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Muslime im Landkreis:Gedränge im Gebetsraum

Mustafa Denel möchte Hausaufgabenbetreuung und Sprachkurse anbieten.

(Foto: Toni Heigl)

Den türkisch-islamischen Verein gibt es seit 1984 in Dachau. Für die mindestens 4000 Muslime im Landkreis ist das Gemeindehaus aber viel zu klein. Der Vorsitzende Mustafa Denel plant ein Kulturzentrum - die Umsetzung ist schwierig.

Mustafa Denel kam mit 18 Jahren nach Deutschland. Mit seiner Mutter lebte er in der Nähe von Izmir im Westen der Türkei. Seinen Vater, der Gastarbeiter in München war, sah er nur selten. Mustafa träumte davon, in Deutschland Soziologie zu studieren. Doch sein türkischer Abschluss wurde nicht anerkannt. Der junge Mann ging trotzdem seinen Weg. Heute ist er erster Vorsitzender des türkisch-islamischen Vereins im Landkreis Dachau. Einer Gemeinde, die zumindest räumlich, aus allen Nähten platzt.

Zwischen 4000 und 5000 Muslime leben heute im Landkreis, schätzt der erste Vorsitzende des Vereins, etwa 1300 davon in der Stadt Dachau. So wie er haben viele der Älteren seit langer Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie leben seit Jahrzehnten in Dachau, ihre Kinder sind im Landkreis aufgewachsen. "Unsere Väter sind vor mehr als 50 Jahren hergekommen", sagt Denel, "und viele sind hier gestorben." Deutscher sein und Muslim sein, sagt Denel, das gehöre längst zusammen.

Für die Kurse fehlt es aber vor allem an Platz.

(Foto: Toni Heigl)

Denel sitzt an einem weißen Plastik-Gartentisch im Dachauer Stadtteil Etzenhausen in der Sonne und nippt an einem Glas Tee. Hinter ihm, an den hohen Stangen im kleinen Vorgarten des Hauses in der Von-Herterich-Straße, weht die deutsche Fahne neben der türkischen. Seit 1984 beten Muslime in dem unscheinbaren Haus. Anfangs hatte die Gemeinde nur einen Raum gemietet, heute nutzt sie das gesamte Haus. Im Erdgeschoss gibt es neben Vorzimmer und Gebetsraum auch Waschräume und ein kleines Büro, im ersten Stock ein Esszimmer sowie eine Wohnung für den Imam.

Doch der Platz ist viel zu knapp: In den Gebetsraum passen nur 250 bis 300 Menschen. Auch das Vorzimmer ist überschaubar. An Festtagen gibt es Gedränge. Ein richtiges Gemeindeleben ist dort nicht möglich, der Platz für Hausaufgabenbetreuung und andere Angebote fehlt. Eigentlich würden Denel und die anderen Vereinsmitglieder gerne Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten. Doch schon allein für die rund 125 Mitglieder des Vereins wird der Platz knapp. "Es ist eigentlich eine Armseligkeit hier", sagt Denel. Sein größter Wunsch ist ein Kulturzentrum, aber das ist schwierig zu finanzieren.

Denn am jetzigen Ort gibt es noch mehr Probleme: An dem mitten in einem Wohngebiet gelegenen Gebäude gibt es kaum Parkplätze. An Festtagen und während des Freitagsgebets wird das besonders kritisch.

Immer wieder gab es deshalb Ärger - besonders mit einem Nachbarn. Seit fast zehn Jahren beschwert der sich immer wieder bei der Stadt: über lärmende Kinder, zu lang dauernde Veranstaltungen, und in einem Brief wortwörtlich über das "Gegröle" und "Gejohle" des Imams. Ganze siebzigmal führte er in eineinhalb Jahren Listen über die Zahl der Besucher des Gemeindezentrums, immer wieder machte er heimlich Fotos. Der Konflikt ging bis vor das Landesgericht, wo schlussendlich eine Vereinbarung getroffen wurde: Nicht mehr als fünf Grillveranstaltungen im Jahr, geschlossene Fenster während der Gebete und der Ramadan-Feier und ordnungsgemäßes Parken - vor allem nicht vor dem Anwesen des Klägers.

Einen Teil der Kritik kann Denel verstehen. "Wenn ich Nachbar wäre, würde ich mich auch durch Manches gestört fühlen", sagt er. Den Nachbarschaftskonflikt lässt er einen Nachbarschaftskonflikt bleiben. Erfahrungen mit offenen rassistischen Anfeindungen habe die türkisch-islamische Gemeinde noch nie gemacht, sagt Denel. Auch wenn die Pegida-Bewegung auch unter den Dachauer Muslimen Unsicherheit geschürt habe. "Wir haben uns stark unter Druck gefühlt. Man dachte, da passiert bald was."

Jetzt, wo die Bewegung abgeflaut ist, hat sich ein wenig Erleichterung breit gemacht. Doch Denel mahnt zum vorsichtigen Umgang mit solchem Gedankengut. "Wenn so etwas anrollt, kann es jeden treffen." Auch über den langen Arm des sogenannten Islamischen Staates (IS) bis in die Köpfe europäischer Jugendlicher macht er sich Gedanken. Denen, die sich dessen Kämpfern anschließen, fehle die Erfüllung im Leben, sagt er. Arbeitslosigkeit oder psychische Probleme träfen mit einem Missbrauch der Religion aufeinander. "Dabei müssten die Religionen eigentlich zusammenarbeiten."

In Dachau versucht er deshalb, mit gutem Beispiel voranzugehen. Der türkisch-islamische Verein ist neben vielen anderen Institutionen Gründungsmitglied im Dachauer Verein "Runder Tisch gegen Rassismus". Denel ist regelmäßig im Gespräch mit den Kirchen, den Vereinen und den politischen Vertretern. Dass es ausgerechnet die CSU-Fraktion war, die im Stadtrat den Antrag gestellt hat, Raum für muslimische Bestattungen auf dem Waldfriedhof zu schaffen, hat ihn besonders gefreut. Die Planungen für ein Kulturzentrum gehen jedoch nur langsam voran, nach wie vor arbeitet Denel an der Finanzierung. Unklar ist, ob der gewünschte Standort im Gewerbegebiet am Wettersteinring an der Äußeren Münchner Straße überhaupt in Frage kommt. Das Zentrum, sagt Denel, ist nötig, damit die Gemeinde endlich für alle da sein kann und aller Streit ein Ende hat. "Wir sind ein Teil von Dachau", sagt Denel. "Wir wollen in Frieden zusammenleben."