Neue Vitrinen in der KZ-Gedenkstätte Den Häftlingen ihre Identität zurückgeben

Die KZ-Gedenkstätte Dachau hat neue Vitrinen im Schubraum. Darin ausgestellt sind die Habseligkeiten, die die SS einst den Gefangenen abnahmen: Uhren, Schmuck und Pässe, aber auch private Erinnerungsstücke wie Fotografien

Von Marie Groppenbächer

Man nahm ihnen alles, sogar ihre Namen. Im Schubraum des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau mussten sich neu angekommene Häftlinge ihrer Kleidung entledigen und ihr gesamtes Hab und Gut, den von der SS beaufsichtigten Funktionshäftlingen übergeben. Uhren, Schmuck, Briefe, Fotografien, Urkunden, Pässe, alles verschwand in so genannten Effektentüten. Daraufhin wurde jeder Häftling registriert und fortan nur noch über seine Gefangenennummer identifiziert.

Die Vitrinen, die im ehemaligen Schubraum, in der KZ-Gedenkstätte Dachau an der Stelle stehen, wo sich einst die Tische entlangzogen, auf die die Häftlinge ihre Habseligkeiten (Effekten) legen mussten, wurden jetzt neu gestaltet. Das Ziel: "Entgegen der SS, den ehemaligen Häftlingen ihre Identität zurückgeben", erklärt Stefanie Pilzweger-Steiner, wissenschaftliche Referentin der KZ-Gedenkstätte Dachau, bei der Eröffnung. Auf der einen Vitrinenseite sind Biografien einzelner Häftlinge und ihre persönlichen Gegenstände, die ihnen einst abgenommen wurden, zu sehen. Auf der anderen Seite ist beschrieben, was mit den Effekten während der Haft im KZ Dachau geschah.

Ausweise und Hochzeitsfotos aus glücklichen Tagen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Stefanie Pilzweger-Steiner spricht von "administrativer Entrechtung", wenn sie das Vorgehen der SS beschreibt. Alle Habseligkeiten wurden penibel katalogisiert. Für jeden Einzelnen wurde ein Effektenverzeichnis angelegt. Aufbewahrt wurden sie zum Teil im Schubraum selbst, zum Teil in der Effektenkammer im Wirtschaftsgebäude. Wurde ein Häftling entlassen oder verstarb, bekam er oder seine Familienangehörigen die Besitztümer zurück. Konnten letztere nicht ermittelt werden, erlaubte sich die Effektenverwaltung, den Nachlass selbst zu verwerten. Ab den 1940er-Jahren schränkte die SS-Verwaltung die Effektenrückgaben nach und nach ein. Bis 1942 der Befehl von SS Reichsführer Heinrich Himmler erfolgte, dass der Besitz polnischer, sowjetischer, jüdischer und deutscher Häftlinge ohne Angehörige dem Deutschen Reich zugehen solle.

Die Gegenstände und Dokumente, die jetzt in den Glasvitrinen im ehemaligen Schubraum in der Gedenkstätte ausgestellt werden, sind eine Leihgabe des International Tracing Services (ITS). Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte, freut sich über die Unterstützung des ITS und seine "wichtige Arbeit am Gruppengedächtnis". Der internationale Suchdienst ist ein Zentrum für die Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung und Zwangsarbeit sowie den Holocaust. Ihren Sitz hat die Organisation in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Einen Teil ihrer Arbeit mache das Zusammensuchen und -tragen verschollenen Eigentums ehemaliger KZ-Häftlinge aus, um diese den Angehörigen oder wie hier, der Öffentlichkeit, zugänglich zu machen, erklärt Anna Meier-Osinski, Abteilungsleiterin der Abteilung Tracing des ITS.

Die in den Vitrinen ausgestellten Gegenstände zeugen von den Schicksalen der Häftlinge, die alles abgeben mussten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der materielle Wert der Überbleibsel ist meistens gering. Der ideelle dafür umso größer. Für die Angehörigen seien diese Gegenstände häufig das Einzige und Letzte, was ihnen von ihren Verwandten bleibt, betont Anna Meier-Osinski. Die Effekten seien es, die von einem unbeschwerten Leben vor der Inhaftierung erzählen. "Häufig rufen sie auch alte Erinnerungen hervor, wie sonntägliche Spaziergänge, bei denen der Großvater immer wieder auf seine Taschenuhr schaute", berichtet die ITS-Mitarbeiterin. Auch aus Dachau hat die Organisation in den vergangenen Jahrzehnten einige Effekten sicherstellen und den Angehörigen zurückgeben können.

Im Juni 2016, erzählt Anna Meier-Osinski, habe sie beispielsweise die Hinterlassenschaften von Pater Engelmar Unzeitig seinen Glaubensbrüdern überreichen können. Der deutsche katholische Priester setzte sich für Juden ein und protestierte sowohl im Religionsunterricht als auch von der Kanzel gegen Antisemitismus. Wegen "tückischer Äußerungen und Verteidigung der Juden" angezeigt, landete Pater Engelmar Unzeitig im Juni 1941 im Konzentrationslager Dachau. Doch auch hier setzte er sich bis zu seinem Tod für die Mithäftlinge ein. Als 1944 eine Typhusepidemie ausbrach, meldete sich der Pater freiwillig zur Pflege der Kranken, bis er zuletzt selbst daran starb. Seine Effekten, darunter zwei Medaillen und eine Taschenuhr, dienen heute als Berührungsreliquien für Gläubige. Der Priester wurde 2016 im Würzburger Dom selig gesprochen.

Diese Taschenuhr ist in einer Vitrine des Schubraums der KZ-Gedenkstätte zu sehen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Eine Besonderheit ist die Erweiterung der Ausstellung um Aspekte der Täterschaft. Denn diese zeige die Korruption auf, die in der SS herrschte. Außerdem werden am Beispiel von Rudolf Höß, Leiter der Effektenverwaltung, die individuellen Handlungsspielräume der Nationalsozialisten deutlich.