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Porträt:Die Perfektionistin

Schon als kleines Mädchen wollte Sara Schwartz Ballerina werden. Mittlerweile tanzt das Nachwuchstalent in Zürich

Von Jana Rick, Haimhausen

Mit geübten Griffen tauscht sie ihre einfachen Turnschuhe gegen glänzende rosa Spitzenschuhe, deren Bänder sie sich mit Sorgfalt um die Knöchel wickelt. Routinierte Bewegungen, die bereits seit vielen Jahren Teil von Sara Schwartz' Leben sind. Das vorsichtige Dehnen der Fußgelenke, das senkrechte Aufsetzen der Schuhe auf dem Boden, die kerzengerade und zugleich elegante Haltung - die junge Tänzerin hat diese Bewegungen seit 15 Jahren bis ins Detail geprobt, selbstkritisch und ehrgeizig.

Mit einer Leichtigkeit, wie sie nur junge Tänzer ausstrahlen können, schwingt die 19-Jährige ihr Bein in einer weichen Bewegung auf die Ballettstange und legt ihren Kopf darauf ab. Bei der Frage, ob dies so leicht sei, wie es aussieht, lächelt sie dezent und sagt: "Mittlerweile schon." Schwartz spricht bedacht und wählt ihre Worte sehr bewusst, lacht viel und erzählt offen von ihren Erlebnissen aus der Tanzwelt. Mit vier Jahren ist sie aus dem Kindergarten mit dem Wunsch nach Hause gekommen, tanzen zu wollen. "Wie jedes kleine Mädchen wollte ich Ballerina werden", erinnert sich Schwartz heute. Doch sie ist nicht wie jedes Mädchen. Beim Umzug der Familie nach England entdeckte die dortige Ballettlehrerin das Talent von Schwartz, "sie hat etwas in mir gesehen", beschreibt es die Tänzerin heute. Von diesem Moment an begriff das damals etwa zehn Jahre alte Mädchen, dass das Tanzen für sie mehr als nur ein Hobby ist. In England machte sie ihre ersten Bühnenerfahrungen, auch in Musicals. Neben dem Tanzen auch noch singen und schauspielern, darüber spricht Schwartz, als ob dies ganz normal wäre. Nichts Besonderes. Ebenso wie die Aufnahme in das Jungstudium der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München, als die Familie zurück nach Deutschland kam. Nebenher ging die Jugendliche aufs Gymnasium, pendelte zwischen Haimhausen und München, zwischen ihrem Tanzleben und ihrem Alltag als Schülerin. Tagsüber Schulunterricht, abends Tanzproben. Der Antrieb dazu kam stets von ihr selbst, betont Schwartz, die als einzige in ihrer Familie tanzt.

Ballettämzerin

Jahrelange Übung: Mit Leichtigkeit und Eleganz schwingt die Haimhauserin Sara Schwartz ihr Bein auf die Ballettstange.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit 16 Jahren wechselte Schwartz in das Vollstudium an der Akademie und zog dafür nach München. Noch minderjährig das eigene Zuhause zu verlassen - Schwartz beschreibt es als einen "nötigen Schritt, der vielleicht meine Eltern härter getroffen hat als mich selbst". Aufrecht und locker zugleich sitzt sie nach den Aufwärmübungen auf dem Stuhl und erzählt, dass sie ihr Abitur schließlich an einer Abendschule in München absolviert habe. "Von 8 bis 16 Uhr tanzen, von 17 bis 21 Uhr Schule". Jede Stunde ihres Tages war genau getaktet, sechs Tage die Woche. Sonntags fuhr sie oft zu ihrer Familie oder lernte. "Wenn man in diesem Alltag drin ist, dann merkt man das gar nicht mehr", zuckt sie nur kurz mit den Schultern und ergänzt, dass sie schließlich gern lernt. Das Abitur war ihr wichtig, denn die Tanzkarriere sei oftmals kurzlebig. "Die meisten denken nicht an die Zeit danach, viele Tänzer waren nur bis zur zehnten Klasse in der Schule", erzählt Schwartz und klingt dabei keineswegs herablassend. Man spürt, dass sie mit ihren 19 Jahren die Tanzbranche bereits durchschaut hat, jeden Schritt in den letzten Jahren, jede Entscheidung, wählte sie ganz bewusst. Diese Disziplin habe sie im Ballett gelernt. "Das sind Charakterzüge, die einem mitgegeben werden, man lernt fürs Leben."

Anders als viele andere junge Frauen kennt sie sich selbst - ihre Stärken und Schwächen. Sie weiß, was sie kann und will. Die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend würden in 30 Jahre passen, sie hat sie in knapp 20 Jahren erlebt, im Schnelldurchlauf. Neun Umzüge beispielsweise und den Führerschein hat sie in einer Woche in den Sommerferien gemacht. Auch ihr Körper wurde in den letzten Jahren durchgehend beansprucht: Bänderrisse, Hexenschuss - Schwartz hat schon einige Schmerzen ertragen müssen. Von einem normalen Teenagerleben kann man in ihrem Fall bestimmt nicht sprechen. Schwartz gibt zu: "Wenn sich meine Freunde abends noch am See getroffen haben, war ich beim Tanzen." Doch ihren Freundinnen habe sie es zu verdanken, trotzdem viel vom alltäglichen Teenagerleben mitbekommen zu haben, sie war immer Teil der Gruppe. Schwartz hat nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, ganz im Gegenteil: "Ich hatte das Glück bis jetzt mehr zu erleben als vielleicht andere in meinem Alter."

In Übung bleiben

Mitte März musste die Schweizer Tanzgruppe Swiss Offspring Ballet von Sara Schwartz ihre Tournee absagen, für die sie monatelang geprobt hatten. Die Tänzer wurden in ihre Heimatländer geschickt und versuchten von dort aus so gut wie möglich über Live-Streams weiter zu üben. Stühle und Tische dienten Schwartz als Ballettstange. Nun darf sie endlich wieder zurück nach Zürich. Jari

Nach ihrem Bachelorabschluss an der Akademie im vergangenen Jahr wurde das Nachwuchstalent in einer Tanzgruppe in Zürich aufgenommen, dem Swiss Offspring Ballet. Für Schwartz war dies der erste Schritt in die professionelle Welt der Tanzkünste, in der internationalen Tanzgruppe wird sie weiter ausgebildet. Sie lebt ihren Traum, nun professionell. Pilates, Personal Training, Tanzunterricht und Proben stehen seitdem auf ihrem Tagesplan, etwa bis 17 Uhr. Dann hat sie frei, ein ungewöhnliches Gefühl für die 19-Jährige.

Fragt man sie, ob sie stolz auf sich selbst ist, so zögert Schwartz, wiegt den Kopf von rechts nach links, lacht. Volle Zufriedenheit mit sich selbst sei mit dem Charakter eines Tänzers nicht vereinbar, erklärt sie, denn Perfektionismus liege in der Natur des Balletts. "Man wird jeden Tag vor den Spiegel gestellt." Sie müsse noch an ihren Pirouetten üben, das sei eine ihrer Schwachstellen. Und die Konkurrenz sei stark. Sätze wie diese betonen den hohen Anspruch der jungen Frau an sich selbst. Richtig zufrieden sei sie höchstens bei Auftritten, sie habe auf der Bühne das Gefühl, unantastbar zu sein. "Nur dann kann man sich vergessen."

© SZ vom 08.06.2020

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