Premiere Süßwarenhersteller sucht Verkäuferin und findet die Liebe

Im Hoftheater Bergkirchen eröffnet der Poetische Herbst mit einer Premiere. "Ein Herz aus Schokolade" ist leichte Kost mit großartigen Komödianten

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Wer seine kaum zu bremsende Gier nach Schokolade (pseudo-)wissenschaftlich begründen will, weist gerne darauf hin, dass sie Tryptophan enthält, eine Vorstufe des Glückshormons Serotonin. Das kann die Freude am puren Genuss aber mindestens ebenso trüben, wie mehr oder minder fundierte Vorträge über die kulturelle Wertigkeit von "xocólatl" in der Welt der Azteken im alten Mexiko. Viel anregender klingt da schon die überlieferte Rezeptur für dieses Kultgetränk: Wasser, Kakao, Vanille und Cayennepfeffer.

Auf Wasser verzichtet der in die Jahre gekommene Chocolatier Henri Ledoux vermutlich weitgehend bei der Kreation seiner unwiderstehlichen Verführungen. Er verlässt sich vielmehr auf seinen Geruchs- und Geschmackssinn, um all die delikaten Süßigkeiten weiterzuentwickeln, die seine Vorfahren schon den französischen Königen serviert haben - und über die Molière angeblich eine Komödie schreiben wollte. Das suggeriert eine moderne Komödie mit dem schönen Titel "Ein Herz aus Schokolade oder das süße Leben des Monsieur Ledoux". Geschrieben hat sie Valerie Setaire. Mit ihrem Bühnenerstling reiht sich die junge Autorin ein in die schier unendliche Reihe von Schokoladen-Literatur. Zu sehen ist das herzige Gustostückerl unterhaltsamen Theaters unter der Regie von Herbert Müller derzeit im Hoftheater Bergkirchen. Am Freitag war Premiere und zugleich Auftakt des diesjährigen Poetischen Herbstes mit dem kalorienversprechenden Motto "An Guadn! Der Landkreis Dachau bittet zu Tisch".

Jürgen Füser als lebenslustiger Arzt Dr. Margaux trifft auf Christina Schäfer als Alt-Hippie-Lady Jacqueline.

(Foto: Toni Heigl)

Im verlockenden Bühnenbild von Ulrike Beckers mit sich unter ihrer süßen Last biegenden Regalen, Etageren und Konfektschalen leidet der äußerlich und innerlich angegraute Monsieur Ledoux (Ansgar Wilk) unter einer für sein Metier verhängnisvollen Krankheit: Er hat in dem Moment seinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren, als ihn seine Frau verließ. Da helfen weder die Diagnose seines Freundes und Hausarztes Dr. Margaux ("Anosmie") noch dessen gut gemeinte Ratschläge oder die Unmengen von Rum, den die beiden kippen - selbstredend nur zwecks Verkostung dieser für die berühmten Rumtrüffel unverzichtbaren Ingredienz.

Was helfen könnte, wäre eine neue Herzensdame für Monsieur. Das denken sich Dr. Margaux und der junge Praktikant Pascal (Jonathan Kramer). Flugs schalten sie in einem einschlägigen Internetportal eine entsprechende Annonce - nicht ahnend, dass Ledoux zur gleichen Zeit ganz konventionell eine Anzeige für eine Fachverkäuferin aufgegeben hat. Was sich aus dieser Koinzidenz der Ereignisse entwickelt, ist ebenso vorhersehbar wie amüsant - und wird dank Christina Schäfer in wechselnden Rollen zum zwerchfellerschütternden Erlebnis. Es treten auf: die fränkische Trutschn Paulette, ausstaffiert mit Bequemschuhen, Socken, dicker Strickjacke, Strohhut, Koffertasche und einem höchst seltsamen Humor. Der wird auf eine harte Probe gestellt, weil sie den Mann fürs Leben und Ledoux eine Verkäuferin sucht.

Ansgar Wilk gibt den vertrottelt-verzweifelten Chocolatier Ledoux am Hoftheater Bergkirchen.

(Foto: Toni Heigl)

Strenges graues Kostüm, Lederhandschuhe, übersteigertes Selbstbewusstsein, das die eigenen Ängste nur wenig überdeckt: Das ist Charlotte. Sie sucht - der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe - keine Stelle, sondern eine Position und scheitert hoch erhobenen Hauptes an den so konträren Vorstellungen von einer Lebensstellung der beiden Möchtegern-Intriganten Pascal und Dr. Margaux. Dem unaufhaltsamen Höhepunkt strebt dieses lustige, immer wieder eindeutig zweideutige Verwirrspiel mit den Auftritten der Love and Peace-bewegten, verhuschten (oder verhaschten?) Alt-Hippie-Lady Jacqueline und der gnadenlosen Domina Tatjana entgegen - wohlgemerkt alle hinreißend gespielt von Christina Schäfer.

Doch das Männertrio behauptet sich tapfer gegen diese geballte Ladung Weiblichkeit. Ansgar Wilk - Baskenmütze, weißer Kittel, Strickweste, Nickelbrille und rollenkonformes Embonpoint - ist ein wunderbar vertrottelt-verzweifelter Chocolatier, der mehr in der Vergangenheit lebt ("Unser Fruchtkonfekt wurde bereits an den französischen Hof geliefert") als in der Gegenwart.

Jonathan Kramer ist sein vor Energie, Ehrgeiz und Kreativität sprühender jugendlicher Counterpart. Er kämpft mit viel Sinn für Unsinn den ewigen Kampf Innovationsfreude gegen festgefahrene Prinzipien. Weil dieser Pascal auch ein Charmebolzen ist, sind die Wortgefechte von Jung und Alt keine verbissenen Verbalschlachten, sondern werden von gegenseitigem manchmal widerwilligem Respekt getragen. Daran hat auch Jürgen Füser als lebenslustiger, dem Alkohol nicht abgeneigter Mediziner einen gehörigen Anteil. Wenn gar nichts hilft, dann eben ein Schluck oder auch mehrere aus der Pulle - immer mit einer gebührenden Reverenz an "la grande nation" und ihre unbestreitbaren kulinarischen Errungenschaften.

Doch die mehr oder weniger Schicksalsergebenen mutieren zu verliebten Gockeln. Die liebliche Sophie (wieder Christina Schäfer als zuckersüßes Wesen mit einer Prise Cayennepfeffer im Blut) greift ins Geschehen ein, bringt den abgewrackten Männerhaufen mit Charme und Chuzpe auf Vordermann - und sorgt für das unausweichliche Happy End. Das ist ein wenig kitschig, aber die vier großartigen Komödianten auf der kleinen Hoftheaterbühne machen mit ihrem fabelhaften Spiel aus dem Stück eine wohltuende Köstlichkeit. Selbst die belehrenden Exkurse der gelernten Köchin und praktizierenden Food-Autorin Setaire geraten dem Schauspieler-Quartett mit ausgefeilter Mimik und Gestik zu unterhaltsamen Lektionen in Sachen Kakao und dessen Veredelung. So bekommt "Ein Herz aus Schokolade" dem Gemüt mindestens ebenso gut wie dem Körper das reale, zum sofortigen Verzehr bestimmte Schokoladenherz auf dem Theatersitz.