Opfer der Wehrmacht in der Sowjetunion Die Vergessenen

Eine Ausstellung der Historikerin Christina Winkler erinnert an die Gräueltaten der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg in Rostow. Bewusst thematisiert sie nicht nur den Holocaust, sondern auch den perfiden Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen

Von Walter Gierlich, Dachau

"Die Vergessenen" ist der treffende Titel einer Ausstellung, die bis zum 1. November im Max-Mannheimer-Haus zu sehen ist. Doch mit den Fotos und Dokumenten will die Historikerin Christina Winkler die "Opfer deutscher Besatzungsgewalt in Rostow am Don 1941 bis 1943" - so der Untertitel - vor dem Vergessen wahren. Sie möchte exemplarisch die in Deutschland noch immer nahezu unbekannten Verbrechen des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion am Beispiel der Stadt Rostow ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Winkler, die in Berlin und Moskau lebt, hat schon vor Jahren in den Archiven Rostows für ihre Doktorarbeit über die russische Sicht auf den Holocaust geforscht. Dieser hatte mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion schon Monate vor den Deportationen in die Vernichtungslager auf polnischem Boden begonnen. Die Ausstellung schuf sie 2017 zusammen mit dem Grafikdesigner Kurt Blank-Markard zum 75. Jahrestag des Massakers in der Rostower Smijewskaja Balka, der Schlangenschlucht, bei der am 11. und 12. August 1942 etwa 20 000 Juden erschossen wurden. Es war die größte Mordaktion auf dem Gebiet des heutigen Russland. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, des Britischen Stanley Burton Centre for Holocaust and Genocide Studies in Leicester, an dem Winkler promoviert wurde, sowie des Russischen Forschungs- und Bildungszentrums "Holocaust" in Moskau.

Die Normalität war oftmals nur ein Vorbote des Schreckens: Einige Männer essen gemeinsam in der städtischen Psychiatrie, die meisten von ihnen wurden später in Gaswagen ermordet.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Von den Schautafeln, deren Dokumente aus russischen Archiven stammen und deren Fotos Winkler und Blank-Markard von der jüdischen Gemeinde in Rostow aus Privatbesitz erhielten, gibt es eine russische und eine deutsch-englische Fassung. 2017 wurde "Die Vergessenen" zum 75. Jahrestag des Massakers in Rostow und Berlin gezeigt. Später wanderte die russische Fassung unter anderem nach Moskau, Sankt Petersburg und Archangelsk, und die Reaktionen der Besucher darauf waren nach Aussage Winklers fast immer positiv. Lediglich einmal habe es jemand seltsam gefunden, "dass ausgerechnet eine Deutsche unsere Geschichte erzählt". Die deutsch-englische Fassung wurde außer in Berlin auch in Rostows Partnerstadt Gera, danach in der schottischen Partnerstadt Glasgow gezeigt. Schließlich gab Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte den Anstoß, sie nach Dachau zu holen, da sie "ideal als Begleitprogramm zum Symposium" sei. Das Dachauer Symposium für Zeitgeschichte, dessen wissenschaftlicher Leiter er in diesem Jahr ist, beschäftigt sich an diesem Freitag und Samstag im Max-Mannheimer-Studienzentrum mit dem deutsch-sowjetischen Krieg 1941 bis 1945.

Christina Winkler forscht bereits seit Langem zur russischen Sicht auf den Holocaust und die Kriegsverbrechen des NS- Regimes in der ehemaligen Sowjetunion.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Winkler erklärt in einem Pressegespräch, dass sie "nicht nur den Holocaust in Rostow, sondern ein umfassendes Bild vom Zustand dieser Stadt unter deutscher Besatzung darstellen" wollte. So zeigen die Tafeln aus dieser Stadt mit damals etwa 500 000 Einwohnern auch Bilder und Dokumente verschiedener Opfergruppen, welche die Zeit der Besatzung bis auf Einzelschicksale der Einwohner herunterbrechen. Rostow wurde gleich zweimal von der Wehrmacht okkupiert, zunächst für wenige Tage im November 1941, ehe sie von der Roten Armee zurückerobert wurde. Bevor die deutschen Truppen im Juli 1942 erneut einmarschierten und die Stadt bis Februar 1943 besetzt hielten, hatte eine große Evakuierungsaktion stattgefunden, sodass sich nach Schätzung Winklers nur noch etwa 250 000 Menschen dort aufhielten.

Winklers Ausstellung ist nun im Max-Mannheimer-Haus zu sehen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Neben Schicksalen von Juden, die in der Schlangenschlucht ermordet wurden, befasst sich die Ausstellung auch mit den mehreren Tausend sowjetischen Kriegsgefangenen, die man in Lagern verhungern ließ oder erschoss. Die bisher kaum erforschte Ermordung der Patienten der städtischen Psychiatrie in Gaswagen ist ebenso dokumentiert wie die Tatsache, dass gut 50 000 Bewohner Rostows, ein Zehntel der Vorkriegsbevölkerung, zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Einige Fotos zeigen zudem, dass die Stadt nach der zweiten Rückeroberung im Februar 1943 nur noch ein Trümmerfeld war.

Die Ausstellung "Die Vergessenen. Opfer deutscher Besatzungsgewalt in Rostow am Don 1941 bis 1943" ist bis 1. November täglich von 10 bis 20 Uhr im Max-Mannheimer-Haus, Roßwachtstraße 15, zu sehen. Lediglich am Sonntag, 21. Oktober, ist das Haus geschlossen. Zum Abschluss, so kündigt Zarusky an, gibt es am 1. November um 11 Uhr eine Führung mit Gelegenheit zu Gesprächen.