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Mitten in Dachau:Lesen auf den ersten Blick

Zum Welttag des Buches lädt die Stadtbücherei zum Blind Date mit Büchern ein. Ob sich eine literarisches Techtelmechtel entwickelt, entscheidet der erste Satz

Glosse von Gregor Schiegl

Oft haben Äußerlichkeiten wenig mit den wahren Qualitäten zu tun. Das ist eine Lebensweisheit, die auch in der englischen Redewendung "Don't judge a book by its cover" ihren Ausdruck findet. Buchverlage hindert dies nicht daran, Schund mit schönen Einbänden auszustatten und Meisterwerke der Literatur mit dem Sex-Appeal eines Baumarktkatalogs herauszugeben, was ökonomisch durchaus nachvollziehbar ist. Wer einen Blick auf die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste wirft, findet dort immer noch dieselben mediokren Autoren wie vor zehn Jahren. Aber was man kennt, das liest man. Beim Bauern sind es die Kartoffeln, beim Leser die Bücher.

Wer sich derart gegen Zumutungen und Risiken absichert, wird in der Regel keine großen Entdeckungen machen. So ist es auch in der Liebe, weshalb für besonders Wagemutige und Verzweifelte das Blind Dating erfunden wurde: Man weiß nicht, was kommt, und so sind Beziehungen möglich, die man sonst nur aus Romanen kennt. Zum Welttag des Buches an diesem Samstag lädt die Stadtbücherei zum Blind Date mit Büchern ein, die in neutrales blickdichtes Papier verpackt sind. Einziger Hinweis auf den Inhalt des Buches ist der erste Satz der Geschichte, der auf dem Packpapier steht. "Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der ein beträchtliches Vermögen besitzt, einer Frau bedarf", wäre die Einladung zu Jane Austens "Stolz und Vorurteil".

Dass man nur die Bücher datet und nicht die Protagonisten, mag man zunächst als Schwäche dieses literarischen Tête-à-Têtes sehen. Was für ein Spaß wäre es, mit Madame Bovary zu techtelmechteln oder mit den drei Musketieren um die Häuser zu ziehen (sofern sie nicht aus zu vielen Haushalten stammen). Aber bei den Schurken, die bekanntlich alle Frauenherzen höher schlagen lassen, ist doch höchste Vorsicht geboten. Beim Räuber Hotzenplotz wäre dringend zu überprüfen, ob die Kaffeemühle danach noch an ihrem angestammten Platz steht. Und keinesfalls sollte man sich von dem kultivierten englischen Doktor Jekyll überreden lassen, ihn nachts in einer dunklen Gasse zu treffen. Man könnte ihn dann nämlich von einer ganz anderen, schrecklichen Seite kennenlernen. Aber lesen Sie selbst.

© SZ vom 24.10.2020

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