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Oxenweg:Die Karawane der Heiducken

Über 42 Kilometer führt der "Altbairische Oxenweg" von Hohenkammer durch den Landkreis Dachau bis nach Augsburg. Informationstafeln erinnern an die Geschichte der historischen Handelsroute, die eigentlich in Osteuropa beginnt

Der Landkreis Dachau ist ideal für Radler: nicht allzu hügelig, mit weiter landwirtschaftlicher Flur entlang von Amper und Glonn und einem Wegenetz, das über die vergangenen zehn, zwanzig Jahre mehr und mehr ausgebaut worden ist. Teil dieses Wegenetzes sind rund ein halbes Dutzend Themen-Radwege: Sie leiten die Radfahrer über landwirtschaftlich besonders schöne, oft autofreie Strecken und bieten dazu Informationen zu historischen Begebenheiten, die mit dem jeweiligen Weg in Verbindung stehen. Wer heute auf einer dieser Strecken in die Pedale tritt, tut das aus Lust an der Bewegung und Freude an den Landschaften, die er sich damit erschließt. Wer allerdings in früheren Zeiten über Land unterwegs war, hatte völlig andere Gründe: Er wurde von seinem Landesherren in Kriegszeiten gezwungen zu marschieren - oder aber er trieb Handel.

An der 1000-jährigen Linde bei Obermarbach ziehen heute Radler ihre Bahnen.

(Foto: Toni Heigl)

Um eine ganz besondere Handelstätigkeit geht es auf einem Radweg, der quer von Ost nach West durch den Landkreis Dachau führt: dem "Altbairischen Oxenweg". Über 42 Kilometer führt er von Hohenkammer, das noch im Landkreis Freising liegt, über Petershausen, Weichs, Kloster Indersdorf, Altomünster und schließlich das Zeitlbachtal bis nach Kiemertshofen ganz im Westen des Landkreises und von dort hinunter ins Wittelsbacher Land und nach Augsburg.

Ein guter Startpunkt ist das Schloss in Hohenkammer.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Name des Radwegs lässt bereits darauf schließen, um welche Art des Handels es hier ging: Mehr als vierhundert Jahre lang, von der Mitte des 14. bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurden Ochsenherden aus der ungarischen Tiefebene und auch aus Moldawien und Transsilvanien nach Mitteleuropa getrieben, um in den sich stark entwickelnden Städten gewinnbringend verkauft zu werden. Die von Treibern, den sogenannten Heiducken, begleiteten Herden konnten bis zu 200 Tiere umfassen. Die kräftigen, sehr genügsamen Ochsen mit ihren weit ausladenden Hörnern waren in der Lage, Strecken bis zu tausend Kilometern in wochenlangen Märschen zu bewältigen, und an ihren Zielorten war ihr Fleisch als besondere Delikatesse begehrt. Zwischen 100 000 und 200 000 Ochsen sollen Jahr für Jahr nach Mitteleuropa gebracht worden sein. Die Triebrouten führten entlang von Flüssen, an denen man die Tiere tränken konnte. Wien war ein wichtiger Umschlagplatz.

Ein Stein bei Petershausen erinnert an die Historie des Wegs.

(Foto: Toni Heigl)

Entlang der Donau ging es weiter bis zur Mautstation in Schärding am Inn, wo eine nördliche Route in Richtung Nürnberg und Frankfurt von der südlichen in Richtung München und Augsburg abzweigte. Eine Nebenstrecke führte ab Freising über das Amper- und das Glonntal ebenfalls nach Augsburg. In einem Projekt von Dachau Agil wurde der Streckenverlauf im Landkreis Dachau rekonstruiert. Dies war anhand alter Flurnamen möglich.

