bedeckt München

Schülerlotsen gesucht:Sicher über die Straße

Schulweghelferin

Bei der Polizei hat Anna-Maria Sedlmeier gelernt, wie man den Verkehr mit der Kelle regelt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Schülerlotsin Anna-Maria Sedlmeier hilft kleinen Kindern an der Grundschule Augustenfeld die Kreuzung zu passieren. Ein verantwortungsvoller Job, für den die Stadt händeringend noch mehr Helfer sucht

Von Lisa Brendel, Dachau

Es ist halb 8 Uhr morgens und das Thermometer zeigt eisige ein Grad Celsius. Und trotzdem steht Anna-Maria Sedlmeier an der Ecke Rudi-Schmid-Weg nahe der Grundschule Augustenfeld in Dachau, um Kindern über die Straße zu helfen. Das macht sie jeden Mittwoch, denn sie ist Schulweghelferin. Trotz des tristen Wetters sieht man ihre neongelbe Weste schon von Weitem. Die ersten Kindergruppen kommen angetrudelt, ausgelassen reden sie mit ihren Geschwistern und Freunden. Trotz Baustelle und drei Straßen, die sich kreuzen, lotst Sedlmeier Kinder und Autos mit einer gekonnten, winkenden Handbewegung und ihrer rotleuchtenden Kelle über die Straße, sodass niemand, sich sorgen zu machen braucht - vor allem die Eltern nicht.

Anna-Maria Sedlmeier übt dieses Ehrenamt aus, seitdem sie in Rente ist. Damals hatte ihre Tochter sie auf die Idee gebracht, die selbst in Markt Indersdorf als Schülerlotsin aushalf. Und damals wie heute werden helfende Helden gesucht, die einmal im Monat für eine halbe Stunde die Kinder sicher zur Schule geleiten. Wer Zeit hat, kann natürlich auch gerne häufiger aushelfen. Wer mal keine Zeit kann seinen Dienst tauschen, das sichert das Ordnungsamt der Stadt Dachau zu. Es gibt sogar eine kleine Aufwandsentschädigung für die Schülerlotsen. Und doch ist es schwierig neue zu finden.

"Guten Morgen!", grüßt Anna-Maria Sedlmeier freundlich, die Kinder und Passanten grüßen zurück. Viele Eltern bedanken sich sogar bei ihr. Der Job ist ihr wichtig - wegen der Sicherheit natürlich. Sie sagt, dass manche Fahrer überhaupt nicht auf die Kinder achten. Es würde viele Unfälle geben, wenn sie die Kinder nicht hin und wieder aufhalten würde. Am Schlimmsten aber sind Autos und sogar Busse, die einfach über Rot fahren. Melden kann sie diese leider nicht. "Das geht zu schnell", sagt sie. Denn sie muss ja immer auf die Kinder aufpassen. Es ist ein durchaus verantwortungsvoller Job, aber auch einer, der ihr Spaß macht. "Es ist abwechslungsreich" - der Kinder wegen. Eigentlich kann sie gar nicht verstehen, weshalb sich nicht mehr Erwachsene morgens an die Straße stellen.

Über die Wochen lernt Sedlmeier die Kleinen immer besser kennen, erkennt die Gesichter irgendwann schon von Weitem. Die Erstklässler und Kindergartenkinder zeigen ihr oft, was sie so dabei haben, wenn zum Beispiel mal wieder Spielzeugtag ist und die Kleinen riesige Kuscheltiere mitschleppen. Und auch mit den Älteren unterhält sie sich kurz, wenn sie bei der Ampel stehen. "Man baut also a bissl eine Verbindung auf", wirbt Sedlmeier für den Job. Ein Mädchen kennt sie sogar schon vom Kindergarten, nun ist sie in der Schule. "Es ist schön, sie wachsen zu sehen".

Manchmal entsteht ein Stau, die Eltern in den Autos haben es oft eilig. Doch die Schülerlotsin ist geduldig und lässt die Kinder erst über die Straße, wenn sich dieser wieder aufgelöst hat. Heute ist es ruhig an der Baustelle. "Sonst fahren sie die ganze Zeit Kies hin und her", erzählt Sedlmeier. Aber laut ist es trotzdem. Die Kinder wollen pünktlich kommen und sind deshalb unachtsamer. Da gilt es besonders aufmerksam zu sein, denn die Radfahrer sind schnell und die Autos groß. Eigentlich herrscht ein Riesenchaos an der Kreuzung. Doch Anna-Maria Sedlmeier bleibt gelassen und dirigiert alle - immer mit einem Lächeln im Gesicht.

Es gibt aber auch Dinge, die sie ärgern. "Unhöfliche Autofahrer", meint sie. Das richtige Verhalten als Schulweghelferin hat sie in einer Schulung der Polizei gelernt. Das Ganze dauert ungefähr zwei Stunden, die Verkehrszeichen werden noch mal aufgefrischt und man lernt, wie man den Verkehr regeln kann, "wie ein Schutzmann" wenn die Ampeln ausfallen.

Es ist Viertel vor acht, jetzt kommen die meisten Kinder. Ein Junge ruft: "Grün!" Doch es fahren noch Autos. Bevor der Junge loslaufen kann, meint Anna-Maria Sedlmeier freundlich aber bestimmt, er müsse noch kurz warten. Manche Kinder laufen kopflos einfach los, weil sie zu spät oder gestresst sind - zum Glück gerade noch schnell genug, um rechtzeitig auf die andere Straßenseite zu kommen. Die Schulweghelferin beruhigt diese, sie wird die Autos schon lang genug aufhalten, sie sollen "nur langsam" machen.

Neben dem richtigen Verhalten im Verkehr lernen die Kinder außerdem selbständiger zu werden, wenn sie nicht immer mit dem "Mama-Taxi" gebracht werden. Und klimafreundlicher ist es auch. "Und so können die Kinder mit ihren Freunden reden, anstatt immer mit der Mama zu laufen", lacht Anna-Maria Sedlmeier. Wenn die Kinder nicht alleine gehen sollen, kann man auch einen sogenannten "Bus mit Füßen" bilden, eine Laufgruppe, wo viele Kinder mit nur einem Elternteil als Aufsicht zur Schule gehen.

Mittlerweile ist es kurz vor acht, es wird langsam hell, aber es ist immer noch kalt. Nur noch vereinzelt kommen Schüler, eher die älteren, sie beeilen sich nun, um nicht zu spät zu kommen. Sedlmeier wirft noch einen letzten Blick durch die mit Basteleien behangenen Fenster der Grundschule auf die Kinder. Ihr Job ist nun getan.

Die Stadt Dachau sucht dringend ehrenamtlichen Schulweghelfer. Eltern, Rentner und alle Interessierten können sich bei Interesse beim Ordnungsamt melden. Wer nur wenig Zeit hat, kann auch nur einmal im Monat für eine halbe Stunde die Kinder lotsen. Als kleines Entgelt bietet die Stadt in ihrer Not inzwischen sogar ein kleines Entgelt von 5,10 Euro für jede halbe Stunde.

© SZ vom 20.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite