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Neue Leitung:Traum und Trauma

Bücher seien zwar kein "Allheilmittel", sie könnten aber in der Corona-Pandemie ein wenig Halt verleihen, sagt Slávka Rude-Porubská.

(Foto: Toni Heigl)

Slávka Rude-Porubskás folgt dem verstorbenen Steffen Mollnow als Leiterin der Stadtbibliothek nach. Es ist ein Übergang unter schwierigen Bedingungen

Von Eva Waltl, Dachau

Slávka Rude-Porubskás Begeisterung für Geschriebenes hat sich schon in ihrer frühen Kindheit manifestiert. Bücher spielten in ihrer Familie stets eine wichtige Rolle. Die kleine Slávka ging in ihrer Heimatstadt Nitra im Südwesten der Slowakei an vielen Nachmittagen den Weg von ihrem Zuhause, einer Plattenbausiedlung zur in der Altstadt gelegenen Stadtbibliothek, wie sie heute erzählt. Der Weg dorthin war kein einfacher. An vielen Ecken hätten sich "zwielichtige Gestalten" aufgehalten. "Ich hatte Angst", erinnert sich die 43-Jährige. Aber den Lesehunger des jungen Mädchens galt es, zu stillen und somit nahm sie die Gefahren auf sich und besiegte ihre Furcht. Was sich gelohnt hat. "Ich erinnere mich an die große Freude, die ich in der Bücherei gefühlt habe."

Es sind viele Jahre seitdem vergangen. Slávka Rude-Porubská studierte Germanistik, Journalistik und Slawistik in Nitra und Regensburg. An der LMU in München promovierte sie in der Buchwissenschaft, arbeitete dort in der Forschung und Lehre. Während ihrer Tätigkeiten bei privaten Stiftungen kam Rude-Porubská mit den Bereichen Literatur-, Lese- und Bibliotheksförderung in Berührung. "Von dort erfolgte der Sprung in die Bibliothekswelt", erzählt sie. Ein Wagnis, sie betritt ein neues Terrain. Sie sei zwar ein "Buchmensch", aber ihr Werdegang sei nicht der einer klassischen Bibliothekarin, sagt sie.

Nun ist Slávka Rude-Porubská Leiterin der Stadtbibliothek in Dachau. Ihr Start in der Großen Kreisstadt erfolgte unter erschwerten Bedingungen: "Wenn man als erste Amtshandlung die Bibliothek schließen muss, trifft der Traum auf ein Trauma."

War eine Bibliothek in Rude-Porubskás Kindheit ein Ort, an dem sie sich Bücher auslieh und das Leseerlebnis mit nach Hause nahm, muss Lesen heute nicht mehr nur in den eigenen vier Wänden stattfinden. Vielmehr laden Bibliotheken dazu ein, sich in den Räumlichkeiten aufzuhalten. Die Bibliothek in Dachau bietet Platz, um in aller Stille zu schmökern, ein Lesecafé, wo über soeben Durchgeblättertes in Gesellschaft sinniert werden kann. Es gibt auch einen Kinderveranstaltungsraum. Die Dachauer Stadtbücherei ist ein Ort des Austauschs und der Interaktion geworden, an dem Menschen zusammenkommen. "Die Bibliothek ist ein offenes Haus. Ein Haus voller Bücher, Medien und Menschen", sagt Slávka Rude-Porubská.

Sie tritt in große Fußstapfen. Steffen Mollnow, der 15 Jahre lang die Stadtbibliothek leitete, hätte aus der Einrichtung das gemacht, was sie heute ist, würdigt Kulturamtsleiter Tobias Schneider: "Er hat die Bücherei auf ihren Weg in die Zukunft und an den Puls der Zeit gebracht." Schon Mollnows Vision der Stadtbücherei war die eines Begegnungsortes. Nach dessen schmerzlichen Tod im vergangenen August übernimmt nun Rude-Porubská die Leitung. Vieles möchte sie beibehalten. Besonders das beliebte Lesefestival "Dachau liest", die Kinderprogramme und die vielfältigen Angebote der Leseförderung möchte sie aufrechterhalten. Der Blick in die Zukunft gestaltet sich für die 43-Jährige jedoch schwierig. Inwiefern ihr Team geplante Programme und Veranstaltungen umsetzen kann, könne sie erst festlegen, wenn "sich der Weg ein wenig lichtet" und die Coronapolitik eine konkretere Vorhersage eben zulasse, erklärt sie. Formate wie Bibliotheksführungen für Schulklassen, Bastelstunden für Kindergartenkinder, Lesestunden am Nachmittag werde man aber auf jeden Fall weiterführen.

Slávka Rude-Porubská verliert sich nicht in großen Träumereien, sondern sieht realisierbare Möglichkeiten, trotz schwieriger Gegebenheiten, das Buch an den Leser zu bringen: Gemeinsam mit ihrem Team, das sich aus 13 Haupt- und zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammensetzt, hat sie bereits erste coronakonforme Ideen für Aktionen unter freiem Himmel im Sommer-Lesegarten der Bücherei gesammelt. Auch die kontaktlose Ausleihe der Bücher sei schon jetzt von den Gebäudebeschaffenheiten und dem erarbeiteten Hygienekonzept her machbar, sagt sie. Und sobald die Politik die Erlaubnis erteile, könne das kontaktlose Bücherausleihen wieder losgehen. Denn sowohl das Bibliotheksteam als auch die Leser würden den persönlichen Austausch am Max-Mannheimer-Platz und in den zwei Zweigstellen in Dachau-Süd und Ost vermissen, klagt die Bibliotheksleiterin: "Wir reduzieren uns aktuell gewissermaßen auf ein Haus der Bücher."

Ein Trostpflaster für Lesehungrige ist das Onlineangebot der Stadtbibliothek: Elektronische Bücher, Hörbücher und Magazine können Mitglieder und Kunden über die "Onleihe" konsumieren. Es gibt auch einen Filmstreamingdienst mit Serien, Dokus und Filmklassikern. Auch wenn Bücher kein "Allheilmittel" in dieser Zeit seien, wie selbst die literaturbegeisterte Slávka Rude-Porubská einräumt, könnte frischer Lesestoff doch ein wenig Halt versprechen und helfen, in den wirren Coronakonstrukten unserem Alltag Stabilität zu verleihen.

© SZ vom 16.01.2021
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