So erfährt man etwa auf einer Info-Tafel am "Hochzeitshain" kurz vor Obermarbach, dass auf einer Karte des Gebiets von 1790 westlich von Mittermarbach eine "Ochsengasse" verzeichnet ist. Bei Lindach gibt es den Flurnamen "Oxenfleckacker", der auf den Verlauf des Triebwegs durch Petershausen schließen lässt, und auch auf einer Flurkarte des 19. Jahrhunderts ist südlich von Pipinsried ein "Ochsentrieb" vermerkt. Bis heute, heißt es an einem Infopunkt zwischen Wagenried und Altomünster, sei die Bezeichnung "Oxenrie" für diesen Bereich den Menschen noch im Gedächtnis geblieben. Ein halblebensgroßer "Ochse" aus Metall erinnert an dieser Stelle an die vielen tausend Tiere, die hier über die Jahrhunderte vorbeigekommen sind, bis kriegerische Auseinandersetzungen am Balkan und in Ungarn dem Ochsenhandel ein Ende setzten.

Oxenweg bei Obermarbach mit Blick auf Hohenkammer.

(Foto: Toni Heigl)

Als Ausgangspunkt für eine Rad- oder auch Wandertour auf dem "Altbairischen Oxenweg" bietet sich das Schloss Hohenkammer an, ebenso aber auch die S-Bahn-Stationen in Petershausen und Altomünster. Das Dachauer Teilstück führt durch reizvolle Landschaften, und entlang des Weges gibt es überall in den Ortschaften Einkehrmöglichkeiten: Gasthöfe und schattige Biergärten. Der Weg ist gut ausgeschildert; im Internet und auch auf einem Flyer von Dachau Agil findet sich eine Routenbeschreibung mit Verweisen auf kunstgeschichtliche Höhepunkte entlang des Wegs oder auf Naturdenkmäler wie die tausendjährige Linde in Obermarbach. Vor allem in Altomünster und Kloster Indersdorf lohnt sich der Besuch der dortigen Kirchen und Museen. Eine Besonderheit wird im Schaudepot in Pasenbach bei Vierkirchen aufbewahrt: kleine Kühe - oder Ochsen? - darstellende Bronzefiguren mit mächtigen Hörnern.

Ausstellungsleiter und Heimatforscher Helmut Größ vermutet, dass es sich bei den Figuren, die ursprünglich aus der Pasenbacher Kirche kommen, um Votivgaben ungarischer Ochsentreiber handelt: Der Heilige Leonhard, Patron der Kirche in Pasenbach, ist schließlich seit alters her für das Wohlergehen des Viehs zuständig. Alois Kammermeier, ebenfalls engagierter Kenner der Gegend und ihrer Geschichte, verweist auf noch ein weiteres interessantes Detail: Die Faltenstiefel der Dachauer Tracht sollen nach dem Vorbild der Stiefel, die die Heiducken trugen, entstanden sein.

Die Rasse der prächtigen ungarischen Graurinder war noch vor wenigen Jahrzehnten nahezu ausgestorben. Heute gibt es wieder einige Tausend von ihnen. Das dürfte nicht zuletzt mit der Wiederentdeckung der alten Ochsentriebwege zwischen Ungarn und Mitteleuropa und ihrer Einbindung in ein gemeinsames europäisches Projekt zu tun haben, das über Landesgrenzen hinweg an das verzweigte Netz der alten Handelswege erinnert.

Dass die Erinnerung der Menschen tatsächlich weit in die Vergangenheit zurückreicht, zeigt ganz am Ende das Dachauer "Oxenwegs" eine Begegnung in Kiemertshofen. Dort nämlich bestreitet ein Mann im Gespräch am Wegesrand mit großem Nachdruck, dass der Wegverlauf so wie von Dachau Agil beschrieben über die nahe Anhöhe des "Schlossbergs" führt. Im Dorf wisse man das besser: Der Weg gehe vielmehr durchs "Holz", also durch den Wald, und treffe erst weiter unten, südlich des Schlossbergs, auf die ausgeschilderte Route.

© SZ vom 06.06.2020

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