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Natur:Blütenpracht im Dezember

Ungewöhnlich hohe Temperaturen und anhaltende Trockenheit bereiten Naturschützern und Imkern Sorge.

Eine alte Bauernregel lautet: Ist der Winter warm, wird der Bauer arm. Wie viel Glauben man diesen Regeln schenkt, bleibt jedem selbst überlassen. Tatsache ist, dass viele Pflanzen jetzt schon blühen. Das Jahr 2015 könnte das Wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Im Schlossgarten blühen schon Magnolien und Stiefmütterchen. Dabei sollten sie ihre Blütenpracht erst im Frühling zeigen.

Roderich Zauscher vom Bund Naturschutz sagt: "Was jetzt blüht, blüht im Mai nicht mehr." Die bereits gebildeten Blüten sterben ab, wenn der Frost kommt. Einige Pflanzen werden aber nicht nur ihre Blüte verlieren, sondern ganz absterben. Vor allem, wenn sie in den vergangenen Wochen schon Wasser gezogen haben. "Es ist eine Frage von Leben oder Tod", sagt Zauscher. Mit seinen 73 Jahren hat er "so etwas wie heuer noch nie erlebt". Was ihn am meisten sorgt: Wenn die Pflanzen jetzt schon blühen, finden die Insekten im Frühjahr keine Nahrung mehr. Werden die Blüten vor dem Frost nicht befruchtet, treiben sie danach nicht mehr aus. Dadurch fehlt vielen Insekten die Nahrungsgrundlage.

Die dicken Knospen der Magnolien wirken, als wollten sie bereits aufgehen. Die Zeit dafür wäre im April.

(Foto: Toni Heigl)

Imker teilen diese Sorge. Viele Bienen sind aufgrund der hohen Temperaturen in ihrer Winterruhe gestört. "Bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag waren die Bienen unterwegs und haben Pollen gesammelt", sagt Walter Niedermeier vom Kreisimkerverein Dachau. Sie sind rund acht Wochen zu früh dran. Bienen sammeln vor allem Pollen von Senfpflanzen und Rettich. Wegen der Wärme brüten sogar schon einige Bienenvölker, obwohl sie damit erst im Februar anfangen sollten. Für die Brutzeit brauchen sie im Stock eine Temperatur von 35 Grad. Um die zu erreichen, müssen die Insekten viel fressen. Genug nachfüttern kann der Imker aber erst, wenn es längere Zeit Temperaturen von mehr als zehn Grad hat. Sonst müssen die Bienen verhungern. Glücklicherweise sind inzwischen aber die meisten Insekten wieder in Winterruhe und brüten nicht mehr. So ist auch die Ernte 2016 gesichert, sagt Niedermeier: "Ich mache aus drei Völkern eines, damit sie genug Brut nachziehen. Dann kann ich die Jungvölker wieder herausnehmen." Jungvölker sind leistungsstärker, "es wird nur etwas länger dauern, bis die Bienen ihre Bestäubungsleistung erreichen", sagt Niedermeier.

Stiefmütterchen können auch noch spät im Jahr blühen. Die Primeln und pinken Tausendschönchen im Dachauer Schlossgarten sind aber zu früh dran.

(Foto: Toni Heigl)

Waldbesitzer können aufatmen: Der Borkenkäferbefall wird im kommenden Jahr zurückgehen. Beratungsförster Franz Knierer, vom Forstrevier Dachau-West, sagt: "Die Käfer orientieren sich beim Winterschlaf am Tageslicht statt an der Kälte, deshalb drohen die Tiere jetzt zu verpilzen." Um die Plage zusätzlich einzudämmen, sollten Waldbesitzer befallene Bäume abholzen, sagt Knierer. Das einzige Problem, das dem Wald drohen könnte, ist die fehlende Bodenfeuchte. Knierer sagt: "Im Winter werden die Wasservorräte aufgefüllt. Es muss bald viel Feuchtigkeit kommen, sonst trocknen die Bäume aus, wenn sie im Frühling treiben."

Und die Feuchtigkeit wird kommen, bestätigt Meteorologe Frank Heller: "Momentan erleben wir ein Weihnachtstauwetter, das von einem Sturmtief über dem Atlantik herrührt." Über Dachau liegt ein Hochdruckgebiet mit trockener Südwest-Strömung. Heller sagt: "Es ist klar, dass dieser Dezember anders ist als die bisherigen, wir haben nur ein Drittel des normalen Niederschlags, dafür doppelt so viel Sonne. Und es ist fünf Grad wärmer als die letzten Jahre." Aber schon nächste Woche kommen laut Heller die atlantischen Tiefs, dann wird es nasskalt. Dachau startet also mit Schneeregen ins neue Jahr und die Natur kann sich endlich regenerieren.