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Neue Galerie Dachau:Experimente im Gehäuse

Die Münchner Künstlerinnen Regina Baierl, Susanne Pittroff und Afra Dopfer erkunden in der Neuen Galerie die vielfältigen Dimensionen des Raums. Dabei stoßen sie auch in individuelle Erinnerungen vor und sogar in die Dachauer Stadtgeschichte

Beim Versteckspiel in Kindertagen, da bot sich der Kleiderschrank an, um in der Ecke kauernd, gut geschützt von Mutters Blusen oder Vaters Wintermantel, unsichtbar zu werden. In der Neuen Galerie in Dachau sind Besucher nun ebenfalls eingeladen, in drei Kleiderschränken Platz zu nehmen. Dabei geht es zwar auch um Erinnerungen, mit dem alten Kinderspiel hat das aber wenig zu tun.

"Raumerkundungen" heißt die neue Ausstellung, in der drei Münchner Künstlerinnen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Raum experimentieren und diesen erlebbar machen. So führt Afra Dopfer die plastischen Eigenschaften der Dinge vor - beispielsweise durch das Aufblasen eines Luftballons. In einer ihrer anderen Videoarbeiten tastet sich eine überdimensional wirkende Hand hilfesuchend durch einen Raum, der dadurch auch dem Betrachter auf einmal völlig fremd scheint.

Mit etwas, das den allermeisten Dachauern bekannt sein sollte, arbeitet Susanne Pittroff, nämlich dem "Trinkgeld"-Schriftzug, der bis vor kurzem an einem Haus am Karlsberg prangte. Doch wohl nicht jeder Dachauer weiß noch, was es mit dem Schriftzug auf sich hat. Kuratorin Jutta Mannes erklärt: "Seit dem 19. Jahrhundert lebte in dem Haus eine Familie mit dem Namen Trinkgeld. Bis 1997 betrieben sie ein beliebtes Bekleidungsgeschäft, der Schriftzug blieb auch nach der Schließung hängen." Nun zieren die großen geschwungenen Buchstaben eine weiße Wand in der Neuen Galerie - deren Räumlichkeiten den etwas älteren Dachauern wiederum noch als das Tanzcafé Florian bekannt ist, das sich von 1948 bis 1969 hier befand. Pittroff schafft es so, unterschiedliche Räume miteinander zu verbinden: Vergangenheit und Gegenwart, Wortbedeutung und Stadtgeschichte, Innen- und Außenraum. Doch auch der Schriftzug selbst hat sich verändert. Die roten Glaselemente der Neonröhren wurden demontiert und voneinander getrennt, sie tanzen nun in ihrem ganz eigenen Rhythmus durch ein anderes Werk der Künstlerin.

Ganz besonders in ihren Bann, ja sogar in ihr Inneres, ziehen in dieser Ausstellung jedoch die drei Objekte von Regina Baierl. "Private Gehäuse" nennt die Künstlerin die drei kleinen Räume, die sie aus alten Schränken geschaffen hat. Wer die Schultern und den Kopf ein bisschen einzieht, kann in ihrem Inneren Platz nehmen und in Erinnerungen schwelgen. Da sind Fotos, die eine ältere Dame in Rock und Bluse auf der Alm zeigen, den Rucksack locker geschultert, im Hintergrund die Berge. Auf einem anderen posieren zwei Kinder vor einem üppig bepflanzten Blumentopf, ein weiteres Schwarz-Weiß-Foto zeigt ein kleines Mädchen auf einem Stuhl im Garten stehend, skeptisch dreinblickend.

Die drei Schränke stehen für jeweils eine der Schwestern Agnes, Irmgard und Hedwig. An deren Nachlass kam Baierl zufällig, persönlich kennengelernt hat sie sie nie. Doch schon beim ersten Sichten der Fotos und Dias erkannte sie, dass sie einen wahren Schatz gefunden hatte. "Die drei haben nichts besonderes erlebt, sie haben ein ganz normales Leben geführt, aber sie hatten so eine ungeheuere Freude an diesen Dingen", erzählt Baierl. In den Bildern der drei, die so gar nichts Besonderes zeigen, könne sich genau deshalb ein jeder wiederfinden, Kollektives und Privates verschwimme.

Auch von außen wirken die kleinen Räume wundersam, auf den Kopf gestellt, mit zusätzlichen Türen und Luken ausgestattet, mit Rehfiguren und Deckchen geschmückt. "Erst wenn ich den Schrank umdrehe, wird er zum Haus", erklärt Baierl. Das Kranzgesims der alten Möbelstücke werde dann zum Sockel, die Füße zu Dachzinnen. Großformatige Bilder in der Ausstellung lassen den Besucher einen weiteren Blick in die Erlebnisse der Schwestern werfen.

Zwar handelt es sich nur bei einigen der Bilder um Originale, die Schränke und deren wohnliche Ausstattungen sind ebenfalls nachempfunden. Doch trotzdem bekommt man, während man es sich im Schrank gemütlich macht, sich umsieht und den Blick vom alten Wanderrucksack über vergilbte Bilder bis zum bestickten Kissen schweifen lässt, das Gefühl, Irmgard, Agnes und Hedwig fast genauso gut zu kennen wie die eigene Oma.

"Raumerkundungen", Neue Galerie Dachau, Konrad-Adenauer-Straße 20. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, Feiertag 13 bis 17 Uhr. Die Ausstellung geht bis 17. November; an diesem Tag gibt es um 16 Uhr ein Künstlerinnengespräch bei freiem Eintritt.

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