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Joseph-Beuys-Ausstellung in Dachau:Bienenkönigin und Orwell-Hose

Zum ersten Mal ist in Dachau eine Ausstellung mit rund 160 Werken von Joseph Beuys zu sehen, darunter etwa 40 vom Künstler handschriftlich kommentierte Probedrucke

Die Druckgrafiken hängen bereits an den frisch geweißelten Wänden, in einer Glasvitrine liegt neben der "Rose für Direkte Demokratie" eine Ausfertigung der berühmten Capri-Batterie: eine gelbe Glühbirne mit integriertem Stecker. Nur die dazu gehörige Zitrone fehlt noch, die muss der Dachauer Galerist und Ausstellungsmacher Josef Lochner noch kaufen und anschließen, aber davon abgesehen ist am Montagmorgen eigentlich schon fast alles fertig für die große Eröffnung am Mittwochabend. Die Zitrone ist elementar: Wie andere Materialien, die Joseph Beuys in seiner Kunst verwendete, sah er Lebensmittel als Träger von Wärme und Energie, die als Lebensgrundlage und Quelle der Kreativität diente. Die Verschwendungssucht der Überflussgesellschaft reflektierte er schon vor 40 Jahren mit einer Serie unter dem Titel "Wirtschaftswerte": abgepackte Lebensmittel, deren Verpackung Beuys gestempelt und beschriftet hat und die heute nicht nur Kunstwerke, sondern auch schon Dokumente der Alltagsgeschichte sind. Es ist das erste Mal, dass es in Dachau eine solch umfassende Werkschau mit Exponaten von Joseph Beuys gibt.

Blitz und Bienenkönigin

Beuys Schaffen ist vielseitiger, als die meisten denken.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Bis heute polarisiert der Mann: Für die einen ist der weltberühmte Aktionskünstler eine der bedeutendsten Figuren der Kunst im Deutschland des 20. Jahrhunderts, für die anderen ist er bloß ein Scharlatan. Die breite Masse hält sich lieber abseits. Beuys ist bekannt, aber nicht sehr populär, sein Werk gilt vielen als sperrig und schwer zugänglich.

Josef Lochner ist schon seit 1969 Beuys-Fan

Nicht so für Josef Lochner, der die Schau gemeinsam mit Gerhard Niedermayr und Dieter Rothe vom Förderverein Wasserturm auf die Beine gestellt hat. Er ist schon seit 1969 Beuys-Fan - ein Verdienst von Lochners Kunsterziehungslehrer - und inzwischen auch Beuys-Sammler. Ein nicht geringer Teil der insgesamt rund 160 Exponate stammt aus Lochners eigenem Bestand. Die Ausstellung "Blitz und Bienenkönigin", benannt nach dem Titel einer seiner schönsten Grafiken, ist aber nicht nur deshalb etwas Besonderes, weil sie die erste ist, die einen Eindruck von der gesamten Breite seines künstlerischen Schaffens vermittelt, sondern weil sie Teile von Beuys Werk zeigt, die in dieser Art schon lange nicht mehr beziehungsweise noch nie zu sehen waren.

Blitz und Bienenkönigin

Letzte Handgriffe: Josef Lochner hängt im Untergeschoss des Kaufhauses Rübsamen ein Bild von Joseph Beuys auf.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

An den neu eingezogenen Wänden in der Mitte des Raums, hinter dem die Rolltreppe des Kaufhauses ruht, hängen Probedrucke, die Beuys im Laufe des Entstehungsprozesses mit handschriftlichen Anmerkungen versehen hat. "Ich liebe diese Grütze nicht", heißt es da zum Beispiel. "Kommt nicht in Frage." Es ist spannend zu sehen, wie umfassend und detailversessen Beuys an den Drucken gearbeitet hat, welche erstaunliche Vielfalt von Wirkungen allein durch die Wahl der Farbe, des Papiers, ja selbst der Textur entsteht. Wendet man sich von der Wand mit den Probedrucken auf die gegenüberliegende Seite, findet man den Druck, das fertige Resultat, das auch Eingang in Beuys' Werksverzeichnis gefunden hat. Für den Kunstmarkt waren die Probedrucke nie relevant, ihr kommerzieller Wert ist nachrangig, das spiegelt sich auch in der Einstufung des Versicherungswerts wider, aber sie geben einen interessanten und so noch nie dagewesenen Einblick in das Schaffen des Künstlers. Warum er der Erste ist, der die kommentierten Probedrucke öffentlich zeigt, weiß Lochner selbst nicht. "Das hat bislang anscheinend niemanden interessiert."

