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Osterbrauch in Dachau:Gedankenloser Jux

Zu Ostern wird vielerorts noch das "Jaudasfeuer" entzündet. Den meisten ist der antisemitische Hintergrund nicht bewusst

Wäre 2020 ein Jahr wie jedes andere, dann würden am kommenden Karsamstag wieder in vielen Orten des Landkreises die Osterfeuer brennen. In Zeiten von Corona und staatlich verordneter Ausgangssperren aber liegen die Dinge anders: Die Feuer werden heuer ausfallen müssen. "Judasfeuer" oder abgekürzt "Jaudas" wird in unserer Region das Abbrennen großer Holzhaufen am Karsamstag genannt, das zumeist von örtlichen Burschenvereinen organisiert wird, wobei da und dort auch eine Strohpuppe in Menschengestalt mitverbrannt wird. Sie soll Judas Iskariot darstellen, den Apostel, der laut der biblischen Schilderung Jesus "verraten" habe und dafür symbolisch-rituell "bestraft" werden müsse.

Zum Osterfeuer zünden die Burschen in Kreuzholzhausen nur dürres Holz an. Auf das Verbrennen einer Strohpuppe verzichten sie.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Judasfeuer" - ein harmloser Brauch? Nein, stellt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Rias) in einer Veröffentlichung klar: Die Tradition des "Judasfeuers" hat einen antisemitischen Hintergrund. Die Studie von RIAS belegt dies mit zahlreichen Verweisen auf volkskundliche Untersuchungen und mit der Darstellung unterschiedlicher Ausformungen des Brauchs. Die Person des Judas sei dabei häufig mit "den Juden" schlechthin identifiziert worden.

Pressekonferenz

Kreisheimatpflegerin Birgitta Unger-Richter.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Wer hierzulande Organisatoren oder Besucher von "Judasfeuern" auf das Vorhandensein antisemitischer Grundtendenzen des Brauchs anspricht, stößt auf Unverständnis. Er kenne den Brauch als jahrelanges Mitglied des Arnbacher Burschenvereins gut, sagt etwa Wolfgang Hörl, der künftige Bürgermeister von Schwabhausen. Das Verbrennen einer Strohpuppe bei diesen Feuern gebe es nach wie vor in der Gegend. Antisemitismus aber sei dabei in Arnbach "nie ein Thema" gewesen. Würde man den Organisatoren der Feuer antisemitische Tendenzen unterstellen, "dann verstehen die die Welt nicht mehr", glaubt Hörl. Es gehe bei den Feuern ausschließlich um das Gemeinschaftserlebnis, um das Beisammensein junger Leute und darum, das noch größere, schönere Feuer als der Nachbarort zu haben - ganz ähnlich wie beim Brauch des Maibaum-Aufstellens.

Bürgermeisterkandidaten

Schwabhausens zukünftiger Bürgermeister Wolfgang Hörl.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Ich denke, dass der antisemitische Hintergrund des Brauchs nicht reflektiert wird", bestätigt Kreisheimatpflegerin Birgitta Unger-Richter. Sie war in die Recherchen von Rias ebenso mit einbezogen wie der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Norbert Göttler. Ihm persönlich, sagt Göttler, sei der antisemitische Grundton des "Judasfeuers" schon wegen seiner Bezeichnung immer bewusst gewesen. Der Gedanke der rituellen "Judasbestrafung" sei im Zusammenhang mit dem jahrhundertealten Antisemitismus und Antijudaismus der christlichen Kirchen zu sehen, der sich aus dem Vorwurf des Gottesmords durch die Juden speiste. Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 habe die Katholische Kirche diesen Antijudaismus dezidiert abgelehnt. Laut Norbert Göttler ist das Abhalten der "Judasfeuer" von aufgeklärter kirchlicher Seite allerdings immer schon kritisiert worden. Entsprechend haben auch jetzt verschiedene Diözesen und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) auf die Veröffentlichung von Rias reagiert. So fordert Letzterer eine kritische Aufarbeitung der Tradition des "Judasfeuers".

Sowohl die Rias-Studie wie Göttler und Unger-Richter unterscheiden zwischen "Judasfeuern" und Osterfeuern ohne den antisemitischen Bezug, insbesondere solchen, die in der Osterliturgie Auferstehung und Neubeginn symbolisieren. Für Norbert Göttler und Birgitta Unger-Richter spricht nichts gegen Osterfeuer als solche. Massiv abzulehnen aber sei das Verbrennen einer einen Menschen darstellenden Puppe. Ein solcher Akt habe "hohen Symbolwert", sagt Göttler, der von "Judasfeuern" weiterdenkt zu Hexenverbrennungen, Bücherverbrennungen und schließlich dem Verbrennen von Menschen, wobei er vor allem Deutschlands jüngste Geschichte im Blick hat. Was eben noch ein Spaß war, "ein Jux", könne "sehr schnell kippen", sagt der Bezirksheimatpfleger, der diesen Gedanken bereits vor Jahrzehnten in seinem Gedicht "Judasfeuer" formuliert hat. Auch wenn der Brauch des "Judasfeuers" in der NS-Zeit positiv beurteilt und als altgermanisches Ritual des Winteraustreibens gedeutet wurde - Norbert Göttler sieht in ihm in seiner heutigen Ausprägung "keine Manifestation von Neonazitum" sondern vielmehr eine der "Gedankenlosigkeit". Und mit Birgitta Unger-Richter ist er sich einig: "Bräuche können sich auch ändern". Vor allem, dann, wenn sie menschenverachtend seien, solle man nicht länger an ihnen festhalten.

© SZ vom 09.04.2020

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