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Mitten in Markt Indersdorf:Das Paradies liegt so nah

Die Vorstellung, dass am Ende aller Tage paradiesische Zustände warten, hat schon etwas Verlockendes an sich - auch wenn man nicht daran glaubt. Paradiese aber gibt es tatsächlich, gleich um die Ecke

Glosse von Jacqueline Lang

Ob nun religiös oder nicht - die Vorstellung, dass es ein Paradies gibt, in das man irgendwann einmal einzieht, ist für viele doch irgendwie beruhigend. Die Frage ist allerdings: Warum ist das eigentlich so? Immerhin gibt es doch sehr viele unterschiedliche Antworten darauf, was einem in diesem Paradies am Ende des Tages überhaupt erwartet - und längst nicht alle haben etwas mit dem zutun, was man sich selbst unter einem perfekten Ort vorstellt.

Wer zum Beispiel hätte etwa gedacht, dass das Paradies am Ende so nah sein, ja gar im Landkreis Dachau zu finden sein würde? Man selbst jedenfalls ehrlicherweise eher nicht. Und doch scheint zumindest dem Namen nach genau das der Fall zu sein: eine Wiese im Langenpettenbach-Tal nahe Wildmoos trägt nämlich genau diesen Namen. Gehören tut sie der Marktgemeinde Markt Indersdorf schon seit gut 30 Jahren, gepflegt wird sie jedoch von der Ortsgruppe des Bundes Naturschutz. Das Besondere an diesem Ort? Er ist schwer zu bewirtschaften und schlecht gelegen.

Das klingt, wenn man ehrlich ist, zumindest im ersten Moment nicht allzu paradiesisch. Allerdings ist das, so lernt man schnell, wenn man mit dem BN-Ortsverbandsvorsitzenden Martin Heimerl spricht, am Ende nur eine Frage der Perspektive. Denn genau die Gründe, die das kleine Fleckchen Erde auf den ersten Blick nur wenig attraktiv für Grundstücksspekulanten und Landwirte erscheinen lassen, machen es zu einem wunderbaren Ort für mittlerweile rund 40 Arten von Blühpflanzen und Kräuter. Dazu zählen etwa der Weißklee, die wilde Möhre, der Gundermann oder das Fingerkraut. Diese selten Arten würden entlang des Pettenbachs unter anderem auch deshalb so gut gedeihen, weil das Springkraut, das andernorts heimische Pflanzen zu verdrängen drohe, noch nicht alles verseucht habe, so Heimerl. Ihn freut zudem, dass sich zwischen den Blumen und Gräsern mittlerweile auch Hasen, Rehe und Kleininsekten tummeln.

All das ist möglich, weil Christbaumbauer Claus Meier die Magerwiese nur zwei Mal im Jahr mäht und ansonsten in Ruhe lässt. Im Gegenzug bekommt er das etwa einen halben Hektar große Land für eine geringe Pacht von der Gemeinde. Das sei, so Heimerl, eine Win-Win-Situation für alle - am allermeisten aber natürlich für die Natur. Ob man das gewusst habe, als man der Wiese ihren Namen gegeben habe? Wohl kaum, sagt Heimerl. Den Namen hatte die Wiese schon lange bevor sie zu einem Schutzraum für allerlei heimische Arten wurde. Wohl schon zu einer Zeit, als hier mutmaßlich noch Lehm abgebaut worden ist. Für Heimerl steht aber fest: "Der Name ist Programm geworden." Es können demnach viele Orte zum Paradies werden, wenn man sie nur lässt. Auf das Jenseits muss man jedenfalls nicht warten.

© SZ vom 08.06.2021
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