Joseph Beuys für Eilige sozusagen

Eine weitere Besonderheit ist, dass in der Ausstellung die späten Druckgrafik-Suiten "Schwurhand" (1980), "Zirkulationszeit" (1982) und "Tränen" (1985) vollständig zu sehen sein werden. Das hat es, soweit Josef Lochner weiß, das letzte Mal vor 22 Jahren gegeben, bei einer Ausstellung 1996 in Vaduz. Einzelne Blätter der Suiten werden häufiger gezeigt, doch erst in der Gesamtschau wird ihr Sinnzusammenhang augenfällig, in dem manche sogar eine "Lebenslehre" von Beuys erkennen. Wie ein kurzer Film in einer Abfolge relativ weniger Bilder: Joseph Beuys für Eilige sozusagen. Wie im Zeitraffer.

Blitz und Bienenkönigin

Mit der ersten Beuys-Ausstellung in der Geschichte Dachaus will der Sammler Josef Lochner auch andere für den Künstler mit dem markanten Filzhut begeistern.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ausstellungsmacher Lochner ist glücklich, dass er eine sehr lange Wand in seiner Interims-Galerie hat, auf der sich diese drei Serien perfekt präsentieren lassen - in einer Reihe, aber thematisch gruppiert. Für die Feinjustierung war der Dachauer Künstler Heiko Klohn verantwortlich Von dem weiß man: Der kann das. So präsentiert "Blitz und Bienenkönigin" einerseits einen Querschnitt durch das Schaffen eines der schillerndsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, seinen ästhetischen Perfektionismus, aber auch sein politisches Sendungsbewusstsein. 1979 kandidierte Joseph Beuys für das Europaparlament als Direktkandidat der Grünen - das dazugehörige Wahlkampfplakat ist in Dachau zu sehen - zugleich bietet die Ausstellung auch Beuys-Kennern interessante neue Einsichten und Perspektiven in die weit ausgreifende, manchmal auch in dubiose Randbereiche der Esoterik abdriftende Gedanken- und Vorstellungswelt.

"Blitz und Bienenkönigin" soll einladen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Künstler

Zweifellos wird die Strahlkraft dieser Schau weit über Dachau hinaus reichen, sie wird überregional beworben, schon jetzt sind für die Vernissage mehr als 150 Besucher angemeldet. Vermutlich hätte Joseph Beuys sich auch selbst an der Pointe erfreut, Kunst im leer geräumten Raum eines Kaufhauses zu präsentieren. Josef Lochner hat die Ausstellungszeiten extra so gestaltet, dass auch Berufstätige und Wochenendbesucher in der Altstadt einfach mal auf einen Sprung vorbeikommen können und schauen.

"Blitz und Bienenkönigin" soll einladen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit einem modernen Künstler, der seiner Zeit oft weit voraus war und der deswegen heute vielleicht aktueller denn je ist: Die "Orwell-Hose" von 1984 mit zwei Gucklöchern, eines vorn am Knie, eines hinten an der Kniekehle, zeigt, wie löchrig unsere Freiheit geworden ist. Nur leider regt sich heute keiner mehr über löchrige Jeans auf.

Joseph Beuys: "Blitz und Bienenkönigin" in Dachau. Vernissage am Mittwoch, 28. Februar, 19 Uhr im Untergeschoss des Kaufhauses Rübsamen mit einer Performance von Schlagzeuger Christian Benning. Öffnungszeiten täglich 14 bis 19 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, Samstag bereits von 11 Uhr an. Eintritt frei. Die Volkshochschule Dachau (VHS) bietet Führungen mit Jutta Mannes an, Termine: Sonntag, 4. März, 14 Uhr, Donnerstag, 8. März, 18 Uhr, Samstag, 10. März, 11.00 Uhr, Donnerstag, 15. März, 18 Uhr. Anmeldung über die VHS Dachau.

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