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MITTEN AUF DEM RASEN:Alles klar, Couch... äh Coach!

Nach der Corona-Krise kehren die Amateurfußballer mit mäßiger Fitness aufs Feld zurück. Plötzlich sind Bankdrücker im Vorteil.

Von Thomas Radlmaier

Es heißt, Fußball sei reine Kopfsache. Und der pfeilschnelle Verteidiger Walter Frosch (R.I.P. Legende!), der nach eigenen Angaben 60 Kippen am Tag rauchte und nur in der Kneipe noch mehr abräumte als auf der linken Außenbahn, war so ein Kopffußballer. 1976 wollte Trainer Jupp Derwall, noch so eine Legende, den Grätschenkönig in den Kader der B-Nationalmannschaft berufen. Frosch, den Fans später immerhin in die "Jahrhundertelf" des FC St. Pauli wählten, lehnte ab mit dem Satz: "Ein Walter Frosch spielt nur in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl."

Selbstbewusstsein und ein klitzekleiner Schuss Wahnsinn - das ist das Holz, aus dem die wahren Fußballhelden geschnitzt sind. Gerade in dieser Phase der Coronakrise zahlen sich solche Tugenden aus. Denn der Ball rollt wieder, auch in den untersten Klassen, wo angeblich der ehrlichste Fußball gespielt wird. Viele Amateure der Kreis- und A-, B- und C-Klassen kehren dieser Tage zum Training auf den Rasen und die Rote-Erde-Plätze zurück. Denn nun ist klar, dass die aktuell ausgesetzte Spielzeit bis zum 30. Juni 2021 zu Ende gespielt werden soll. Die Fußballsaison 2020/21 wird dafür gestrichen. Noch weiß aber niemand, wann genau es weitergeht - die Rede ist von September. Aktuell steht laut BFV aber nicht fest, ob der Spielbetrieb im Amateurbereich überhaupt ab September wieder zugelassen wird. Spiele unter der Woche oder am Abend seien für viele Vereine und Amateurspieler nur im Einzelfall zu absolvieren, heißt es beim Verband.

Wenn es wieder losgeht mit Amateurfußball, wollen alle Spieler und Übungsleiter bestens vorbereitet sein. Mancher Trainer dürfte, nun ja, überrascht sein, wenn er erstmals nach der coronabedingten Saisonpause seine Mannschaft wiedersieht. Die Gefahr besteht, dass die Spieler eine runde Kugel erblicken, wenn sie nach unten schauen. Und damit ist nicht der Ball gemeint. Als der Staat vor Monaten wegen Corona Sport in Gruppen verbot, tippte so mancher Trainer aufgeregt eine Nachricht in die Mannschafts-Whatsapp-Gruppe: "Jungs, ab jetzt liegt es an jedem Einzelnen, sich selbst fit zuhalten!" Die Spieler antworteten so oder ähnlich: "Ist klar, Trainer! ;-) ;-)" Oder: "Keine Sorge, Couch... äh Coach!" Oder einfach: "Hahahahaha".

Jetzt startet das Training wieder. Und es schlägt die Stunde der einstigen Bankdrücker. Die, die vor Corona chronischen Trainingsrückstand hatten, sind jetzt mit allen anderen auf einem Fitnesslevel. Denn für sie hat sich in den vergangenen Monaten nichts verändert. Außer, dass jetzt auch alle anderen nur noch Luft für 30 Minuten haben. Nicht mehr Kondition, jetzt entscheiden allein Kopf und Cleverness, wer den Platz als Gewinner oder Verlier verlässt. Womit man wieder bei der Weisheit angelangt ist, dass Fußball reine Kopfsache ist.

© SZ vom 17.06.2020

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