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Mitten in Karlsfeld:Rätselraten auf dem Radl

Mysteriöse Schilder in Karlsfeld entpuppen sich als Wegweiser für den Räuber-Kneißl-Radweg. In der Gemeinde scheint man davon aber nichts zu wissen.

Den besonderen Zeiten und dem sonnigen Wetter geschuldet sind, wie wohl überall, auch in und um Karlsfeld erfreulich viele Menschen mit dem Fahrrad unterwegs, mehr als jemals zuvor. Vater, Mutter und Kinder strampeln beim Familienausflug um den Karlsfelder See, an den Waldschwaigsee, ins Schwarzhölzl; Einkäufer nutzen ihr Radl, um an die Geschäfte in der Gartenstraße oder an der Münchner Straße zu gelangen. Und mancher dieser Freunde sportlicher Betätigung hat vielleicht schon die nagelneuen Schilder mit grüner Schrift auf weißem Grund für Radfahrer entdeckt, die mal den Weg zum See, mal zum Zentrum weisen.

Mit einigem Erstaunen bleibt man dann stehen, sieht sich die Sache im Detail an und zerbricht sich den Kopf, was die kleinen Zusatzschilder wohl bedeuten mögen. Eine wilhelminische Pickelhaube ist darauf zu sehen, dazu eine Flinte und noch eine Art bayerischer Trachtenhut. Etwa ein Wink für die Preußen, welchen Weg sie nehmen sollten, um die besten Teile Bayerns endgültig zu besetzen? Oder handelt es sich eher um Hinweise zu einem etwaigen Vereinslokal einer Krieger- und Reservistenkameradschaft? Rätselraten ohne wirklich passende Antwort.

Die Frage lässt einen daheim nicht los, also begibt man sich auf Recherche und wird, nach längeren Nachforschungen am Computer, fündig: Die mysteriösen kleinen Schilder mit den merkwürdigen Gegenständen verweisen auf den "Räuber-Kneißl-Radweg". Den haben die Gemeinden der sogenannten Westallianz - neben Karlsfeld sind das Bergkirchen, Sulzemoos, Pfaffenhofen an der Glonn, Odelzhausen, Gröbenzell und Maisach - neu ausgewiesen. Dieser Mathias Kneißl, geboren in Unterweikertshofen und im Lauf der Jahre fast zu einem Volkshelden à la Robin Hood verklärt, wurde nach einer Schießerei mit 150 Polizisten, die ihre Köpfe vermutlich mit Pickelhauben bedeckt hatten, gefasst, in einem umstrittenen Prozess zum Tode verurteilt und 1902 enthauptet. Nun wird zwar auf der Internet-Seite, die eigens für die 110 Kilometer lange Vier-Etappen-Rundtour erstellt wurde, angekündigt, dass man entlang der Wegstrecke die Historie des Räubers zwischen 1857 und 1902 kennenlernen könne, doch in Karlsfeld ist davon bislang nichts zu sehen, auch nicht auf der Homepage der Gemeinde. Es sind eben besondere Zeiten, das Rätselraten hat sich trotzdem gelohnt, und das Radeln sowieso.

© SZ vom 25.04.2020

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