"Norma" im Thoma-Haus Augen zu und genießen

Auch die spektakuläre "Casta Diva" bewältigt Gesa Jörg als gallische Oberpriesterin Norma auf technisch hohem Niveau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Lyrische Opernensemble meistert "Norma" sängerisch einwandfrei, Schwächen gibt es allein bei Requisite und Bühnenbild

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Seit 2005 gibt es das von Sopranistin Gesa Jörg gegründete Lyrische Opernensemble. Alljährlich realisiert es in unterschiedlichsten Konstellationen eine Operninszenierung in Dachau - bislang gerne mit jungen Sängerinnen und Sängern, denen Initiatorin Jörg die Erarbeitung großer Rollen ermöglichen will. Der Mut, das Engagement und die Beharrlichkeit, mit der das Lyrische Opernensemble gegen die übermächtige Konkurrenz in der Region angeht, verdienen höchsten Respekt, zumal das Programm sich durchweg jenseits leichter Kost bewegt.

So fiel die Wahl in diesem Jahr auf Vincenzo Bellinis "Norma" aus dem Jahr 1831. Das mag ein Grund dafür sein, dass in dieser Aufführung erfahrene Kräfte das Sagen respektive das Singen haben - mit einer Ausnahme: Tenor Yichi Xu, den Dachauern noch als umwerfender Adam in Karl Zellers "Vogelhändler" in bester Erinnerung, hat einen rollenbedingt viel zu kurzen Auftritt als Flavio. Nicht nur die Titelrolle, sondern die gesamte Oper "Norma" ist für Aficionados gewissermaßen die Primadonna assoluta des Belcanto ihres musikalischen Universums. Sie gilt allgemein als Reifeprüfung für die Titelheldin, das ganze Ensemble und die Inszenierung. Die romantisch-krude Geschichte um die gallische Druidenpriesterin Norma (Gesa Jörg), ihre verzweifelte Liebe zum römischen Besatzer und Erzfeind Pollione (Oliver Scherer), um gebrochene Gelübde, Begehren und Verzicht, Kriegstreiberei und Wahnsinn stellt hohe Ansprüche an Sänger, Musiker, Regie und Ausstattung.

Am vergangenen Donnerstag war Premiere der "halbszenischen Inszenierung mit Projektion, Flügel und Kammerensemble", wie es im Programmheft heißt, im leider nur spärlich besetzen Dachauer Ludwig-Thoma-Haus. Wobei der Flügel selbstredend nicht dekorativ auf der Bühne stand. Pianistin Anna Winkler-Nam spielte ihren Part fabelhaft und mit großer Empathie. Sie fügte sich unaufdringlich in das kleine, aber feine Kammertrio mit Giovanni Michele De Rossi (Geige), Albrecht Hampe (Flöte) und Anna Renker am Cello ein.

Dass diese Norma überhaupt zur Aufführung kommen konnte, ist zu einem guten Teil Anton Zapf zu danken, der kurzfristig die musikalische Leitung übernommen hatte. Er dirigierte mit Können, Verve viel Temperament und hatte sein Sänger- und Musikerensemble jederzeit fest im Blick und im Griff. Solisten und der gerade mal zehnköpfige, leidenschaftlich singende und agierende Chor bewegten sich in ihrer partiell doch etwas merkwürdig anmutenden Garderobe vor recht sparsam ausgewählten Landschaftsprojektionen. Letzteres mag der Tatsache geschuldet sein, dass im Thoma-Haus noch renoviert wird, also technische und Probemöglichkeiten nur eingeschränkt vorhanden waren. Insofern wäre eine rein konzertante Aufführung die praktikablere Lösung gewesen.

Doch im Mittelpunkt einer Oper stehen nicht Ausstattung und Requisite, sondern die Stimmen. Tenor Oliver Scherer sang den egozentrischen römischen Feldherrn Pollione recht markig und gab ihm den willkommenen Anstrich von Vorstadt-Stenz. Bassist Marcus Weishaar war kein mächtig auftrumpfender Oberdruide Oroveso, sondern ein eher verhaltener Mensch, der irgendwie fassungslos dem Drama um seine Tochter Norma folgte. Gesa Jörg - in elfenbeinfarbener Robe mit Pelzbesatz und Hochsteckfrisur - meisterte die spektakuläre "Casta Diva", die flehentliche Bitte an die "keusche Göttin" um Frieden für sich und ihr Volk, sowie ihre gesamte Rolle auf gesangstechnisch hohem Niveau. In den Duetten mit ihrer Rivalin Adalgisa gab es Momente von berückender Innigkeit. Dabei sang und agierte Mezzosopranistin Veneta Rodoeva im schwarzen opernballtauglichen Abendkleid bisweilen recht dominant. Sie hatte in Dachauer Norma-Aufführung eindeutig und oft unüberhörbar die Führungsrolle übernommen. Das erlaubte eine völlig neue Lesart der eigentlich auf die Titelheldin fixierten Oper, denn hier war eine spannende Persönlichkeit zu erleben: eine nicht auf die Opfer- und Verzichtsrolle fixierte Adalgisa, sondern eine Frau, die ihre eigenen Entscheidungen im Chaos der Leidenschaften trifft.

Sopranistin Nike Schmidt schließlich war eine fast unauffällige Clotilde, eine Frau, die sich bewusst im Hintergrund hält, aber immer zur Stelle ist, wenn sie gebraucht wird. Tenor Richard Wiedl hatte die Rolle des Erzählers übernommen. Die füllte er mit Charme und Chuzpe aus und brachte Licht ins Dunkel der mythisch-mystisch verklärten Opernwelt der Norma. Dass diese in Dachau erlebbar wird, ist das große Verdienst des Lyrischen Opernensembles.

Weitere Aufführungen: Donnerstag, 29. November, Samstag, 1. Dezember, und Freitag, 14. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Thoma-Haus.