förmlich an. In der Dachauer "Neuen Galerie" sind es etwa 30 streng ausgerichtete Blätter im DIN-A-3-Format von Vernon Ah Kee, die die Augen nicht ruhen und die Gedanken rasen lassen. "If I was white" heißt die Arbeit. Während "Murryland" die Geschichte Australiens aus Sicht der indigenen Bevölkerung, der Aborigines, überbordend farbig und riesenformatig erzählte, reichen Vernon Ah Kee schwarze Buchstaben auf weißem Hadernpapier, um sich mit Ressentiments und Unterdrückungsmechanismen der weißen Eroberer auseinanderzusetzen; er weiß genau, "wo mein Hut hängt - zuhause zwischen den Kulturen". So hat Kuratorin Jutta Mannes die multimediale Ausstellung genannt, die am Donnerstag eröffnet wurde.

Wo mein Hut hängt

Die deutsch-syrische Künstlerin Adidal Abou Chamat gibt Einblick in ihre Familiengeschichte. Der Mann auf dem Bildschirm ist ihr Vater.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Um es gleich vorweg zu sagen: Besucher sollten viel Zeit, offene Augen und ein offenes Ohr mitbringen. Denn "Unter einem Hut" fordert alle Sinne, Herz und Verstand. Die multimediale Ausstellung ist Teil der Reihe "Identitäten", die die Arbeitsgemeinschaft "Landpartie - Museen" rund um München konzipiert hat. Was das freiwillige oder erzwungene Leben zwischen den Kulturen mit und aus der eigenen Identität macht, zeigen neben dem Australier Vernon Ah Kee Adidal Abou Chamat, Nadin Reschke, Nanni-Schiffl-Deiler, Gülcan Turna und Alfred Ullrich. Ihre Arbeiten fügen sich zu einem stimmigen Bild zusammen, das niemanden unberührt lässt. Wer liest, was Vernon Ah Kee an alltäglicher Diskriminierung aufgeschrieben hat, fragt sich unwillkürlich, wann er selbst zum letzten Mal jemandem (unbedacht) ähnliche Fragen gestellt hat. Wer das strenge, fast majestätische Gesicht von Adidal Abou Chamats syrischem Vater ansieht, sich Fotos und Videos aus dessen im Bomben- und Terrorhagel darnieder liegenden Heimatlandes ansieht, ahnt zumindest, was es heißt, ein Wanderer zwischen den Welten sein zu müssen. Das waren seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts auch viele sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien und der Türkei. Nadin Reschke hat in einer Art Graphic Novel an der Wand und in einem fiktiven Audioreport erkundet, wie es jungen Türken der zweiten Generation ergangen ist, die in die Türkei zurückgekehrt sind, weil sie hier keine Perspektive hatten. "Kalinti oder von dem, was übrig bleibt" ist eine empathische Reise in die wackelige Gefühlswelt dieser Rückkehrer in ein fremdes und doch vertrautes Land. Gülcan Turnas kunstvoll bestickte Tücher wehen wie weiße Fahnen im Abendwind. "Kein Zeit", "Spreche Deutsch" oder "Was soll ich kann tun" hat sie in feinster Kreuzsticharbeit und mit liberaler Orthographie auf den Stoff gestichelt - und stichelt damit in feiner (Selbst-)ironie gegen mangelnde Sprach- und Schreibkünste nicht nur von Migranten. Das ist fröhlich und ermutigend, weil Gülcan Turnas mit ihrer "Handarbeit" auf Gemeinsamkeiten deutscher und türkischer Kultur verweist. Das ist aber auch verstörend, weil das reale Leben ihr immer noch die "Ein" - "Bürger" - "ung" verweigert, wie sie auf drei Stoffbahnen dokumentiert hat. Doch Gülcan Turnas lässt sich nicht entmutigen - das legen zumindest ihre Arbeiten nahe.

Wo mein Hut hängt

Eher bedrohlich als heimelig: Kuckucksuhren als Motiv in den Radierungen von Alfred Ullrich.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ganz anders ergeht es viel zu vielen jungen Flüchtlingen. Der Titel von Nanni Schiffl-Deilers Video ist bezeichnend: "Because I can not Think about the Future" ist bereits 2012 entstanden. Angestrahlt von grellem Scheinwerferlicht stehen junge Männer einsam und verlassen in der Dunkelheit. Sie kommen aus Afghanistan, aus Nigeria und aus Sierra Leone. Sie haben die mehr als bescheidene Wohnsituation in Flüchtlingsunterkünften mit Fotos dokumentiert. Aus dem Off sind ihre Stimmen zu hören: "Ich brauche Freiheit, um glücklich zu sein" oder "Ich weiß nicht, ob ich hierbleiben kann, hier ist jeder Tag ohne Zukunft". Die Angst vor Abschiebung, die Traumata der Flucht sind greifbar. Ein Lehrstück für alle, die mit Fake News über Asylsuchende hausieren gehen.

Kuckucksuhr und Spitzengardinen waren in Alfred Ullrichs Kinderzeit Attribute bürgerlichen Wohnstils. Seine Mutter verkaufte wie viele Sinti-Frauen Produkte der Vorarlberger Textilindustrie in Wien, indem sie von Haustür zu Haustür ging. Die Mutter wurde bereits 1939 in ein Konzentrationslager der Nazis verschleppt und überlebte den Terror nur knapp. Ullrichs jüngste Grafiken sind eine Erinnerung an seine glückliche Wiener Kindheit und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Familie. So werden die hübschen blau-weißen Gardinenmuster plötzlich zu Gefängniszäunen und die harmlose Kuckucksuhr zur grausamen Fratze - zwei Seiten einer Medaille. Das ist sozusagen der Markenkern dieser absolut sehenswerten Ausstellung: Sie bringt sehr persönliche und doch allgemeingültigen Statements in Sachen Identität und Kultur unter einen Hut. Die Ausstellung ist noch bis 22. Juli zu sehen, immer Dienstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr.

© SZ vom 05.05.2018
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