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Mitten im Alltag:In Pirouetten zum Bäcker

Was ist bloß los mit den Leuten, die mitten auf der Straße plötzlich die Richtung wechseln? Wer ab und zu einkaufen geht, stößt schnell auf die Lösung

Von Thomas Balbierer

Auf den Straßen der Stadt lässt sich seit einiger Zeit ein sonderbares Phänomen beobachten: Fußgänger ändern so abrupt ihre Laufrichtung als wären sie von einer höheren Macht gesteuert. Sie marschieren den Weg entlang, zucken kurz zusammen und drehen sich um 180 Grad. Dann laufen sie in die Richtung zurück, aus der sie gerade gekommen sind. Die plötzliche Kehrtwende erinnert von außen betrachtet an das um die Jahrtausendwende erfolgreiche Computerspiel Die Sims, das eine Welt mit echten Familien und Gefühlen simuliert. Nur haben die Sims - so werden die Bewohner genannt - keinen eigenen Willen, sondern folgen dem Mausklick eines allmächtigen Spielers: Trink Wasser, triff dich mit Freunden, mach einen Handstand, fang eine Affäre an! Ist das neuartige Hakenschlagen ein erster Hinweis darauf, dass auch wir nur Figuren auf einem gigantischen Schachbrett sind - der Willkür einer unbekannten Macht unterworfen? Ist das Leben, wie wir es kennen, bloße Simulation?

Der Zweifel am eigenen Sein löst sich in Luft auf, als man selbst zum ersten Mal eine Pirouette auf der Straße dreht. Man versteht, dass das Phänomen nicht einem Fehler in der Matrix, sondern allzu menschlicher Fehlbarkeit entspringt. Am Samstagmorgen war es so weit: Noch etwas schlaftrunken machte man sich auf den Weg zum Bäcker, verließ das Haus und ging zielstrebig zum Semmelholen. Auf halber Strecke schlug die Erkenntnis ein wie ein Blitz: Mist! Die Maske lag noch zu Hause. Auf dem Weg zurück zur Wohnung wich der Ärger über die eigene Schludrigkeit schnell einer Idee: Um in Zukunft Extrawege zu vermeiden, könnte man mehrere Masken an strategisch klugen Orten platzieren - in Jackentaschen, im Rucksack, im Einkaufsbeutel, im Handschuhfach des Autos und beim Schälchen für die Schlüssel. So wäre es unmöglich, die Maske beim Weggehen zu vergessen.

Ein wenig stolz auf so viel Selbstständigkeit, denkt man mitleidig an die fremdgesteuerten Sims aus dem Computerspiel. Wobei, so schlecht hatten sie es auch wieder nicht. Schließlich mussten sie beim Semmelholen keine Maske tragen.

© SZ vom 09.07.2020

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