Odelzhausen Im Behördendschungel

Dachauer Forum informiert Helferkreise über die Fallstricke des Anerkennungsverfahrens für Asylsuchende

Von Renate Zauscher, Odelzhausen

Wer die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer in einem überfüllten Schlauchboot überstanden hat, ist noch lange nicht in Sicherheit: Diese Erfahrung dürften jetzt mehr und mehr Asylsuchende im Landkreis machen. Nach dem ersten Interview, das derzeit viele der im Landkreis untergekommenen Flüchtlinge durchlaufen, stehen bald die eigentlichen Anhörungen an. Hier entscheidet sich, wer als asylberechtigt anerkannt wird, den Schutzstatus eines Flüchtlings oder "subsidiären Schutz" erhält - oder aber Deutschland verlassen soll.

Das Dachauer Forum veranstaltete jetzt einen Vortrag zum Thema Anhörungsverfahren in Odelzhausen. Referent war Cornelius Nohl von der Organisation ArrivalAid in München. "Es brennt unter den Nägeln, die Verfahren stehen an", erklärte Annerose Stanglmayr vom Dachauer Forum bei der Begrüßung der rund 50 Zuhörer im Katholischen Pfarrheim. Welche Konsequenzen der Ausgang des Dublin-Interviews, vor allem aber auch das Anhörungsverfahren haben kann, wurde erst in den vergangenen Tagen deutlich, als der senegalesische Flüchtling Fallou M. an seiner Arbeitsstelle von der Polizei abgeholt und sofort nach Italien abgeschoben wurde - vermutlich ohne vorher benachrichtigt worden zu sein.

Die mit Spenden finanzierte Organisation ArrivalAid ist vor eineinhalb Jahren gegründet worden mit dem Ziel, einen Pool von ehrenamtlichen Mitarbeitern zu schaffen, die Flüchtlinge auf den Anhörungsprozess vorbereiten, sie zur Anhörung begleiten und dann auch für die Nachbereitung der Anhörung zur Verfügung stehen. Eine Rechtsberatung wird von ArrivalAid nicht geboten, wohl aber Gruppen- und Einzelvorbereitungen. Auch an eine Hotline von ArrivalAid kann man sich wenden. Cornelius Nohl erläuterte in seinem Vortrag die verschiedenen Verfahrensschritte, die ein Flüchtling nach Ankunft und Registrierung durchläuft, und erklärte, was es mit dem Dublin-III-Verfahren auf sich hat. Dies sieht Nohl als "Papiertiger", weil nur ein Prozent der Flüchtlinge tatsächlich in ein anderes europäisches Land abgeschoben werden, in dem sie vorher registriert wurden.

Im Mittelpunkt von Nohls Vortrag stand die Schilderung, wie eine Anhörung tatsächlich abläuft, welche Fragen dem Asylsuchenden gestellt werden und wie sich dieser darauf vorbereiten kann. Entscheidend sei, vor der Anhörung die Fluchtgründe möglichst gemeinsam mit einem Helfer zu rekapitulieren und in eine strukturierte Ordnung zu bringen, um sie dem Entscheider plausibel darlegen zu können. Manche Flüchtlinge seien jahrelang unterwegs gewesen; eine überzeugende zeitliche Einordnung der Ereignisse sei deshalb oft nicht einfach. Von der Glaubwürdigkeit der Darstellung hänge jedoch sehr viel ab. ArrivalAid warnt vor erfundenen Fluchtgeschichten. Durch viele Detailfragen würden solche Versuche schnell entlarvt. Sehr wichtig ist es laut Cornelius Nohl, alle Arten von Unterlagen wie etwa Haftentlassungspapiere, ärztliche, auch psychiatrische Gutachten, Videoaufnahmen und ähnliches mitzubringen und sich Folterspuren ärztlich attestieren zu lassen - all dies untermauere die Glaubwürdigkeit der Flucht - und Verfolgungsberichte. Falsche Namensschreibungen in den Registrierungspapieren oder falsche Adressen sollten per Fax im Vorfeld an das Amt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gemeldet werden. Nohl unterstrich, wie wichtig die Rolle der Helfer bei der Vorbereitung auf die Anhörung ist und plädierte dafür, die Flüchtlinge zur Anhörung zu begleiten. Zwar sei die Rolle des Begleiters sehr beschränkt. Wenn es aber zu keiner guten Kommunikation zwischen Dolmetscher und Asylsuchendem komme oder sich offensichtlich Fehler ins Gespräch oder das Protokoll einschleichen, solle sich der Begleiter zu Wort melden. Unterm Strich sind 2015 laut Cornelius Nohl fünfzig Prozent der Asylanträge anerkannt, ein Drittel aber abgelehnt worden. Für jeden einzelnen der Flüchtlinge geht es ums Ganze: seine und die Zukunft seiner Familie.