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Schönbrunn:In weltliche Hände

Mehr als 160 Jahre nach der Gründung von Schönbrunn als Dorf für geistig Behinderte übertragen die Franziskanerinnen der Victoria-von-Butler-Stiftung ihr gesamtes Vermögen.

Was für Gegensätze. In Altomünster ist es vergangene Woche wegen eines Vatikan-Dekrets zur Auflösung des Klosters der Birgitten zum Eklat gekommen. Wenig später geben die Franziskanerinnen von Schönbrunn bekannt, dass sie ihr gesamtes Vermögen definitiv einer Stiftung überlassen, um die Zukunft des Klosters und des Franziskuswerks für etwa 1000 geistige behinderte Menschen und 1500 Angestellte zu sichern. Nun weist die Schönbrunner Generaloberin Schwester Benigna Sirl zwar richtigerweise darauf hin, dass die beiden Fälle faktisch nicht vergleichbar sind. Hier ein kontemplativer Orden, in dem Priorin Apollonia die letzte Nonne ist, dort ein Kongregation, die Träger des größten Arbeitgebers im Landkreis Dachau ist. Aber ihre Begründung führt mitten hinein in die Probleme eines katholischen Ordens im 21. Jahrhundert.

"Wir haben in den letzten Jahren unsere Situation analysiert", sagt die Generaloberin in einem Pressegespräch. Die Franziskanerinnen hätten sich der Frage gestellt, wie sie ihren Auftrag der Hilfe für Menschen gerecht werden können, angesichts von 63 Nonnen, von denen 23 mehr als 80 Jahre alt sind. Eine einzige Schwester verdient noch den Titel "Nachwuchs" mit einem Alter von 33 Jahren. Die Generaloberin berichtet von einem "schmerzhaften Prozess" der Klärung. Schmerzhaft deswegen, "weil der Orden der Realität" des fehlenden Nachwuchs nicht mehr ausweichen wollte. Schmerzhaft auch, weil die Franziskanerinnen zunächst als christliche Gemeinschaft und seit 1911 als anerkannter Orden für Schönbrunn verantwortlich waren und vom 1. Januar 2016 an das Schicksal des gesamten Dorfs komplett in weltliche Hände legen. Die Stiftung wird nach der Haimhausener Gräfin und Frauenrechtlerin Viktoria von Butler benannt. Sie gründete im Jahr 1860 die Gemeinschaft der Franziskanerinnen und erwarb 1862 das leer stehende Schloss in Schönbrunn.

Generaloberin Sirl beschreibt die Analyse innerhalb des Ordens als einen "Prozess der Entflechtung" und "des Abschieds". Und sie fügt hinzu: "Jeder Abschied bedeutet Trauer und Wehmut." Diese Entscheidungsfindung steht Altomünster erst noch bevor, wo sich zahlreiche Bürger mit der Auflösung nicht abfinden wollen und keine Perspektiven mehr für die Erhaltung der barocken Anlage mitten in der Gemeinde sehen. Mit der Schönbrunner Franziskanerin Schwester Gabriele Konrad verfügt Altomünster jetzt allerdings über eine Apostolische Beauftragte des Vatikans, die eben über diese spezifische Erfahrung des Abschieds verfügt. Für Schönbrunn gibt sich Generaloberin Sirl optimistisch: "Wir sind absolut zukunftsorientiert. Wir sind froh, dass wir die Entscheidung getroffen haben. Und es ist richtig, wie es ist."

Sie ist zuversichtlich, "dass der Orden gestärkt hervorgeht". Denn er will sich künftig mehreren Aufgabenbereichen stellen: Im Landkreis planen die Franziskanerinnen, sich im Bereich der Diakonie, besonders in der Sterbe- und Krankenbegleitung zu engagieren. Vor allem wollen sie ein geistiges Zentrum innerhalb von Schönbrunn und in einem zum Orden gehörenden Anwesen am Waginger See bei Traunstein als eine "geistige Heimat" aufbauen. Sie sollen allen Menschen offen stehen, die Zuflucht und Besinnung brauchen.

Victorine von Butler-Haimhausen, Frauenrechtlerin

Die Stiftung ist nach der Gründerin von Schönbrunn benannt, der Haimhausener Gräfin und Frauenrechtlerin Viktoria von Butler.

(Foto: Gemäldegalerie Dachau)

Dass der Orden sein gesamtes Vermögen der Victoria-von-Butler-Stiftung übertragen will, ist seit mehreren Monaten bekannt. Die definitive Entscheidung ist allerdings erst im Herbst gefallen. Die Stiftung wird für das Schicksal des gesamten Dorfs Schönbrunn verantwortlich zeichnen, damit auch für die gemeinnützige Franziskuswerk GmbH und einige weitere Unternehmen, die sich mit dem Immobilienbesitz (allein 40 Millionen Euro) oder der Schaffung von Arbeitsplätzen befassen. Vorsitzender des Vorstands der Stiftung wird Markus Tolksdorf, der Geschäftsführer des Franziskuswerks bleibt. Auch die beiden Stellvertreter gehören der Geschäftsführung an. Es sind die Psychologin Michaela Streich, die für den gesamten Bereich der sozialen Dienste zuständig ist, und der ehemalige Banker Markus Holl, dessen Aufgabe es ist, qualifizierte Arbeitsplätze für Behinderte zu entwickeln.

Die Aufsicht über die Stiftung besteht aus fünf Vertreterinnen der Franziskanerinnen: Generaloberin Schwester Benigna Sirl als Vorsitzende, Generalvikarin Schwester Gabriele Konrad, Generalrätin Schwester Johanna Süß, Generalrätin Schwester Regina Greimel und Generalrätin Schwester Barbara März. Die vier weiteren Mitglieder des Stiftungsrats sind: Tilly Miller, Lehrstuhlinhaberin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule für Sozialpädagogik und Politikwissenschaft; Elke Hümmeler, Ordinariatsdirektorin der Diözese München und Freising und in dieser Eigenschaft Leiterin des Ressorts 6 - Caritas und Beratung; Niko Roth, ehemals Finanz- und Personalvorstand beim Deutschen Caritasverband, sowie Josef W. Karl, Inhaber der MicroNova AG in Vierkirchen als Vertreter der heimischen Wirtschaft, die Schönbrunn verbunden ist.

Am Dienstag, 8. Dezember, feiert Schönbrunn die Stiftungsgründung mit einem Festgottesdienst um zehn Uhr. Anschließend beginnt um 14 Uhr ein großer Stiftungsparcours durch den ganzen Ort. Und um 18.30 folgt ein zentrales öffentliches Fest.

© SZ vom 07.12.2015/gsl

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